Der polnische Autor Andrzej Stasiuk erhält den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur

April 22, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein wortgewaltiger Streiter für die Demokratie

Andrzej Stasiuk (re.). Bild: mottingers-meinung.at

Bei einer Lesung: Andrzej Stasiuk (re.). Bild: mottingers-meinung.at

Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur geht dieses Jahr an den polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk. Das gab Kulturminister Josef Ostermayer am Freitag bekannt. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert, die Überreichung soll im Sommer im Rahmen der Salzburger Festspiele stattfinden.

„Es freut mich besonders, dass wir heuer einen Schriftsteller auszeichnen können, der stets Position bezieht, wenn es um aktuelle politische Herausforderungen in Polen und Europa geht, der sich stimm- und wortgewaltig für demokratische Werte wie die Medien- und Meinungsvielfalt in seiner Heimat einsetzt“, so Ostermayer. „Er ist ein Wahrnehmungskünstler und zieht die Leser mit seinem bildkräftigen, von sinnlichen Eindrücken schier übergehenden Stil in diese Welterfahrung mit hinein. Mit fundiertem Geschichtswissen übt er scharfe Kritik am polnischen Selbstbild des ewigen Opfers“, heißt es in der Jurybegründung.

Stasiuk, der in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor gilt, wurde 1960 in Warschau geboren, debütierte 1992 mit dem Erzählband „Die Mauer von Hebron“, in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980 zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. Das Werk, das wegen seiner zwar drastischen, literarisch aber außerordentlich ansprechenden Prosa heftigste Reaktionen in der polnischen Öffentlichkeit erregte, machte Stasiuk über Nacht berühmt. Schon zuvor war er „auffällig“ geworden: Er war von der Schule verwiesen worden und engagierte sich in den frühen 1980-Jahren in der polnischen pazifistischen Oppositionsbewegung „Ruch Wolność i Pokój“.

Was sein literarisches Schaffen betrifft, folgten Romane wie „Der weiße Rabe“, „Die Welt hinter Dukla“ oder „Hinter der Blechwand“. Zuletzt erschien vor wenigen Monaten im Suhrkamp Verlag der Band „Der Osten“. Ein großes Buch, die Summe seines Reisens und Schreibens, dargelegt in einem epischen Strom. Nie zuvor hat der Autor bitterer über den „deutschen Osten“ im eigenen Land geschrieben, jenes Territorium, auf dem die Nazis ihre Gaskammern errichteten, und den Osten namens Sowjetkommunismus, dessen Präsenz die Gesellschaft, in der er aufwuchs, kontaminiert hatte. Ein Buch, das aber auch ein fahles Licht auf den sogenannten Westen wirft.

4253542254Hierzulande kennt man Stasiuk vor allem durch sein 2013 am Grazer Schauspielhaus uraufgeführtes Stück „Thalerhof“, in dem er sich mit dem ehemaligen Internierungslagerlager im Süden von Graz auseinandersetzte. Anna Badora, zu der Zeit Intendantin des Hauses und Regisseurin des Dramas, sprach dazu und über den Autor: www.mottingers-meinung.at/?p=5690

„Stasiuk hatte beim Schreiben Stimmen im Kopf, keine Figuren“, sagt sie. „In seinen Werken bricht er das Weltgeschehen auf die Schicksale einzelner Menschen in einzelnen Regionen herunter. Er zeigt sie letztlich als hilflose Spielbälle von Systemen durch den Verlauf der Geschichte hindurch, die immer und immer wieder dasselbe Schicksal durchleiden müssen“. Um ein sarkastisches Wort ist der Autor nie verlegen. Eines seiner wiederkehrenden Themen ist das Verhältnis des polnischen Volkes zu seinen Nachbarn, das er im folgenden Satz zusammenfasste: „Pole sein, heißt, der letzte Mensch östlich des Rheins zu sein. Denn für einen Polen sind die Deutschen so etwas wie gut konstruierte Maschinen-Roboter; die Russen dagegen sind schon ein wenig wie Tiere.“

Auch die weiteren Literaturpreisträger wurden vom Kulturministerium bekannt gegeben: Der Outstanding Artist Award für Literatur geht heuer an Angelika Reitzer und der Österreichische Kunstpreis für Literatur an Sabine Gruber. In der Kategorie Kinder- und Jugendliteratur werden Elisabeth Steinkellner mit dem Outstanding Artist Award und Linda Wolfsgruber mit dem Österreichischen Kunstpreis ausgezeichnet. Der biennal vergebene Österreichische Staatspreis für Kulturpublizistik geht 2016 an Alfred J. Noll.

Stasiuks Bücher in deutscher Sprache bei www.suhrkamp.de

Wien, 20. 4. 2016