Wiener Festwochen: Látszatélet / Scheinleben

Mai 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kornél Mundruczós hyperrealistisches Meisterwerk

Szilveszter trifft auf Jónás: Zsombor Jéger und Dáriusz Kozma. Bild: Marcell Rév

In der Wohnung der Mütter trifft Szilveszter auf Jónás: Zsombor Jéger (re.), Dáriusz Kozma und ein Samuraischwert auf dem Tisch. Bild: Marcell Rév

Kornél Mundruczó und sein Proton Theatre aus Budapest sind wieder Gast der Wiener Festwochen; im Museums- quartier brachten sie ihre jüngste Arbeit „Látszatélet/ Scheinleben“ zur Uraufführung. Vorstellungen gibt es bis 24. Mai, Karten auch noch, und dies ist eine absolute Empfehlung. Mundruczós Kinobühnenschau weist ihn einmal mehr als meisterlichen sowohl Theater- als auch Filmregisseur aus, doch ist diese Inszenierung stiller, subtiler als andere, die das Publikum von ihm kennt.

Was der Wirkung keinen Abbruch tut, im Gegenteil. In einen Kubus hat Bühnenbildner Márton Ágh eine verwahrloste Wohnung, eine hyperrealistisch abgehauste Puppenstube hineingebaut, ein Zimmerküchekabinett auf engstem Raum. Der Kubus ist beweglich, er wird sich einmal um die eigene Achse drehen, dies die stärkste, eindrücklichste, gewalttätigste Szene des Abends, und eine ohne Schauspieler, Tisch und Sessel und Sofakissen, Wäscheständer und Waschmaschine fliegen durch die Luft. Das angesammelte Leben eines Menschen verwandelt sich in einen Schutthaufen, durch eine Wendung der Geschichte. Was mehr lässt sich sagen über eine gesellschaftliche Schieflage, über Umstürze, die eine Existenz ins Chaos werfen? Mehr „politisches Statement“ geht nicht.

Cigànykerék heißt Purzelbaum, und Mundruczó erzählt über die ungarischen Cigán, die Minderheit der Roma, völkisches Feindbild nicht erst seit dem Aufstehen der Jobbik Partei. Einen ihrer Politiker, Péter Jakab, lässt Mundruczó sogar im von Kata Wéber verfassten Text vorkommen. In einem Interview mit dem Landser sprach sich Jakab, 2014 Oberbürgermeisterkandidat in der Industriestadt Miskolc, für die Auflösung des dortigen „Zigeunerghettos“ aus. Frau Lőrinc Ruszó, eine der Protagonistinnen in „Látszatélet“ soll zwangsdelogiert und umgesiedelt werden, dies und die Erinnerung an frühere Tage, an die Zeit der Zwangswaschungen, rauben ihr die Luft, ihr wird übel, die Rettung gerufen. Die Frau am Funk sagt lapidar: „In diese Siedlung fahren keine Krankentransporte. Wenn wir in Fällen wie dem auch noch helfen, würde das ungarische Volk untergehen.“

Die große Schauspielerin Lili Monori verleiht sich an die Figur Lőrinc Ruszó, zwanzig Minuten ist ihr Gesicht zu Beginn überlebensgroß auf einer Leinwand zu sehen. Wie sie mit dem Mietzinseintreiber (großartig: Roland Rába als fleischgewordenes, letztlich allzumenschliches Inkassobüro) um ihr Hab und Gut verhandelt, wütend ist und weinerlich und wie sie schließlich, als sich der Stoff hebt, doch weg muss! Ihr Mann ist tot, ihr Sohn hat sie verlassen. Sein Schicksal, ein Kampf um Identität und Zugehörigkeit, wird sich in Zuspielungen erklären, bis auch er aus dem Film in die Bühnenwirklichkeit tritt. Die Wohnung wird wieder vergeben, diesmal an Annamária Láng als junge Veronika, die ihr Kind verleugnet, um überhaupt einziehen zu dürfen. Kindersegen sei das große Druckmittel der Minderheiten, meint nämlich der Vermieter. Doch sie holt ihren Buben nach, und in einer letzten Szene stehen sich der blondgeborene Jónás und der blond gefärbte Szilveszter gegenüber, in einem Reminiszenzmix aus „Poltergeist“ und „Shining“, teilweise projiziert auf Sprühnebel, der eine wie die albtraumhaft ältere Ausgabe des anderen. Jónás wird dystopisch-mutmaßlich noch dorthin kommen, wo Szilveszter schon ist, und ein Samuraischwert wird zwischen ihnen liegen …

Die mittellose Veronika in ihrer neuen Behausung: Annamária Láng. Bild: Marcell Rév

Für diese abgehauste Behausung verleugnet die mittellose Veronika sogar ihren Sohn: Annamária Láng. Bild: Marcell Rév

Der Mieteneintreiber ist auch nur ein Mensch: Roland Rába. Bild: Marcell Rév

Der Mieteneintreiber ist auch nur ein Mensch: Roland Rába als fleischgewordenes Inkassobüro. Bild: Marcell Rév

Nur eine Handvoll Charaktere und nur 100 Minuten braucht Mundruczó, um dieses Szenario zu entwerfen, dass er freilich vom ungarischen ins universellere hebt. Die Themen Gentrifizierung und Gewalt an Frauen, Rechtsradikalismus und Rassismus werden stringent anhand zweier Familiengeschicke abgehandelt, ohne dass die Handlung ins Uferlose zerfasert. Mundruczó zeigt auf, er erklärt nicht, er muss nichts durchdeklinieren, um seine Anordnung der Macht- und Ohnmachtsverhältnissen verständlich zu machen.

Er kann den Finger in die Wunde einer zynischen, entsolidarisierten Gesellschaft legen, ohne oberlehrerhaft mit ihm zu fuchteln. Er stellt ein ganzes System bloß, indem er es bloß ausstellt. Das mitunter in kleinsten Details: Auf einem Plattencover etwa steht „1928“, das ist das Jahr, in dem Ungarn die  „Registrierung der Wanderzigeuner“ einführte, bei gleichzeitigen Razzien in mehreren Komitaten, und Österreich die „Zigeunerkartothek“, die kriminalpolizeiliche und „rassenkundliche“ Erfassung der Roma, eine praktische Vorbereitung der später folgenden nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

„Látszatélet“ fußt auf einer wahren Begebenheit. Im Mai 2005 wurde in Budapest ein junger Rom mit einem Samuraischwert attackiert und schwer verletzt. Die Medien berichteten ausführlich über dieses rassistisch motivierte Gewaltverbrechen, Menschenrechtsorganisationen organisierten Demonstrationen gegen Rechts. Die Polizei aber fand den Täter, und er war ebenfalls ein Rom. Mit hellerer Hautfarbe geboren, als seine Geschwister, nunmehr Mitglied einer traditionalistischen, rechtsextremen Gruppierung. Wie weit muss der Selbsthass gehen, damit man einen anderen so sehr hassen muss? Im Stück/Film lässt Mundruczó seinen von Zsombor Jéger dargestellten Szilveszter in Bleichmittel baden. Doch das Scheinleben löst sich auf. Und die Kluft klafft immer weiter auseinander.

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 23. 5. 2016