Wiener Festwochen: Città del Vaticano

Mai 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Freie Assoziation mit Falk Richter

Bild: © Matthias Heschl

Gabriel da Costa, Vassilissa Reznikoff und Christian Wagner. Bild: © Matthias Heschl

Den Moment des Abends hat ganz am Ende Performer Gabriel da Costa, der beschlossen hat mit seinem Lebenspartner und seiner Immer-noch-Lebensgefährtin die Elternschaft zu dritt zu wagen. Er liest seinen Brief an den ungeborenen Sohn vor. In dem wünscht er ihm ein Leben in einem Europa ohne Grenzen. Da Costa meint das so buchstäblich wie metaphorisch. Ob das möglich sein kann, man weiß es nicht.

Schon davor gibt es diese starke Szene, die sieben Darsteller und ihr Bild der Tochter Agenors, ein Bild vergangener Kriege und untergegangener Terrorregime, eine Sequenz über Verfolgung, Folter und darüber, dass auch von hier einmal Flüchtlinge in eine bessere Welt wollten. Und schon wird wieder Position geprobt. Vassilissa Reznikoff ist ein Mädchen, das ohne Panikattacken vor Anschlägen in einem Café sitzen will, während der junge Mann – Johannes Frick – aus der Banlieue findet, reiche Innenstadtbewohner würden zu Recht in die Luft fliegen. Ein AfD-Fan holt sich auf Frauke Petry einen runter, eine Action, bei der Christian Wagner alles Heil in seine rechte Hand legt. Und schließlich Steffen Link. Er sagt etwas zu Österreich. Natürlich ist der Wahlsonntag ein Thema. Hierzulande sind die Hofers ja bekanntlich berühmte Freiheitskämpfer.

Davon hätte man gerne mehr gesehen. Als Diskurs einer gut ausgebildeten, angeblich emanzipierten, sich selbst aber bis zur Ohnmacht reflektierenden Generation. Ihre gegenwärtige Orientierungslosigkeit. Ihr „Können oder Nichtkönnen“ mit einem Kontinent, den sie allmählich zu gestalten beginnen sollten. Ihre Vorstellung von Zukunft und wie ihnen der Weg dorthin zu bereiten ist. Aber! Falk Richter hat beschlossen etwas über die „Città del Vaticano“ zu erzählen. Wobei der Titel genauso Ettikettenschwindel ist, wie der Umstand, dass sich seine Inszenierung im Rahmen der Wiener Festwochen eine Uraufführung nennt. Nach zwei Arbeitsphasen bei der Biennale di Venezia 2015 bezeichnen Richter und sein Choreograf Nir de Volff ihr Projekt am Schauspielhaus nämlich als „öffentlichen work in progress“ – womit es sich anscheinend jeder Kritik zu entziehen sucht, weil: bitte! noch nicht fertig.

Der Schein trügt nicht. Was hätte das nicht alles werden können. Eine Auseinandersetzung mit einem Zeitsymptom, das lieber Angst schüren als Antworten suchen will. Eine Hinterfragung eines Wertekatalogs, den sogar Angela Merkel auf ihrer Webseite bemüht, wenn es um „die“ und „uns“ geht. Man darf annehmen, dass der historische Jesus so ausgesehen hat, wie die Männer vor denen wir uns im Flugzeug fürchten, sagt Link, und dies dazu der bezeichnendste Satz. Die Auseinandersetzung mit der Kirche und ihrem die ihr zugehörigen Gesellschaften bestimmenden Kanon bleibt in der Untiefe stecken. Stattdessen die einer Freikirche geschuldeten Pubertätstraumata und Kerzlschluckeranekdoten, teilweise höchst amüsant, ja das Publikum lacht laut, aber, Travnicek … Eindeutig fehlt diesem polyglotten Seelenstriptease die rotweißrote Farbe, das Brachialbarock-Katholische. Wir leiden, aber lustvoller und mit weniger Larmoyanz. Das erste Wunder Jesu ist die Wandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana, und daran halten wir uns fest in Ewigkeit Amen. Punsch im Bauch & Rausch-Goldengel an den Christbäumen.

Bild: © Matthias Heschl

Choreografie von Nir de Volff. Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Vassilissa Reznikoff und Steffen Link, Telmo Branco und Gabriel da Costa. Bild: © Matthias Heschl

So aber moderiert Tatjana Pessoa die Eh-schon-wissen-Anklagen gegen den Vatikan. Von Knabenmissbrauch bis kirchlicher Geldwäsche. In konzentrischen Kreisen – ups, das ist ja das Schauspielhaus-Logo – widerkäut die Truppe more of the same. Freie Assoziation mit Falk Richter! An manchen Stellen so intolerant wie jene, denen man den Vorwurf daraus strickt. Und unter Missachtung der Tatsache, dass der neue Firmenchef ohnedies versucht, Licht in all die Dunkel zu tragen, während der Angegiftete in Castel Gandolfo vor sich hin vergreist. Die Jungschargruppe formiert sich zum Diskussionskränzchen über „Schwule in Frauenkleidern“. Die Homophobie der Kirche ist im Schwerpunkt der Aufführung, bezüglich der Diskriminierung der Frau bleibt einem da nur ein: Heiliger Sebastian, bitt‘ für uns! Der postdramatische Protest, an manchen Stellen so nervös, dass man der Performance ein Frankie-goes-to-Hollywood „Relax“ wünscht, schrammt schon die Grenze zur Peinlichkeit, weil: stell‘ dir vor du willst erregen, aber die Zuschauer schert das einen feuchten … In Wien also kein Anzeichen von „FEAR“; dass der Abend trotzdem rüberkommt, ist die Leistung eines Ensembles, das mit seiner überbordenden Spielfreude wie unter Strom steht.

Die Suche nach Identität, mit der sich Richter in seinen Arbeiten sonst vorrangig beschäftigt, muss diesmal aber wegen Erfolgslosigkeit abgeblasen werden. Sie bleibt hier nur ein kindlicher Versuch, der ins Nichts verpufft. Tatsächlich schmerzhaft intensiv sind an diesem Abend nur die von Nir de Volff choreografierten Tanzszenen, ganz ausgezeichnet ausgeführt, mit den Schauspielhaus-Ensemblemitgliedern Reznikoff und Link als vollintegrierte Partner. Frick und Wagner überzeugen ihrerseits in zwei sehr sarkastischen Karikaturen als Schauspieler, Telmo Branco präsentiert sich als wunderbarer Tänzer. Das Schönste an „Città del Vaticano“ ist es, dieser multidisziplinär agierende Truppe bei der Arbeit zuzusehen. Die Akteure charakterisieren in vieler Hinsicht genau diese Grenzüberschreitung, die ein neues Europa ausmachen sollte. Was den Rest betrifft, kann man mit dem guten Gewissen aus der Vorstellung gehen, immerhin 25 Euro für die gesehene Gruppentherapie im Opferstock hinterlassen zu haben.

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Wien, 22. 5. 2016