Wiener Festwochen 2016: Highlights aus dem Programm

April 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Künstler sprechen erstmals über ihre Arbeiten

Achim Freyer zeigt seine Fantasien zu "Fidelio". Bild: Judith Kaltenböck

Achim Freyer zeigt seine Fantasien zu „Fidelio“. Bild: Judith Kaltenböck

Bevor am Samstag der Kartenvorverkauf an den Kassen beginnt, lud Markus Hinterhäuser Donnerstag Vormittag zu seiner letzten Pressekonferenz als Intendant der Wiener Festwochen. 36 Produktionen aus 25 Ländern wird er ab 13. Mai präsentieren, um, wie er sagt, eine „vielfältige Stimmungslage der krisengeschüttelten Welt zu zeigen“. Es gebe darunter einige „Produktionen, die sehr fordernd sein können, die ganz deutlich Fragen, Weltfragen, nach politischen Bewegungen aufwerfen, über die wir uns noch sehr wundern werden.“

Dem pflichtete die diesjährige Schauspielchefin Marina Davydova bei. Sie würde heute, mitten im Flüchtlingsdrama und angesichts der Terroranschläge von Paris und Brüssel noch ein wenig anders programmieren, meint sie, aber: „Es ist für Theater nicht nur wichtig, die Gegenwart zu reflektieren, sondern auch ein Labor für die Zukunft zu sein.“ Diesbezüglich kann sie zufrieden sein, denn „ohne dass ich die Künstler dazu aufgefordert hätte, haben sie sich mit dem Thema beschäftigt“ – Kunst als alternative Vision zur Zeit und über die Menschlichkeit.

Fünf Programm-Tipps:

Látszatélet/Scheinleben. Premiere: 21. Mai. Kern von Kornél Mundruczós Theaterabend ist eine wahre Geschichte: In Budapest wurde ein Angehöriger der Volksgruppe der Roma in einem Autobus von einem Rechtsradikalen niedergestochen. Die Polizei ermittelte, die Medien überschlugen sich – denn der Angreifer war selber ein Rom. Ein Mensch. „Die ungarische Gesellschaft hat mich zu dieser Aufführung inspiriert“, sagt Mundruczó im Festwochen-Video von Ernst Grandits, „aber auch die fehlende Solidarität in ganz Europa. Ich glaube, wir bauen gerade ein neues Europa, wir leben in einer neuen historischen Ära, und es ist eine gewaltige Frage, welche Zukunft wir schaffen werden.“ „Látszatélet“ beschreibt, wie ein neues Leben vom Albtraum des Selbsthasses erstickt wird. Ein höchst aktuelles (Anti-)Märchen menschlicher Erniedrigung und moralischen Niedergangs. Es spielt Mundruczós Proton Theatre.

Три сестры/Drei Schwestern. Bild: Frol Podlesny

Три сестры/Drei Schwestern. Bild: Frol Podlesny

Три сестры/Drei Schwestern. Premiere: 27. Mai. Timofej Kuljabin wachte eines Morgens auf und war berühmt. Seine Nowosibirsker „Tannhäuser“-Inszenierung wurde von der russischen Opernkritik einhellig gefeiert, doch der russisch-orthodoxe Erzbischof von Nowosibirsk und Berdsk Tichon zeigte den Regisseur wegen der Verletzung der Rechte von Gläubigen an – und der Abend wurde abgesetzt. Ein Akt der Zensur, der durch die internationalen Medien ging. Nun zeigt er in Wien „Drei Schwestern“ ohne Worte. Die oft so pathosbeschwerten Tschechow’schen Antihelden müssen mit der Gebärdensprache vorliebnehmen, einzig der stocktaube Amtsdiener Ferapont darf, weil ja der neue Sowjetmensch, etwas sagen. Die Feinnerigen aber schweigen. Ein Synonym der Zeit, ein Experiment mit Übertiteln.

Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt. Premiere: 29. Mai. Der kroatische Regisseur Oliver Frljić arbeitet über Kunst und Macht und die Entstehung von Faschismus. Er nennt den Kapitalismus eine „systemische Gewalt, die man nicht sieht, durch unsere Lebensweise in andere Teile der Welt getragen“. Nun nimmt er den 100. Geburtstag von Peter Weiss zum Anlass, dessen epochalen Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“ neu zu lesen. Obwohl die Handlung in den späten 1930-Jahren angesiedelt ist, sind die Analogien zur aktuellen Situation unübersehbar. „Europa wird immer faschistischer, und das mit demokratischer Legitimation“, sagt Frljić. Der erstarkende Anti-Islamismus sei nur der jüngste Beweis für seine These. „Österreich ist auch auf diesem Weg“, warnt er. In Kroation und anderen ex-jugoslawischen Ländern wird der Theatermacher wegen seiner unbequemen Politperformances massiv angefeindet. Für sein neuestes Stück führt er die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana auf der Bühne zusammen. Vor Frljićs Festwochenpremiere ist am 21. und 22. Mai im Werk X sein Stück „Balkan macht frei“ als Gastspiel des Münchner Residenztheaters zu sehen (mehr: werk-x.at/produktion/balkan-macht-frei).

Oameni obişnuiţi/Gewöhnliche Menschen. Bild: Adi Bulboaca

Oameni obişnuiţi/Gewöhnliche Menschen. Bild: Adi Bulboaca

Oameni obişnuiţi/Gewöhnliche Menschen. Premiere: 31. Mai. Gianina Cărbunariu, Enfant terrible und aufstrebender Regiestar des rumänischen Theaters, hat Interviews mit Whistleblowern zu einem Bühnentext zusammengefasst. Von 34 Mitarbeitern stehlen 30 Informationen, heißt es im Text. Doch sie tun dies im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Korruption oder Missbrauch. Menschen aus Großbritannien, Italien und Rumänien sprechen durch Schauspieler aus Sibiu über ihre Aufdeckungen im Gesundheitswesen, auf dem Finanzsektor und im Bildungssystem. „Der Skandal ist“, so Cărbunariu, „die schwierige Situation von Whistleblowern in der ganzen Welt. Man versucht, sie systematisch zu bestrafen. Die rechtliche Situation der Informanten ist völlig unklar, und es gibt von keiner Seite Anzeichen, dass sie geschützt werden sollen.“ Nicht nur angesichts des aktuellen Luxemburg-Leaks-Prozesses ein Theaterprojekt von Brisanz.

Wehe den eiskalten Ungeheuern. Konzertreihe ab 4. Juni. Zum Abschluss der Präsentation kam Markus Hinterhäuser noch auf die Beendigung der Zusammenarbeit mit Opernregisseur Dmitri Tcherniako zu sprechen. Wie bekannt wird nun Achim Freyer den „Fidelio“ inszenieren (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=18537). Er habe, so Hinterhäuser, „nach dem Aufbringen von überproportional viel Geduld“ nicht gern, aber doch die Intendanten-Notbremse aktiviert. Nun sei er Freyer für seine Freundschaft gegenüber den Festwochen sehr dankbar, dessen „Fidelio“ werde „ganz anders, nach einer außerordentlich orginellen Lesart“ gestaltet. Zu dieser Opernpremiere und der „Passagierin“ fügt Hinterhäuser die Konzertreihe „Wehe den eiskalten Ungeheuern“, eine „Veranstaltungreihe zum Thema Freiheit“, hinzu. Denn so Hinterhäuser: „Wir leben in einer Zeit, die nicht frei ist von tatsächlichen Ungeheuern.“ Zu hören sind Werke von Karl Amadeus Hartmann, Luigi Nono, Arnold Schönberg, Hanns Eisler, Gustav Mahler, Ernst Krenek, Georg Friedrich Haas und Frederic Rzewski.

Mehr zum Festwochen-Programm: www.mottingers-meinung.at/?p=16670

www.festwochen.at

Wien, 28. 4. 2016