Belvedere: Yan Pei-Mings „Crucifixion“

Mai 17, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Chinesische Kulturrevolution trifft auf Christus

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg.

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg.

Im Rahmen der Ausstellungsreihe „Intervention“ zeigt das Belvedere ab 18. Mai in der Schlosskapelle des Prinz Eugen „Crucifixion“, ein Hauptwerk des chinesischen Künstlers Yan Pei-Ming. Die monumentale Arbeit ist zum ersten Mal in Österreich zu sehen. Die Kapelle zu bespielen, sei ihr lang gehegter Wunsch, sagt Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressepräsentation am Dienstag Vormittag: „Durch Pei-Mings ,Crucifixion‘ entsteht in dieser sakralen Umgebung eine einmalige Atmosphäre. Ein nahezu unvergleichliches Zusammenspiel von Barock und Gegenwart, ein Raumerlebnis, das den Betrachter unweigerlich in seinen Bann zieht.“

Yan Pei-Ming wurde 1960 in Shanghai geboren und ist während der Chinesischen Kulturrevolution ebendort aufgewachsen. Um Künstler zu werden, verließ er als 19-Jähriger China und studierte in der Folge an der École Nationale Supérieure d’Art in Dijon. Seither lebt und arbeitet Yan Pei-Ming in Dijon und Paris. Auf der internationalen Bühne der zeitgenössischen Kunst gilt er als einer der erfolgreichsten chinesischen Künstler. Sein Schaffen umfasst neben großformatigen Porträts von bedeutenden Persönlichkeiten, Selbstbildnissen und Tierbildern auch reflexive Interpretationen von Meisterwerken der Kunstgeschichte. Sein expressiver Stil, die große Gestik, die monochrom anmutende Farbpalette sowie die Ausblendung von sekundären Bildelementen und die kontemplative Stimmung seiner monumentalen Werke gründen in der Atmosphäre der Chinesischen Kulturrevolution und den künstlerischen Traditionen des Abendlandes.

„Das Belvedere und seine historische Dimension haben für mich fast mythischen Charakter. Die Macht des Ortes und insbesondere die geistige Aura der Schlosskapelle erweitern die Bedeutungsebenen von ,Crucifixion‘ und verhelfen dem Werk zu einer neuen und tiefsinnigen Wirksamkeit. In der Vergangenheit wurden religiöse Werke vornehmlich für einen spezifischen sakralen Ort sowie für bestimmte liturgische Handlungen konzipiert; diese Beweggründe stehen heute nicht mehr im Vordergrund. Für mich spielt die Frage nach der Bedeutung von zeitgenössischen Werken mit religiösem Hintergrund, und sei es nur im Hinblick auf eine formale Inspiration, eine tragende Rolle. ,Crucifixion‘ nimmt daher innerhalb der Darstellungen religiöser Themen einen völlig neuen Platz ein“, so der Künstler Yan Pei-Ming.

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg

Yan Pei-Ming, Crucifixion, 2015, The Tia Collection. © Yan Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2016. Bild: André Morin, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg

Yan Pei-Ming. Bild: © Belvedere, Wien

Yan Pei-Ming. Bild: © Belvedere, Wien

 

Die prachtvolle Schlosskapelle im Oberen Belvedere ist weitestgehend im Originalzustand erhalten und zeigt die große Bedeutung, die der Bauherr Prinz Eugen von Savoyen den kirchlichen Räumlichkeiten beigemessen hat. Die Fassade am südöstlichen Turm des Schlosses verrät von außen kaum etwas über die Dimensionen der Kapelle, die weit über die eines privaten Andachtsraums hinausgehen. Als einziger Raum – neben dem Marmoorsaal – erstreckt sich die Kapelle über zwei Geschosse. Im Inneren überrascht die hochwertige künstlerische Ausstattung mit dem Deckenfresko von Carlo Innocenzo Carlone mit Gottvater und dem Heiligen Geist, den Skulpturen der Heiligen Johannes der Täufer und Petrus von Domenico Parodi sowie dem Altarbild mit der Auferstehung Christi von Francesco Solimena. Letzteres wird nun für sechs Monate gegen ,Crucifixion‘ ausgetauscht. Die zeitgenössische Arbeit tritt nun in einen spannenden Dialog mit dem historischen und religiösen Umfeld.

www.belvedere.at

Wien, 17. 5. 2016