Art Carnuntum – Shakespeare’s Globe Theatre: Hamlet

April 20, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schön spannende Spukgeschichte

Hamlet Globe to Globe. Bild: Bronwen Sharp

Hamlet Globe to Globe. Bild: Bronwen Sharp

„Ihr seid Land Nummer 194 auf unserer Reise“, rief Laertes-Darsteller Tom Lawrence zu Beginn ins Publikum und sicherte sich damit schon einmal den ersten Jubel. Ja, da war man doch gleich Teil von etwas größerem, Teil der mutmaßlich bedeutendsten Jubiläumsfeier für den britischen Barden, denn 2014 waren die Schauspieler vom Londoner Shakespeare’s Globe Theatre ausgezogen, um der Welt ihren „Hamlet“ zu bringen.

Das Globe-Ensemble spielte in Flüchtlingslagern in Kamerun, in Zaatari in Syrien und vor Schulklassen in Myanmar, trat auf von Bhutan bis Burundi (mehr zur Tour: globetoglobe.shakespearesglobe.com). Bevor man pünktlich zum 400-Jahr-Termin 2016 wieder daheim sein muss, ging sich ein Auftritt im Rahmen von Art Carnuntum auf Schloss Hof aus. Sehr zur Freude der Zuschauer, die der alle Jahre wieder von Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin nach Niederösterreich geholten Truppe seit Langem die Treue halten. Entsprechend war die Reithalle bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Was geboten wurde, war Shakespeares schönste Spukgeschichte. Fernab von verkopftem „Sein oder Nichtsein“ zeigten die Darsteller in ihrer gewohnten Manier ein saftiges Stück Volkstheater, garniert mit Musik und Tanz. Selbst Hamlet durfte da singen. Mit diversen auf deutschsprachigen Bühnen leidenden Elegiebürscherln im Hinterkopf, konnte man nicht umhin zu denken, viel anders werden sie’s anno 1601 auch nicht gespielt haben. Shakespeare im ursprünglichen Zustand, das Bühnenbild flugs aus den Equipementkoffern zusammen- und immer wieder umgebaut, zwei Holzlatten ein Schiff, ein roter Vorhang für Verwandlungen. Denn jeder außer Hamlet muss hier in mehrere Rollen schlüpfen. Und der tut’s ja, weil’s ihm die Rolle vorschreibt.

Das Gespenst geht sogar mehrmals über die Bühne, ohne pseudopsychologische Erklärungversuche bleibt der Geist ein Geist, ist weder Kopfgeburt noch Projektion von irgendetwas, sondern Hamlet, der ältere, mit einem Arbeitsauftrag an seinen Sohn. So einfach kann’s gehen – und noch dazu so spannend. Wiewohl einem nach x-Inszenierungen jeder Tote so gut wie persönlich bekannt ist, beim Globe-Theatre sitzt man bibbernd und staunend abwartend, wie der Dänemark-Thriller denn ausgehen möge. Natürlich wie immer. Doch das ist die Kunst!

John Dougall als Claudius. Bild: Bronwen Sharp

John Dougall als Claudius. Bild: Bronwen Sharp

Naeem Hayat als Hamlet. Bild: Bronwen Sharp

Naeem Hayat als Hamlet. Bild: Bronwen Sharp

Die Londoner auf Tournee zeigen, dass alle Welt Bühne ist. Dominic Dromgoole, zusammen mit Bill Buckhurst Regisseur des Projekts, wollte beweisen, dass Shakespeare „unabhängig von deren Herkunft, zu allen Leuten sprechen kann“. Das scheint mehr als gelungen. Auch im Ensemble sind alle Grenzen gefallen. Die Darsteller haben ihre Wurzeln von Pakistan bis Hongkong; den Horatio spielt mit Phoebe Fildes eine Frau. Das ist Welttheater im Wortsinn.

Den Hamlet gibt Naeem Hayat als einen, der sich der Situation bewusst ist. Er weiß, dass er gegen Mutter und Onkel handeln muss, mit Tränen in den Augen gesteht er sich das ein, ist deshalb angstvoll, dann wieder von einem Zornausbruch geplagt. Er fragt das Publikum um Rat, in den ersten Reihen ist es gleichsam Spielpartner, und kommentiert sarkastisch das Geschehen. Gegenüber Ophelia ist er ein drängender Liebender, seine Freunde stimmt er rechtzeitig auf seine Verwandlung zum „Irren“ ein. Stark auch die Szene, in der er mit auf den bloßen Nacken zielendem Schwert hinter dem betenden Claudius steht.

Den spielt John Dougall mit höchster Intensität, da er auch der Geist von Hamlets Vater und der erste Schauspieler ist, muss man sagen, er dominiert das Geschehen. Welch eine Kraft!  Keith Bartlett, Preisträger des Laurence-Olivier-Award und derzeit auch der „Zauberer von Oz“ in London Westend, hat sich den Polonius als Kabinettstückchen zurechtgelegt. Er zeigt ihn als kauzigen Wortspieler, und wäre er nicht so nervtötend, wäre er der gute Mensch von Helsingør. Später brilliert er als Totengräber.

Jennifer Leong: Ophelia verfällt dem Wahnsinn. Bild: Shakespeare's Globe Theatre

Jennifer Leong: Ophelia verfällt dem Wahnsinn. Bild: Shakespeare’s Globe Theatre

Die berühmten Zitate, sie fallen hier nicht bedeutungsschwer, sondern wie nebenbei. Luftig und leicht gesagt. Der Pathos trieft nur, wenn angebracht, etwas wenn die Schauspieler als „die Schauspieler“ auf Teufel komm‘ raus schmieren. Oder in der Begegnung mit Rosencrantz und Guildenstern. Beruce Khan beweist sich hier als begnadeter Komödiant, und der mitgeführte Tennisschläger, dass auch das Globe Tom Stoppard liebt.

Miranda Foster ist eine Gertrude, die zwischen der Liebe zu ihrem Sohn und dem neuen Ehemann schwankt. Jennifer Leong überzeugt als Ophelia mit trotzigem Aufbegehren, bevor ihr das Sterben rundum die Sinne raubt. Gefochten wird, als gäb’s kein Morgen. Der Rest ist … ebenso großartig wie alles andere.

Das Shakespeare’s Globe Theatre London zeigte wieder einmal Unterhaltung auf höchstem Niveau. Es wird am 4. August mit der Komödie „The Two Gentlemen Of Verona“ wiederkommen. Die diesjährige Neuproduktion des Hauses in der Regie von Nick Bagnall wird bei Art Carnuntum im Römischen Amphitheater in Petronell-Carnuntum zu sehen sein. Bis dahin hat Piero Bordin noch allerlei Sehenswertes vorbereitet. Am 23. April etwa eröffnet er im Archäologischen Park Carnuntum – zeitgleich mit dem Londoner Vorbild – „Shakespeare‘s Walk in History“, auf dem vom Globe Theatre eigens dafür produzierte Filme mit Ausschnitten aller Shakespeare-Stücke gezeigt werden.

Mehr zu Shakespeare’s Globe bei Art Carnuntum: www.mottingers-meinung.at/?p=17802

www.artcarnuntum.at

Wien, 20. 4. 2016