Burgtheater: Das Programm der Saison 2016/17

Mai 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Cornelius Obonya kommt als „Coriolan“ ans Haus

Renate Aichinger, Chefdramaturg Klaus Missbach, Karin Bergmann und Thomas Königstorfer. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Renate Aichinger, Chefdramaturg Klaus Missbach, Karin Bergmann und Thomas Königstorfer. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit einem Plädoyer für mehr Politikverständnis, den Glauben an Europa und den Verbleib von Kulturminister Josef Ostermayer (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19791), der sich „wie seit Scholten keiner mehr“ für die Belange seines Amtes interessiere, begann Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann am Freitag Vormittag die Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17.

Nach der Euphorie über ein Österreich, das sich von seiner besten Seite gezeigt habe, und der folgenden Ernüchterung über den Wankelmut der Verantwortungsträger, sei es nun an der Zeit, denen etwas entgegenzusetzen, „die alles unternehmen, um Ängste zu schüren und die Menschen in Verunsicherung zu setzen.“ Was diesbezüglich getan werden kann, wolle man mit den kommenden Premieren leisten. Es gehe darum aufzuzeigen, dass diese Gesellschaft „nicht völlig geschichtslos lebt, nicht nur auf sich selbst zurückgeworfen ist – und um das Nachdenken über neue Lebensmodelle.“ Dementsprechend wurde das Motto der neuen Spielzeit aus Goethes „Torquato Tasso“ gewählt: „Ja es umgibt uns eine neue Welt!“ Und die, so Bergmann, sollte eine bessere für alle sein. Zum Thema findet am 17. Mai am Haus eine Diskussion mit Oscar Bronner, Barbara Coudenhove-Kalergi, Andrea Maria Dusl, Michael Heltau, Michael Ikrath, Elisabeth Orth, Wolfgang Petritsch, Christian Rainer, David Schalk und Armin Thurnher über politische und ethische Fragen und den drohenden Verlust demokratischer Werte statt. Es moderiert Peter Pelinka.

Die größte Neuerung: Die „Junge Burg“ wird zur „offenen Burg“, und soll sich nicht mehr ausschließlich an Kinder und Jugendliche richten. Bergmann: „Mir geht es auch hier um Grenzerweiterung. Wir wollen quer durch alle Generationen neue Menschen ans Theater heranführen, nicht mit einem ,Bürgertheater‘, sondern indem wir das Haus verlassen und auf Stadtrecherche zu den Leuten gehen, die die Burg bisher nur aus dem Fernsehen kennen. So sollen Möglichkeiten entstehen, einander kennenzulernen.“ Renate Aichinger, vorgestellt als Leiterin der „offenen Burg“, will dieses Projekt in Transdanubien beginnen. Es soll auch Veranstaltungen bei freiem Eintritt geben.

Pressegespräch auf der Bühne des Burgtheaters. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Pressegespräch auf der Bühne des Burgtheaters. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Karin Bergmann beginnt die Programmpräsentation mit einem Plädoyer für Europa. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Karin Bergmann beginnt die Programmpräsentation mit einem Plädoyer für Europa. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Die Premieren:

„Weil uns antike Dramen ebenso viel zu sagen haben, wie moderne Stücke“, plant Bergmann einen Antike-Schwerpunkt. Antú Romero Nunes, der diese Saison mit „Hotel Europa“ Außerordentliches leistete (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16626), inszeniert im März an der Burg Die Orestie von Aischylos, „den besten Stoff, um sich damit zu beschäftigen, was eine Gesellschaft leisten und wie sie Formen finden kann, um sich selbst zu leiten.“ Im Mai folgen am Akademietheater Die Perser in der Regie von Michael Thalheimer. Dazwischen, im März, gibt es im Kasino die mutmaßlich spannende Produktion Platons Party. Stephan Müller verhandelt anhand der beiden berühmten Platon-Dialoge „Symposion“ und „Phaidon“ essentielle Auffassungen über Eros und Thanatos.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt den Künstlerdramen: Die Burg eröffnet am 24. September mit eben Torquato Tasso in der Regie von Martin Laberenz. Der in Finnland geborene Theatermacher ist für Wien ein neues Gesicht, auf dessen etwas andere künstlerische Handschrift man sich freuen darf. Es spielen Philipp Hauß den Tasso, Ignaz Kirchner, Andrea Wenzl und Dorothee Hartinger. Im Dezember folgt am Akademietheater Ludwig II. nach dem – höchst angegriffenen und letztlich zensurierten – Film von Luchino Visconti. Bastian Kraft setzt das Spiel um Europas letzten Monarchen, der lieber mit Künstlern als mit Politikern regieren wollte, in Szene. Ihm geht es darum, „das Spannungsfeld zwischen Geld, Kunst und Politik“ offenzulegen.

Der dritte Schwerpunkt ist Shakespeare gewidmet. Als Coriolan kommt Cornelius Obonya ans Haus zurück, Carolin Pienkos inszeniert ihren Ehemann und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter Elisabeth Orth, Sylvie Rohrer, Martin Reinke und Bernd Birkhahn. Premiere ist am 16. September am Akademietheater. Die Burg schließt im Jänner mit Die Komödie der Irrungen und Regisseur Herbert Fritsch an. „Ein Titel“, sagt Bergmann, „wir für ihn gemacht, um nach seinem Molière wieder fulminante Funken zu schlagen. Die „offene Burg“ präsentiert dazu im April im Kasino Hamlet, Ophelia und die anderen für Jugendliche ab 14 Jahren. Es inszeniert Cornelia Rainer.

Uraufführungen wird es am Akademietheater zwei geben: Im Jänner ein bemerkenswertes Projekt von Autorinnen aus Österreich, Deutschland, Georgien, Finnland, Serbien und Ungarn – Ein europäisches Abendmahl. „Elfriede Jelinek, Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Sofi Oksanen, Terézia Mora und Biljana Srbljanović werden jeweils eine Frauenfigur schreiben, um die Situation Europas darzustellen“, so Bergmann. Die Texte wird Barbara Frey auf die Bühne heben. Im April zeigt dann René Pollesch Carol Reed (Arbeitstitel). Uraufgeführt wird auch das anarchistische Familienstück Lumpenloretta von Christine Nöstlinger. Von Martina Gredler im Oktober im Kasino.

Der Grazer Ferdinand Schmalz bringt am 8. Oktober seine Sprachfarce der herzerlfresser als österreichische Erstaufführung ans Akademietheater. Alexander Wiegold inszeniert das Stück nach einer 250 Jahre alten Legende über den Mürztaler Mädchenmörder Paul Reininger, der von dem Wahn besessen war, noch körperwarme Jungfrauenherzen verschlingen zu müssen. Die Burg zeigt im November Ayad Akhtars Geächtet in der Regie von Tina Lanik. In dem mit einem Pulitzerpreis ausgezeichneten Stück des US-Autors geht es um Integration, Assimilation und Alltagsrassismus. Ein wellmade play mit geschliffenen Dialogen, dessen Protagonist ein New Yorker Wirtschaftsanwalt mit pakistanischen Wurzeln ist. Im Kasino ist im November als Koproduktion mit den Autorentheatertagen Berlin Über meine Leiche von Stefan Hornbach zu sehen, Regisseur Nicolas Charaux steckt bereits mitten in den Proben dieser Coming-Of-Age-Komödie. Inhalt: Ein krebskranker junger Mann lernt zu akzeptieren, dass der Tod zum Leben gehört – und das auf ziemlich respektlose Weise. Im Februar folgt im Vestibül Drei sind wir von Wolfram Höll über ein behindertes Kind, Regie führt Valerie Voigt-Firon.

An modernen Klassikern bietet der Spielplan das von den Salzburger Festspielen kommende Endspiel von Samuel Beckett, inszeniert von Dieter Dorn, hochkarätig besetzt mit Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, Barbara Petritsch und Klaus Pohl. Premiere am Akademietheater ist am 4. September. Und Arthur Millers Hexenjagd in einer Inszenierung von Martin Kušej am Burgtheater. Für die Premiere im Dezember kommt erstmals Schauspieler Steven Scharf ans Haus! Das Trio Jan Bosse, Joachim Meyerhoff und Ignaz Kirchner sorgt im Februar am Akademietheater für die Bühnenadaption von Gustave Flauberts Roman Bouvard und Pécuchet. Und nur diese Arbeit wird wohl für Heiterkeit sorgen: Am 22. Oktober inszeniert Andreas Kriegenburg nach seiner sehenswerten „Wassa Schelesnowa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15587) nun Pension Schöller am Burgtheater und bringt dazu als Gast Max Schimonischek mit. Im April kommt Georg Schmiedleitner mit Nestroys Liebesgeschichten und Heiratssachen.

Wem in dieser Aufzählung der Name Andrea Breth fehlt, der darf nun aufatmen. Die große Regisseurin kommt mit gleich zwei Premieren, allerdings erst in der Saison 2017/18. Sie ist derweil mit Opernarbeiten beschäftigt. Ebenfalls für die übernächste Saison geplant ist, so Bergman, ein „Jedermann“ von Ferdinand Schmalz, komplett ins heute versetzt. Außerdem erging ein Stückauftrag an Josef Winkler, mit Thomas Köck gibt es „eine Verabredung. Der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Königstorfer nannte zum Schluss noch ein paar Zahlen: Die Auslastung liege derzeit bei 77 Prozent, was die Karteneinnahmen betreffe, sei die Tendenz Richtung 8,7 Millionen Euro. Und, nein, trotz der zwei Premieren mehr in der kommenden Saison sei das Produktionsbudget nicht aufgestockt worden. Wie das gehe? „Das Geld wird eben effizienter eingesetzt werden.“

www.burgtheater.at

Wien, 13. 5. 2016