Stadtkino im Künstlerhaus: Susan Sontag Revisited

Mai 12, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Retrospektive im Rahmen der Wiener Festwochen

Susan Sontag. Bild: Renate von Mangoldt

Susan Sontag. Bild: Renate von Mangoldt

Bevor am morgigen Freitag die Wiener Festwochen mit 36 Theaterproduktionen aus 30 Ländern starten, hier vorab ein Kinotipp: Im Rahmen der Festwochen läuft ab 19. Mai im Stadtkino im Künstlerhaus die Retrospektive „Susan Sontag Revisited“. Die Essayistin, Schriftstellerin, Regisseurin und Theoretikerin und Ikone der amerikanischen Kulturkritik ist eine singuläre Erscheinung: Ihre Texte zu Fotografie und Kriegsberichterstattung, zu Krankheit als Metapher, zu Film und Theater sind legendär.

Weniger bekannt, aber eine echte Entdeckung sind die filmischen Arbeiten von Susan Sontag, die in faszinierend unterschiedlichen ästhetischen Konzepten ganz neue Sichtweisen auf ihre Texte, ihre Weltsicht und ihre Haltung eröffnen. Das Programm:

Die beiden frühen, in Schweden gedrehten Filme „Duett för kannibaler“ (1969) und „Bröder Carl“ (1971) sind dramatische Studien über Liebe und Tod. In Sontags Debütfilm geben ein deutscher Linksintellektueller und seine italienische Frau die „Kannibalen“, die ein junges Paar in einen Strudel emotionaler Verwicklungen stürzen. Partner werden getauscht, Perücken ausprobiert, Bärte angeklebt und Gesichter mit Mullbinden verpackt. Alles scheint nur ein Spiel zu sein, und doch geht es um existenzielle Fragen, um Liebe und Tod. „La déchirure“ (1974), integraler Bestandteil einer mehrere Jahre anhaltenden Rasenden-Reporter-Episode ihres Lebens und Werks, zeigt Israel unmittelbar nach Ende des Jom-Kippur-Kriegs, „Giro turistico senza guida“ (1983) erscheint als geheimnisvolles Porträt der Stadt Venedig, wie sie heute nicht mehr zu finden ist.

Bröder Carl. Bild: Sandrew Metronome

Bröder Carl. Bild: Sandrew Metronome

Duett för kannibaler. Bild: Stadtkino Filmverleih

Duett för kannibaler. Bild: Stadtkino Filmverleih

„A Primer for Pina“ (1984) und „En attendant Godot … à Sarajevo“ (1993) sind zwei kürzere dokumentarische Filme zu Pina Bausch beziehungsweise zu einer eigenen Theaterarbeit im damals belagerten Sarajevo. Im April 1993 reiste Susan Sontag erstmals nach Sarajevo, um ihren Sohn David Rieff zu besuchen, der als Korrespondent für amerikanische Zeitschriften aus der belagerten Stadt berichtete. Bereits während ihres zweiten Aufenthalts im Juli und August erbot sie sich, Becketts Stück im Pozoriste Mladih, dem Theater der Jugend, zu inszenieren. Thema des Films ist nun Sontags Arbeit an diesem Projekt. Sie wirkte auch an dessen Konzeption und Produktion mit, überließ den Regie-Credit aber ihrer ehemaligen Lebenspartnerin Nicole Stéphane, der ebenso das Buch „Über Fotografie“ gewidmet war und die bereits „La déchirure“ produziert hatte. Vor jedem Film läuft ein Kurzfilm über Susan Sontag aus Andy Warhols berühmter „Serie Screen Tests“ (1964).

stadtkinowien.at

www.festwochen.at

Highlights aus dem diesjährigen Festwochen-Programm: www.mottingers-meinung.at/?p=19361

Wien, 12. 5. 2016