Stewart O’Nan: Westlich des Sunset

Mai 19, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarisches Requiem für F. Scott Fitzgerald

978-3-498-05045-0Ein Vanitas-Motiv. In Los Angeles hat es wieder einmal ein Erdbeben gegeben. Auch die Hollywood-Studios sind betroffen, und am nächsten Tag diskutieren Kulissenschieber über die Wiederverwertbarkeit ihres Arbeitsstoffes. Das Segeltuch in der Schlammpfütze, ein Jade-Buddha, dessen gerissene Haut ihn nunmehr als Schaumstoffgeschöpf ausweist, wird davon etwas zu retten sein? Oder ist das Schicksal der Religionsgründerattrappe besiegelt? Techniker denken praktisch. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod.

F. Scott Fitzgerald am Kamin, die Faust verkrampft über der gekrampften Brust, die letzte Herzattacke – und ein letzter Gedanke: „Ich bin noch nicht fertig.“ Es ist das Jahr 1940 und ein angefangener Roman liegt in der Schublade und Nazi-Deutschland ist auf dem Vormarsch. Während der einstmals gefeierte US-Schriftsteller versucht aus seiner Vergangenheit etwas Neues zu generieren, erhebt sich in Europa eine schreckliche Zukunft, der Zweite Weltkrieg dämmert herauf und bald wird es erste Gräuelmeldungen geben …

Stewart O’Nan hat mit seinem Roman „Westlich des Sunset“ ein Requiem für F. Scott Fitzgerald geschrieben, dessen Tonfall eine einzige Erinnerung, eine Sentimentalität, eine Sehnsucht. Denn als das Buch beginnt, hat der Autor des „Großen Gatsby“ definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Seine Traurigkeit über gülden gewesene Tage hängt über den Seiten, Tage, in denen seine extravaganten Eskapaden Bilder für Glamourzeitschriften lieferten, nun entpuppt sich der Glamour als Tand, der schicke Roadster ist nur noch ein gebrauchter Ford. Fitzgerald ist bankrott, seine Frau Zelda, von ihrer psychiatrischen Familiengeschichte eingeholt, in ein Nervensanatorium eingewiesen, das Schulgeld für Tochter Scottie nicht mehr zu bezahlen. Fitzgerald versucht es an einem Ort, an dem er zuvor schon zwei Mal gescheitert ist: in Hollywood. Ein Gnadenbrot als Drehbuchautor. Er wird wieder scheitern. Diesmal existentiell scheitern. „Für mich war es, als würde ein großer Bildhauer dafür engagiert werden, als Klempner zu arbeiten. Er hatte keine Ahnung, wie er die verdammten Rohre verlegen sollte“, soll Regisseur Billy Wilder gesagt haben.

„Westlich des Sunset“ ist O’Nans bisher schönst geschriebenes Buch. Eines, das sich so angenehm liest, als ließe man kühles Wasser über die Handgelenke laufen. Eine traurige Ballade darüber, wie das Leben sein kann, wenn man nicht sorgfältig darauf aufpasst, mit einem Refrain, der, weil dies Teil seiner selbst ist, sich wiederholt und wiederholt. Fitzgerald arbeitet an einem Treatment, der Auftrag wird ihm entzogen, er trinkt, Zelda dreht am Rad, er trinkt mehr, er muss deswegen bei seiner Geliebten zu Kreuze kriechen … Die gibt es auch. Sheilah Graham, eine Societyreporterin. Und mit ihr noch mehr Schuldgefühle. Das Gewissen beißt ins kranke Herz. Das alles vor einer aufwendigen Traumfabriksdekoration, Filmpremieren in Grauman’s Chinese Theatre, teure Partys im Cocoanut Grove, Mittagessen in der Studiokantine mit Dorothy Parker und den anderen Intellektuellen, Zynikern und Chauvinisten, dazu passendes Namedropping von Humphrey Bogart bis Ernst Hemingway. Man ist verwundert, dass in diesem einzigen Riesenbesäufnis je ein Film zustande kam. „Das war das Problem mit Hollywood: Alles verwandelte sich in einen Plot“, lässt O’Nan seinen Protagonisten sagen. Ein Satz, gut erdacht für einen, der sein ganzes Sein in eine Fiktion von Glück und Reichtum verwandeln wollte. Mitunter fließt staubtrockener Humor durch die hochprozentige Erzählung. Die Hoffnung, dass morgen alles besser ist, trügt.

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Fitzgerald hat sich vergeudet. An eine Welt, die ihn einst und er sie mit ausladenden Gesten umarmte. Es war seine größte Schwäche, dass er sich selber nicht widerstehen konnte. Hemingway dient der Erdung. Mit seinen Schilderungen aus Spanien, später Frankreich. Im Zusammenspiel der beiden „Kontinente“ entwickelt O’Nans Geschichte erst ihre emotionale Sprengkraft. Und im Aufeinanderprall mit dem dritten. Die wenigen Besuche Fitzgeralds bei Zelda sind die stärksten Szenen. Eindrücklich zeigt O’Nan in ihnen, wie eine fürs Leben geglaubte Liebe durch immer neue Erschütterungen porös wird – die Erdbeben und das Herz, Thema auch hier – bis sich die Liebe in etwas anderes verwandelt. In Mitleid und Mißbehagen.

Mit kühnen Strichen entwirft der Autor seine Figur. „Ein Gestrauchelter muss eine unzumutbare Last an Erwartungen tragen“, schreibt Fitzgerald an Zelda, und er meint sich, nicht sie. In diesen Teilen ist O’Nan ein Verzweiflungsbuch von besonderer Qualität gelungen. Zensur und Selbstzensur werden beschrieben, aus der Erzählung „Untreue“ wird für die Doch-nicht-Verfilmung mit Joan Crawford das Script „Treue“.

Reinecke heißt Hitlers Mann in Hollywood. Er achtet darauf, dass das Dritte Reich im US-Kino nicht zu schlecht wegkommt. Wer glaubt, in Hollywood sei der Kampf gegen den Faschismus eine Selbstverständlichkeit gewesen, täuscht sich aber wie. Lesern verlangt O’Nan dabei auch einiges an Vorwissen ab. Am Ende aber wird sein Roman viel mehr gewesen sein, als eine Biografie der letzten drei Lebensjahre Fitzgeralds. Er ist auf einer Metaebene die Schilderung eines Künstlerschicksals, deren Antiheld die Reise in die Zukunft nicht anreisen kann. Fitzgerald muss sterben, weil er sich überlebt hat. Sein Stil, seine Art Stoffe anzugehen, sind nicht mehr gefragt. Er und die verwehte Elegance, die der verlebte Dandy nach wie vor auszustrahlen wagt, gelten als nicht mehr zeitgemäß, die Hyänen haben von den Löwen die Herrschaft übernommen. Metro-Goldwyn-Mayer bringt 1940 die Komödie „Comrade X“ mit Clark Gable und Hedy Lamarr heraus. Als Gable scherzt, nun seien Nazi-Panzer zumindest auf der Kinoleinwand in Russland einmarschiert, weiß er noch nicht, wie nah er der Wahrheit ist. Doch da ist F. Scott Fitzgerald schon gegangen. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod. Schriftsteller leben einfach nicht praktisch.

Über den Autor:
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Westlich des Sunset“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de

Wien, 19. 5. 2016