Joseph O’Neill: Der Hund

Mai 19, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Innenschau eines lebenslangen Prügelknaben

buchEs ist kein spektakuläres Buch, dramatische Szenen wird man vergeblich suchen, doch das tut dem hervorragenden Roman „Der Hund“ von Joseph O’Neill, der auf der Longlist des Man Booker Prize 2014 stand, keinen Abbruch. Es ist die eindrucksvolle Schilderung eines Lebensabschnitts eines Mannes, dem das Glück nicht gerade hold war, der aber auch selbst kein Freund von Ehrgeiz und Engagement ist, und Konflikten und Auseinandersetzungen am liebsten aus dem Weg geht statt sich ihnen zu stellen. 2007, kurz vor Beginn der internationalen Finanzkrise, begegnet der Erzähler, ein New Yorker Wirtschaftsanwalt, dem nicht nur das Lebensglück sondern auch seine Lebensgefährtin gerade abhanden gekommen sind, einem alten Studienfreund, Eddie Batros.

Spontan nimmt er dessen Angebot an, in Dubai das immense Familienvermögen des libanesischen Batros-Clans zu verwalten. Er hofft auf einen Neuanfang in der modernsten Stadt der Welt. Als „Family Officer“ dient er der steinreichen Familie des Freundes als juristischer Puffer. Er muss Dokumente unterzeichnen, die Vorgänge beschreiben, von denen er keine Ahnung hat. Er muss Geld-Transfers absegnen, deren Legalität er nicht durchschaut.

Als Gegenleistung darf er etwas am Luxus teilhaben.

Der Autor, der schon mit „Niederland“ einen großen literarischen Erfolg feierte, zeichnet auch ein genaues Porträt einer Stadt des 21. Jahrhunderts – Dubai, Hightech-Oase in der Wüste mit Hang zur Gigantomanie, solange das Erdöl fließt – wo der Kapitalismus alles beherrscht, mit Geld alles gekauft werden kann und Menschen aus Bangladesh, Jemen oder Pakistan, die hier am Bau oder in Hotels ihrer Arbeit nachgehen, wenig zählen.

Die westlichen Business-Leute, die nach Dubai gekommen sind, haben sich dem angepasst, nehmen zur Kenntnis, dass man mitspielen muss. Und mit Beziehungen geht schließlich (fast) alles. Man trifft sich in Bars, geht Tauchen, lässt sich mit einem ultramodernen Massagesessel eine Stunde lang durchkneten und schaut zu, wie die neuen Wolkenkratzer Tag für Tag ein Stück mehr nach oben wachsen, bis sie wieder abgerissen werden, um noch höheren Gebäuden Platz zu machen. Ein Teil der Gesellschaft des Landes wird man nicht. Das muss auch der Anwalt erkennen, mit am Ende schmerzlichen Konsequenzen.

Bild: mottingers-meinung.at

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O’Neill erzählt die Geschichte zum Großteil als inneren Monolog, inklusive philosophischer Essays über Ethik im Baugewerbe, Prostitution oder über die soziale Funktion von Facebook. Der Leser taucht in die, manchmal auch wirre, Gedankenwelt eines Mannes ein, der sich selbst als „Hund“ oder Prügelknabe sieht. Immer wieder analysiert der Ich-Erzähler, was eigentlich zu tun wäre, welche Entscheidung er treffen muss, um sie dann doch nicht zu treffen. So wird er zum Spielball anderer.

Erst als sich die dubiosen Finanzgeschäfte seiner Auftraggeber durchaus nicht von ihm verwalten lassen wollen, dämmert ihm, dass er vielleicht eine Hölle gegen eine andere eingetauscht hat. Denn am Schluss muss er erkennen, dass er nur Gehaltsempfänger ist und zum Sündenbock für die dubiosen Machenschaften des Batros-Clans gestempelt wird. „Die Welt dreht sich weiter. Sie kümmert sich nicht – außer, sie hat einen im Visier.“ Seine angeblichen Freunde lassen ihn fallen. Wieder einmal ist er der Prügelknabe, ein Mann, dessen schier endlose Fähigkeiten, sich die Welt zurecht zu argumentieren, an den moralischen Kategorien des modernen Kapitalismus ebenso zuschanden werden wie an denen der Ehe und am Alltagsleben.

Joseph O’Neills Roman beschreibt die Demontage eines ganz normalen Zeitgenossen, der keineswegs zu gut ist für diese Welt, der für sein Glück kämpft und rackert, lügt und betrügt, aber trotzdem an ihr scheitert. Ein gelungenes Buch über das Menschsein in der Leere des globalen Kapitalismus, in dessen Vordergrund das „Immer Mehr“ und „Vorwärts um jeden Preis“ steht. Kollateralschäden inbegriffen.

Über den Autor:
Joseph O’Neill wurde 1964 als Sohn eines Iren und einer Türkin in Cork geboren und wuchs in Holland auf. Er studierte Jura in Cambridge und arbeitete als Anwalt in London. Später ließ er sich als freier Autor mit seiner Familie in New York nieder. Für seinen internationalen Bestseller „Niederland“ wurde er 2009 mit dem PEN/Faulkner-Award ausgezeichnet. „The Dog“ (dt. „Der Hund“) war für den Man Booker Prize 2014 nominiert.

Rowohlt, Joseph O’Neill: „Der Hund“, Roman, 324 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Nikolaus Stingl.

www.rowohlt.de

Wien, 19. 5. 2016