Volkstheater: Kaspar Locher im Gespräch

April 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt den Stanley in „Brooklyn Memoiren“

Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er gehört zu den vielbeschäftigten Schauspielern der neuen Intendanz von Anna Badora. Drei Premieren hat Kaspar Locher (mehr: www.volkstheater.at/person/kaspar-locher/) in seiner ersten Saison am Volkstheater bereits absolviert, nun steht am 22. April mit Neil Simons „Brooklyn Memoiren“ die nächste große Rolle an. Als Stanley spielt er den Sohn einer Emigrantenpatchworkfamilie und verspielt den Lohn, den diese Familie zum Überleben dringend braucht. Der vielfach ausgezeichnete US-Dramatiker und Drehbuchautor Simon erinnert sich in seinem Stück an die eigene Kindheit zur Zeit der Großen Depression und des nahenden Zweiten Weltkriegs. Mit seinem Porträt einer Mischpoke in prekären Umständen schuf er ein Plädoyer für Humor und Solidarität. Kaspar Locher im Gespräch über Analogien zum heute, Europa vor einer neuerlichen Zerreißprobe und wie Fussball die Menschen zusammen bringt:

MM: Sind Sie durch die Verschiebung der Produktion von „Homohalal“ zu einer weiteren Rolle in dieser Spielzeit gekommen?

Kaspar Locher: Ich hätte in „Homohalal“ auch mitgespielt. Ich habe zwar „Brooklyn Memoiren“ nicht gekannt, aber da wir das andere auch noch nicht vorbereitet hatten, und der Vorlauf lang genug war, hatte ich ausreichend Zeit, mich auf was Neues einzustellen.

MM: Es wurde eine aktuelle Uraufführung gegen ein Stück, das 1938 spielt, getauscht. Wie wird es angelegt, nostalgisch umweht oder zeitgenössisch?

Locher: Die Ästhetik und die Ausstattung ist eine trashige-heutige, die Zeit ist immer noch 1938. Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, das alles bleibt. Wir arbeiten daran die Parallelen und Analogien zum heute aufflackern zu lassen. In „Brooklyn Memoiren“ geht’s um eine Migrantenfamilie, also so gesehen ist es auf jeden Fall ein Stück zur Zeit.

MM: Neil Simon steht für Boulevard. Können Sie damit etwas anfangen?

Locher: Das interessiert mich nicht so, das ist eher eine Zuschreibung. „Boulevard“ klingt immer nach dem Zwang lustig zu sein, ich pralle davor nicht entsetzt zurück, aber ich denke, dass in den Neil-Simon-Figuren viel mehr steckt als „Schenkelklopfen“. Das Stück ist keine typische Klipp-Klapp-Komödie, es so zu inszenieren wäre zu einfach, der Humor ist komplexer, finde ich. Da muss man erst mal dahinter kommen. Wir haben bei den Proben zuerst daran gearbeitet, die Tiefe der Charaktere auszuloten und versuchen jetzt wieder in die Leichtigkeit, in den Witz zu kommen. Wir haben da einen kleinen Umweg eingelegt. Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen habe, habe ich viele Dinge darin nicht erkannt, die ich jetzt ganz deutlich sehe.

MM: Nämlich?

Locher: Ich dachte erst mal: Was ist eigentlich das Problem meiner Figur? Es erscheint so klein. Es war spannend, gemeinsam mit Regisseur Sarantos Zervoulakos, der da natürlich schon Vorstellungen hatte, erst mal in die Tiefe zu gehen, ohne zu wissen, ob das lustig ist oder nicht. Ich sehe sehr viele lustige Momente, und wenn wir jetzt noch in die erforderliche Leichtigkeit kommen, wird’s das auch fürs Publikum sein. Dann kommt das gut.

MM: Haben Sie also das Problem gefunden, das Ihre Figur Stanley hat?

Locher: Ja, aber ich möchte das hier nicht ausbreiten. Das ist wie beim Fußball: Die Antwort kommt auf dem Platz. Das erste Wichtige zu entdecken war für mich, dass in dieser Familienkonstellation die Probleme, die auf dem Papier keine große Dringlichkeit haben, zwischen den Menschen enorm sind. Man muss in so einer großen Sippschaft dran arbeiten, dass man auch mal dran kommt, dass man seinen Standpunkt vertreten kann. Stanley ist einer, der zu kurz gekommen ist. Gerade als es hieß, er soll aufs College gehen, zogen die Cousinen ein und er wurde Vollzeit arbeiten geschickt.

MM: Ist er in dieser Mischpoke der Tunichtgut? Sind Sie der Schurke in diesem Stück?

Locher: Nein! Ich habe erst, das kann ich ja jetzt verraten, versucht, ihn schlechter zu machen, als es dasteht. Ich wollte ihn in den Abgrund treiben. Er pokert die ganze Nacht, säuft, verliert seine Stelle, erfindet Ausreden, alles erstunken und erlogen, hat ein freches Mundwerk, ist mit Frauen unterwegs, aber ich bin jetzt wieder davon weggekommen. Weil es spannender ist, ihm seinen Gewissenskonflikt zu lassen, ihn für seine Prinzipien einstehen zu lassen. Er will tatsächlich ein guter Mensch sein, wird aber von der Verantwortung mit seinem verdienten Geld die Familie ernähren zu müssen, erdrückt. Das ist ein Riesenkonflikt. Stanley ist 18!

Brooklyn Memoiren: Kaspar Locher, Rainer Galke, Nils Rovira-Muñoz, Anja Herden, Birgit Stöger, Katharina Klar und Seyneb Saleh. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Brooklyn Memoiren: Kaspar Locher, Rainer Galke, Nils Rovira-Muñoz, Anja Herden, Birgit Stöger, Katharina Klar und Seyneb Saleh. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

MM: Können Sie so ein Familienmodell nachvollziehen?

Locher: Ich kann das total verstehen. Familie ist etwas Schönes, sie gibt einem Halt und ist gleichzeitig etwas Grässliches. Familie sind die einzigen, die man sich nicht aussuchen kann. Ich habe eine ältere Schwester und eine jüngere Halbschwester, ich kann mich also ganz gut einfühlen.

MM: Sind Sie ein geübter Komödiant oder ist das neu für Sie?

Locher: Ich glaube schon, dass ich lustig sein kann. Ich bin vielleicht nicht der typische Komödiant, aber ich versuche, alle Schubladen zu umgehen, daher versuche ich das auch. Der Humor in diesem Stück kommt ja aus Situationen, in denen jemand verzweifelt nach einer Lösung für ein Dilemma sucht. So gesehen hat es ohnedies was Tragisches. Aber da wir uns auf engstem Raum bewegen, bin ich derzeit mit dem Checken der Bühnengänge genauso beschäftigt, wie mit dem Ausloten der Figur. Es ist eine große Herausforderung. Auch, den Kollegen den Fokus zu geben. Oder zu nehmen (er lacht). Da fast alle fast immer auf der Bühne sind, muss man schauen, wo man bleibt.

MM: Sprechen wir über Sie: Sie sind in Basel geboren, haben in Zürich begonnen – was ist das Schweizerische an Ihnen?

Locher: Oh weh! Früher hatte ich Probleme damit, als Schweizer auf das Schweizerische angesprochen zu werden, aber jetzt bin ich ja schon älter und es geht. Wenn man länger im Ausland lebt, fängt man an zu verstehen, was die Leute meinen, oder in mir auch sehen. Wobei ich durchaus einige Klischees erfülle. Ich esse sehr viel Schokolade und Käse. Ich habe den Schweizer Willen zum Kompromiss, ich kann in einem Streit gut die Argumente und Ziele des Gegenübers sehen. Ansonsten rede ich sehr langsam. Ich weiß nicht, welchen Eindruck ich da auf Sie gerade mache?

MM: Es geht. Und Schwyzerdütsch?

Locher: Ist meine Muttersprache.

MM: Die Schweiz erscheint ein wenig als Enklave, die vom Rest Europas nichts wissen will. Das war 1938 so, als jüdische Flüchtlinge an der Grenze standen, und die Schweiz sie postwendend retourniert hat. Das ist in der derzeitigen Flüchtlingskrise nicht anders. Die Schweiz hält sich für eine Insel. Warum nimmt die Schweiz an Europa nicht teil?

Locher: Das Traurige ist, dass dieses Modell Schule macht. Europa verliert immer mehr seine gemeinsame Kraft. In vielen Ländern sind Nationalismus und Rechtspopulismus treibende Kräfte. Ich erkenne hier bei der FPÖ die gleichen rassistischen Werbestrategien wie ich sie aus meiner Heimat von der Schweizerischen Volkspartei schon kenne. Die Schweiz hat halt lange vor meiner Geburt beschlossen, sich rauszuhalten. Und Geld zu verdienen, indem sie sich raushält. Und Geschäfte zu machen, die man nur machen kann, wenn man sich raushält. Naja …

MM: Und die aktuelle Flüchtlingsdebatte?

Locher: Gibt es auch in der Schweiz. Es gibt viel weniger Asylanträge als zum Beispiel in Österreich, aber trotzdem tut man so, als wär’s eine Katastrophe.

MM: Sie sind 2013 ans Schauspielhaus Graz gekommen. Wie kam’s?

Locher: Tatsächlich durch die Zentrale Arbeitsvermittlung. Das ist eine  Künstleragentur, die vom deutschen Staat bezahlt wird. Sie schauen sich die Abschlussvorsprechen an den Schauspielschulen an und wenn man Glück hat, empfehlen sie einen weiter. Ich war zwei Jahre am Schauspielhaus, habe viel und große Rollen gespielt, und habe mich da auf jeden Fall wohl gefühlt.

MM: Wie empfinden Sie nun Wien?

Locher:  Es ist schön nach Basel und Graz, und ich war ja auch in Chemnitz engagiert, in eine Großstadt zu kommen. Es gefällt mir sehr gut. Ich habe mir auch schon viel angesehen. Mit dem Fahrrad die Stadt erkundet. Oder Ausflüge gemacht – zum Kahlenberg zum Beispiel. Natürlich war ich auch in diversen Theatern. Auch das Angebot in der freien Szene ist toll. Es gibt in Wien ein Riesenangebot für die Freizeit.

Als Fortuna in Nestroys "Zu ebener Erde ...": Kaspar Locher (oben) mit Steffi Krautz, Sylvia Bra und Haymon Maria Buttinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Fortuna in Nestroys „Zu ebener Erde …“: Kaspar Locher (oben) mit Steffi Krautz, Sylvia Bra und Haymon Maria Buttinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Romeo und Julia: Thomas Frank, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Romeo und Julia: Die drei Romeos der Philipp-Preuss-Inszenierung Thomas Frank, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM:Und das Volkstheater? Sie waren auch in Produktionen, die schwierig aufgenommen wurden …

Locher: Aber das war zu erwarten. Mir macht es trotzdem extrem Spaß hier. Wir werden alle miteinander einen langen Atem brauchen, wir mussten uns als Ensemble zusammenfinden, da sind wir einen großen Schritt weiter, und das Publikum muss sich erst einmal an uns und unsere Art, Theater zu zeigen, gewöhnen. Jetzt kennen wir einander, jetzt kann es weitergehen. Ich freue mich schon auf die zweite Saison.

MM: Was macht Sie als Schauspieler aus? Was erwarten Sie sich vom Beruf? In einem kurzen Text über Sie stand „Mitbestimmungsrecht“. Das lieben Regisseure.

Locher: Das ist heute nicht mehr so, die „Regiegötter“ gibt es kaum noch. Sarantos beispielsweise fragt uns immer alle nach unserer Meinung – und dann setzt er seine um. Einer muss ja die Entscheidungen treffen. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich habe schon gerne die Möglichkeit, mich einzubringen. Was das Schauspielen betrifft, macht es mich unglaublich glücklich, wenn eine Situation entsteht, in der jeder den anderen unterstützt. Wenn man auf der Bühne gemeinsam fliegt, wenn man merkt, dass man eine Gruppe ist, die zusammenhält,  wenn man gemeinsam etwas erlebt, das einem niemand nehmen kann. Das habe ich schon in der Schule am Theater geliebt. Das ist schön und das überträgt sich auch auf die Zuschauer. Das ist die Magie, nach der wir alle suchen.

MM: Sie sind ein Teamspieler. Damit sind wir bei Ihrem Spieltriebe-Spielclub „Elf Freunde“, der sich mit Fußball befasst (mehr: www.volkstheater.at/junges/spieltriebe-die-spielclubs-des-jungen-volkstheaters/). Sie haben ja schon über den Platz gesprochen, das Thema scheint Sie sehr zu beschäftigen.

Locher: Ich bin ein großer Fußballfan, das ist eine gute Metapher für viele Dinge, die uns beschäftigen. Zum Beispiel die Karriereplanung: Wenn ein junger Spieler glaubt, er muss ganz jung ganz viel Geld bei einem großen Verein verdienen, und dann kommt er dort nie zum Zug und hat’s verkackt. Das heißt für mich: Schau‘ erst einmal, was zu dir passt, bevor du Entscheidungen triffst. Ich habe selber gespielt und habe es dann durchs Theater ausgetauscht. Ich spiele immer noch so oft es geht, aber ein Hobby ist halt schwer in dem Beruf.

MM: Sie könnten eine Volkstheatermannschaft gründen.

Locher: Das habe ich tatsächlich vor. Ich habe schon rumgefragt, es gab hier wohl mal eine Mannschaft, es gibt sogar noch Dressen. Mal schauen, ich bleibe dran.

MM: Erzählen Sie doch was über die „Elf Freunde“.

Locher: Das ist ein Projekt mit dem Georg Danzer Haus. Mit Spielerinnen und Spielern aus Österreich und Syrien. Unser Grundimpuls war, das Thema Fußball als Ausgangspunkt  zu nehmen, da man sich über Fußball in allen Ländern der Welt unterhalten kann, auch wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Es macht großen Spaß, einen gemeinsamen Abend zu kreieren. Es ist ganz spannend, mal auf der anderen Seite zu stehen. Ich denk‘ ja manchmal oben: ich verstehe ihn einfach nicht, was will er mir sagen, jetzt bin ich selber Spielleiter und wenn ich nach einem Geschwurbel meinerseits in ratlose Gesichter sehe, bringe ich gleich viel mehr Verständnis für meinen Regisseur auf. Das ist eine gute Erfahrung.

MM: Da wir nun schon beim Verbindenden des Fußballs sind, meine Abschlussfrage zur EM: Daumendrücken für die Schweizer Mannschaft oder den Schweizer Trainer?

Locher: Für die Mannschaft, natürlich, auch wenn Marcel Koller ganz Großartiges leistet. Zum Glück treffen die beiden ja nicht so schnell aufeinander, aber da die Schweizer gerade so gar nicht in Form sind, behalte ich mich mir die Österreicher als zweites Eisen im Feuer.

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Wien, 18. 4. 2016