Robert Seethaler: Man Booker International Prize

Mai 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit „Ein ganzes Leben“ auf der Shortlist

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddDie Sensation war eigentlich bereits im März perfekt, denn gleich zwei in Österreich arbeitende Autoren hatten es auf die Longlist für den diesjährigen Man Booker International Prize geschafft: der Wiener Robert Seethaler und der aus dem Kongo stammende, in Graz lebende Fiston Mwanza Mujila. Doch Seethalers Name findet sich nun auch auf der kürzlich veröffentlichten Shortlist für den renommierten Literaturpreis. Mit dem schmalen, ungeschnörkelt geschriebenen Band „Ein ganzes Leben“, erschienen im Hanser Verlag, hat er es dorthin geschafft.

In seinem Buch erzählt Seethaler von einem Menschen, dem das Schicksal alles andere als wohlgesonnen ist: Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweg gegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und eine tief bewegende Geschichte.

Seethalers Vorgängerroman, „Der Trafikant“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5071), wird übrigens ab 2. Dezember in einer Bühnenfassung des Autors am Volkstheater in den Bezirken zu sehen sein.

Mujila 290316.inddMit Seethaler nominiert sind die jüngsten Romane des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk: „Diese Fremdheit in mir“, des angolanischen Autors José Eduardo Agualusa: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, der Südkoreanerin Han Kang: „Der Vegetarier“, des chinesischen Autors Yan Lianke: „The Four Books“, und einer Neapolitanerin, die unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibt. „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ soll 2017 auf Deutsch erscheinen. Der Man Booker International Prize ist mit 50.000 Pfund dotiert. Die Bekanntgabe des Preisträgers findet am 16. Mai statt. Die Auszeichnung wird in diesem Jahr erstmals für ein fremdsprachiges und in Großbritannien in englischer Übersetzung veröffentlichtes Buch verliehen. Bisher wurde sie alle zwei Jahre an ein Gesamtwerk vergeben.

„Tram 83“, das auf der Longlist vermerkte Buch von Fiston Mwanza Mujila, ein afrikanischer Großstadtroman und Mujilas literarischer Erstling, erscheint bei Zolnay.

themanbookerprize.com/man-booker-international-prize

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 11. 5. 2016