Josefstadt 2016/17: Neues von Turrini, Mitterer und Kehlmann – und ein verloren geglaubter Horváth

Mai 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Schottenberg inszeniert bei Herbert Föttinger

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Vierzehn Premieren zeigt das Theater in der Josefstadt in der kommenden Saison 2016/17, davon eine europäische und eine österreichische Erstaufführung und fünf Uraufführungen. Eine dieser letzteren verschaffte Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger bei der Programmpräsentation am Mittwoch Vormittag eine weitere „Premiere“.

„Das ist meine erste Skype-Pressekonferenz“, scherzte der Hausherr gut gelaunt. „Ich hab‘ so etwas noch nie gemacht, ich hoffe, dass es klappt.“ Und schon erschien Daniel Kehlmann auf dem Bildschirm. Er wird, wie auch Peter Turrini und Felix Mitterer, die auf dem Podium saßen, einen der neuen Texte der Spielzeit vorlegen, und weilt derzeit in London, um mit britischen Schauspielern ebenfalls das Stück zu erarbeiten, dass zeitgleich an der Josefstadt aufgeführt werden wird: Heilig Abend (Premiere: 2. Februar, Josefstadt), inszeniert von Föttinger selbst, gespielt von Maria Köstlinger und Bernhard Schir.

„Das ist das erste Mal, dass ich in gewissem Sinne ein politisches Stück geschrieben habe, das auf Entwicklungen unserer Zeit abzielt“, sagt Kehlmann. Geworden ist es ein „Echtzeit-Stück“, denn neben den beiden Darstellern fungiert die Uhr als dritter Protagonist. „Das war der eine Antrieb zu ,Heilig Abend‘: die Idee von Zeigern, die sich auf den entscheidenden Moment zu bewegen, offen und groß, im Blickfeld der Bühnenfiguren wie des Publikums. Es gibt einen Konflikt und die Zeit drängt und keiner kann raus aus der Situation“, so Kehlmann. „Der andere Antrieb, das war meine Verblüffung über die Dinge, die Edward Snowden aufgedeckt hatte: das Ausmaß der staatlichen Überwachung in der elektronischen Welt, die Willkür der Geheimdienste, die Möglichkeit der Polizei, unsere Leben in einem Ausmaß zu beobachten, wie wir es uns früher nicht hätten vorstellen können.“ Die Situation ist ein Verhör. Um 21 Uhr soll mutmaßlich eine Bombe explodieren – „und es sind 90 Minuten Zeit, um die Sachlage zu klären. Für mich und die Schauspieler ist es spannend so zu arbeiten, weil wir das davor noch nie in der Art getan haben“, ergänzt Föttinger.

Peter Turrini hat sich mit Hedy Lamarr befasst. Sieben Sekunden Ewigkeit heißt sein Stück, das am 12. Jänner an der Josefstadt uraufgeführt wird. „Natürlich“, sagt der Dichter, „ist der Text kein biografischer. Ich habe mich auf eine poetische Form des Erzählens verlegt. Die Szenen sind möglich, aber nicht belegbar“. Was Turrini an dem Stoff bewegte, nennt er die „Archäologie des Unvereinbaren“, darin sieht der Autor, der bereits an seinem nächsten Werk, einem Stück über Flüchtlinge arbeitet, auch das Zeittypische, „das Übel unserer Zeit, die Beurteilung eines Menschen aus einer Momentaufnahme“. Denn die Lamarr wurde zeitlebens auf „sieben Sekunden Busen“, so kurz war er in ihrem Film „Ekstase“ zu sehen, festgelegt, und über diesem kurzen Nacktauftritt lange übersehen, „dass sie ein technisches Genie war, Erfinderin einer Technologie, welche die heutige Telekommunikation erst ermöglichte“.

Turrini: „Dieser so widersprüchliche Mensch hat mich nachhaltig in den Bann gezogen. Sie galt als die schönste Frau der Welt und zerstörte sich am Ende mit Schönheitsoperationen. Sie sehnte sich ein Leben lang nach Familie, aber hielt es nicht aus, wenn sich eine einstellte. Sie war nie zufrieden mit Rollen, intelligenter als die meisten Menschen, die sie in Hollywood treffen konnte … sie war für ihre Umwelt unfassbar, und wohl auch für sich selbst.“ Sandra Cervik spielt in dem Ein-Frauen-Stück in der Regie von Stephanie Mohr. „Für mich ist das ästhetisch und theatralisch ein neuer Versuch eine Geschichte zu erzählen“, sagt Turrini.

Auch der andere Josefstadt-„Hausautor“ legt sein jüngstes Werk in die bewährten Hände von Regisseurin Stephanie Mohr. Nach „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ inszeniert sie die Felix-Mitterer-Uraufführung Galápagos (Premiere: 16. März, Josefstadt). Vor zehn Jahren schon ist ihm die Geschichte untergekommen, erzählt Mitterer, „aber erst Herbert Föttinger hat gesagt: Na, dann schreib’s halt auf. Es geht um den Berliner Arzt und Philosophen Friedrich Ritter, der mit seiner Jüngerin Dore Strauch 1929 in die Wildnis übersiedelt, weil er den Kapitalismus und die Massengesellschaft hasst. Er will sein philosophisches Hauptwerk schreiben, er glaubt nämlich, dass sich jeder selber heilen kann und soll, aber seine Begleiterin hat Multiple Sklerose.“

Doch dies nur das eine Verhängnis, denn dem „Messias“ folgen auch andere, ein Ehepaar, das der deutschen Wirtschaftskrise entflieht, eine peitschenschwingende Baronin mit ihren beiden Geliebten – und das Paradies wird zur Hölle. „Wie’s so geht bei  Aussteigergeschichten“, sagt Mitterer. „Man glaubt, man geht weg aus einer gefährlichen Welt und es wird was besser, und dann kommt alles noch viel schlimmer. Der Urwald wird für ein Hotelprojekt verstört, die Baronin schwingt sich zur Kaiserin auf, am End‘ sind alle tot, und die Frage ist, wer wen warum umgebracht haben wird. Ich bin gerade bei der Arbeit und kann daher darüber noch gar nichts sagen.“ Das klären also dann unter anderem Raphael von Bargen, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Pauline Knof.

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Die vierte Uraufführung ist gleichzeitig die Eröffnungspremiere am 1. September an der Josefstadt und betrifft Ödön von Horváth. Dessen Stück Niemand war nämlich lange nichts als eine Legende, sein Bruder Lajos erinnerte sich an nicht mehr als an ein „in expressionistischer Manier geschriebenes Stück in einem blauen Umschlag“. Doch seit den 1990er-Jahren geisterte ein wenig bemerktes Typoskrippt durch die Literaturwelt, das nun von der Wienbibliothek bei einer Auktion ersteigert wurde. Ein Krimi, den Maria Teuchmann da erzählt; die Geschäftsführerin hat für den Thomas Sessler Verlag die Rechte gesichert.

„,Niemand‘ ist ein sensationell tolles Frühwerk mit sämtlichen Motiven Horváths späterer Werke“, sagt sie. Inhalt: Im Mietshaus des Wucherers und Krüppels Fürchtegott Lehmann tummelt sich ein Potpourri an Menschen, die durch die Wirtschaftskrise an den Rand der Existenz gedrängt werden. So trifft man auf den Musiker Klein, der vor der Delogierung steht, weil er den Mietzins nicht mehr zahlen kann. Es gibt es den brutalen Zuhälter Wladimir, der aus dem Elend der anderen Profit schlägt. Die Dirne Gilda, die ihm hörig ist, verkauft ihren Körper, weil die Liebe allein nicht satt macht. Auch die verzweifelte Ursula ist kurz davor, auf den Strich zu gehen, lernt aber den Hausherrn Lehmann kennen. Viel zu schnell willigt sie in eine Heirat mit dem zutiefst abstoßenden und verbitterten Menschen ein. „24 Rollen, die alle Bedeutung haben“, so Föttinger, der auch hier die Regie übernehmen wird. In dem „expressiv ausladenden“ Stück spielen unter anderem Gerti Drassl, Martina Stilp, Thomas Kamper und Florian Teichtmeister.

Erste Premiere an den Kammerspielen wird am 8. September die Uraufführung von Monsieur Claude und seine Töchter. Die Hauptrolle in der Komödie nach dem gleichnamigen französischen Filmhit spielt Siegfried Walther, es inszeniert Folke Braband. Danach folgt am „kleinen Haus“ die europäische Erstaufführung von Winter Wonderettes. Werner Sobotka, dessen Sensationserfolg „La Cage aux Folles“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14687) weiter zu sehen sein wird, hat das Stück von Roger Bean übersetzt und sorgt auch für die Inszenierung. Ruth Brauer-Kvam, Susa Meyer und Salka Weber spielen die Freundinnen, die nach Kräften an einer Xmas-Show feilen und fast um ihre Gage geprellt werden. Premiere: 3. November. Regisseurin Alexandra Liedtke befasst sich nach „Vater“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) ein zweites Mal mit Autor Florian Zeller. Sie zeigt als österreichische Erstaufführung ab 15. Dezember Die Kehrseite der Medaille, die Zuschauer sehen zwei verkrampfte Paare bei einem bemüht höflichen Abendessen.

Michael Schottenberg wird erstmals als Regisseur am Haus tätig sein. Der ehemalige Chef des Volkstheaters ist seinem kurzen Ruhestand schon wieder entschlüpft und hebt am 1. Dezember Nestroys Das Mädl aus der Vorstadt auf die Bühne der Josefstadt. Auch hier spielt Thomas Kamper, mit Martina Ebm und Martin Zauner. An den Kammerspielen folgt zum 90. Geburtstag der großen Erni Mangold Harold und Maude in der Regie Schottenberg. Premiere ist am 26. Jänner, den Harold spielt Ensemble-Neuzugang Meo Wulf. Hans Kudlich sorgt in beiden Fällen für das Bühnenbild. Neben Wulf sind weitere Neuzugänge Josephine Bloéb, Swintha Gersthofer, Michaela Kaspar, Wojo von Brouwer und Oliver Rosskopf. Und noch ein Geburtstagsfest auf der Bühne: Marianne Nentwich wird zu ihrem 75er an den Kammerspielen mit Arsen und Spitzenhäubchen gefeiert. Es inszeniert Fabian Alder, Premiere ist am 18. Mai.

Zu sehen sind außerdem Hoffmannsthals Der Schwierige mit Michael Dangl, Regie Janusz Kica, Premiere: 6. Oktober; Die Verdammten nach dem Film von Luchino Visconti, Elmar Goerden inszeniert, Andrea Jonasson spielt, Premiere: 10. November; am 4. Mai folgt Die Wildente in einer Inszenierung von Mateja Koležnik; die Regisseurin, in Slowenien und Kroatien längst ein Star, arbeitet erstmals an der Josefstadt. Mit Spannung erwartet werden darf auch das neue Projekt von Torsten Fischer und Herbert Schäfer mit Sona MacDonald. Nach ihrer fulminanten Hommage an Billy Holiday (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16320) soll es nun um die Callas gehen. Premiere an den Kammerspielen ist am 30. März.

Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Um Zahlen, Daten, Fakten nicht verlegen: Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Der kaufmännische Direktor Alexander Götz legte zum Ende der Pressekonferenz noch ein paar Zahlen vor: In der laufenden Spielzeit liegt man derzeit bei einer Auslastung von 81 Prozent für die Josefstadt und sagenhaften 97 Prozent für die Kammerspiele. Man rechnet bis Saisonende mit 300.000 Besuchern bei insgesamt 680 Veranstaltungen. Im vergangenen Geschäftsjahr lag die Eigenfinanzierung bei 41,7 Prozent! Ein Wert, mit dem Götz längst noch nicht zufrieden ist …

Die nächste große Investition betrifft die Modernisierung der hauseigenen Werkstätten (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=18560). „Uns ist“, so Götz, „die eigenverantwortliche Erstellung der Bühnenbilder sehr wichtig. Außerdem wollen wir in Österreich diesbezüglich Arbeitsplätze erhalten und auch Lehrstellen für diese handwerkliche Ausbildung anbieten. Sonst braucht sich niemand zu wundern, wenn es am Theater in diesen Bereichen einmal keinen Nachwuchs mehr gibt.“

www.josefstadt.org

Wien, 11. 5. 2016