Theater in der Josefstadt: Torsten Fischer im Gespräch

April 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“

Martina Stilp, Alma Hasun, Oama, Tonio Arango, Sandra Cervik, André Pohl, Roman Schmelzer und Salka Weber. Bild: Moritz Schell

Im Hubbard-Clan kämpft jeder gegen jeden: Martina Stilp, Alma Hasun, Oama, Tonio Arango, Sandra Cervik, André Pohl, Roman Schmelzer und Salka Weber. Bild: Moritz Schell

Am 14. April hat am Theater in Josefstadt Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“ Premiere. In ihrem Stück aus dem Jahr 1939 zeigt die der kommunistischen Partei zugeneigte US-Autorin eine Südstaaten-Familie als Abbild einer kapitalistischen Ausbeuterwelt: Der neureiche Hubbard-Clan hat es vor allem durch betrügerische Geschäfte zu großem Reichtum gebracht. Die drei Geschwister sind besessen von der Gier nach Geld.

Während Ben, gespielt von André Pohl, und Oscar, dargestellt von Tonio Arango, nach der damit verbundenen Macht streben, will ihre Schwester Regina endlich ein unabhängiges Leben führen. Ein Geschäftsmann aus dem Norden bietet den Hubbards einen lukrativen Deal an, doch um mitmischen zu können, brauchen sie eine Unterschrift von Reginas schwer herzkrankem Mann Horace – und der denkt gar nicht daran, zum Stift zu greifen. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger und Sandra Cervik werden als dieses verheiratete Paar in den Ehe-Ring steigen. Und auch sonst entbrennt ein gnadenloser Kampf jeder gegen jeden. Regie bei dieser letzten Saison-Produktion der Josefstadt führt Torsten Fischer. Ein Gespräch:

MM: Welch ein Stück zeigen Sie da? Eine Gesellschaft von Intriganten, Ausbeutern, Schwächlingen und Spinnern?

Torsten Fischer: Den Begriff Spinner würde ich ablehnen, dazu sind die Entwicklungen zu gefährlich. Das Personal besteht aus altem und neuem Geld, aus einer verblühenden Aristokratie und neureichen Turbokapitalisten, aus gebildeten und ungebildeten Faschisten, was letztlich alles keinen Unterschied macht. Als Verfechter der griechischen Tragödie als Ursprung von allem am Theater, glaube ich, dass sich die Welt nicht geändert hat, sie war vor 3000 Jahren so, wie sie heute ist. Und die Menschheit kalt und böse und profitgierig. Ob es die Geschichte der Medea ist oder die der Regina, sie ähneln sich ein wenig. Es geht um Mord und Totschlag, um Habgier und Geldscheffeln. Es ist alles verboten, außer korrupt sein, rassistisch sein, faschistisch sein. In allen Ländern der Welt überall das Gleiche. Nichts hat sich verändert.

MM: Und das wollen sie erzählen?

Fischer: Ich denke, Theater sollte entweder glücklich machen, dann hat es seine Berechtigung, oder ernsthaft sein. Dann ist Sentimentalität völlig verboten und der kalte Blick gefragt, und da ist mir Lillian Hellman schon früh aufgefallen. Ich habe „Die kleinen Füchse“ zum ersten Mal vor dreißig Jahren in New York gesehen und es hat mich eigentlich nie losgelassen. Nun tauchte es plötzlich an der Josefstadt auf, das ist schön.

MM: Was ist das Besondere daran?

Fischer: Zuerst einmal, dass es eine Frau geschrieben hat, eine Frau, die ich auf Augenhöhe mit Tennessee Williams oder Tschechow sehe. Aber mit einem wirklich sehr delikaten Unterschied: sie lässt, was in der Weltliteratur nicht vorkommt, weil sonst die Herren die Stücke schreiben, die ihre Protagonistinnen sterben lassen, die Frau als Siegerin übrig. Das Stück hat dadurch eine andere Note, die in unserer Zeit sehr interessant ist.

MM: Nämlich?

Fischer: Kollege Thomas Ostermeier hat das Stück an der Schaubühne ja wiederentdeckt, aber als bloße Familiengeschichte. Aber die Südstaaten sind eine ganz schöne Metapher für das, was bei uns jetzt passiert. Kinderarbeit und Ausbeutung von Arbeitskräften in der Dritten Welt ist nur die Fortsetzung der Sklaverei in den USA. Da hat sich nicht viel geändert, die Baumwolle wird heute nur zusätzlich von mit Pestiziden verpesteten Feldern gepflückt. Der amerikanische Kapitalismus und seine Mafiamethoden, die im Stück beschrieben werden, hat mittlerweile die ganze Welt erreicht. Das kommt im Text zwar nur atmosphärisch vor, ist aber leicht verständlich.

MM: Und ist die Verlängerung des Satzes, den Reginas Bruder Ben Hubbard sagt: „Sie heißen zwar nicht alle Hubbard, aber es sind alles Hubbards, und ihnen wird eines Tages die Welt gehören.“

Fischer: In dem Moment übrigens, in dem er alles verloren hat. Trotzdem hat er die Hoffnung, dass er gegen Regina gewinnen wird. Ich glaube, das wird schwierig gegen diese Frau anzutreten.

Herbert Föttinger und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Kein gegenseitiges Mitleid: Herbert Föttinger und Sandra Cervik als Horace und Regina. Bild: Moritz Schell

MM: Sie sind ein Feminist.

Fischer: Ja, mich ärgert auch, wenn jemand glaubt, dass Medea ihre Kinder getötet hat. Das war eine kleine, entzückende Idee von Herrn Euripides, es der Mutter anzuhängen, weil er seinen Stückschluss sonst langweilig fand. In der Mythologie hat das Volk von Korinth Medeas Kinder erschlagen. So kommt’s, dass in Griechenland kein Mädchen Medea heißt, in Georgien, wo die Medea herkommt, jedes zweite. Um das nun umzulegen: Die Frage ist, ob nicht auch Regina ein Leben lang von ihrem Vater, ihren Brüdern, ihrem Ehemann so gedemütigt wurde, dass sie die geworden ist, die sie ist. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig. (Er denkt kurz nach.) Ich sehe mich schon ein bisschen als Anwalt der Regina.

MM: Das eiskalte, berechnende Luder ist also schon auch eine gute?

Fischer: Eine gute, das weiß ich nicht, aber Lillian Hellman schimmert hinter zwei Figuren hervor. Hinter der Tochter des Hauses, Alexandra, die als Chronistin, als Kommunistin, das Geschehen beobachtet und diese Welt ändern möchte, aber auch hinter der Regina. Ich glaube, Frau Hellman war sehr zu Frauen hingezogen, und auch Regina sagt immer wieder: „Ich möchte interessante Frauen kennenlernen, ich möchte große Gesellschaften mit ihnen geben“. Das zeugt von ihrem völlig unemanzipierten Leben an einem Ort, an dem sie zu nichts kommt. Sie benutzt die eiskalte Männergeschäftswelt, um mit gleichen Waffen ihren Weg zu gehen. Sie hat eine Berechtigung für ihren Krieg; ich kann das verstehen.

MM: Ich dachte, Lillian Hellman war die Lebensgefährtin von Dashiell Hammett?

Fischer: Ach, die war mit vielen zusammen. Tatsächlich weiß man nicht viel über sie. Sie war aus einer New Yorker jüdischen Familie, extrem links, berichtete als Korrespondentin vom Spanischen Bürgerkrieg, lernte so Hemingway kennen, musste in der McCarthy-Ära vors „Komitee für unamerikanische Umtriebe“, wo sie nicht aussagte … Sie war vielen ein Dorn im Auge, weil sie gesellschaftliche Zustände mit ihrer Arbeit fast schlüsselromanmäßig aufgedeckt hat, und das mögen viele halt nicht. Das ging bis dahin, dass eine Journalistin, die gegen sie prozessiert hat, sagte: Jedes Wort, dass Hellman schreibt ist Lüge, auch die Wörter „und“ und „aber“. Das nimmt mich für sie ein, natürlich. Selbst, wenn ihr Stück reine Fiktion wäre, was es nicht ist, wäre es interessant genug, um die Machenschaften unserer Zeit aufzudecken.

MM: Stichwort: Panama?

Fischer: Solche krummen Dinger erklärt die Hellman in einem Nebensatz, der da lautet: „Der Gatte meiner Schwester ist Bankier.“ Pause. „Oh!“ Damit ist alles gesagt über die Verquickungen des Geldes. Man bietet dem willigen Investor aus dem Norden im Süden billig Wasser für seine Fabrik an, das ist genau die Geschichte der Firma Nestlé in Kanada, die Landstriche völlig austrocknet, ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Menschen, die da leben, haben nichts, Nestlé verdient Milliarden. Steht alles schon im Stück. Ich finde Ben Hubbard, der diesen Deal aushandeln will, ist wie Donald Trump. Der sagt die fürchterlichsten Sachen einfach so hin. Ich versuche das Ensemble gerade davon zu überzeugen, dass es nicht aufgeregt darstellt, dass die Welt böse ist, sondern als Verursacher diese Tatsache einfach locker spielt.

MM: Ben Hubbard wird gespielt von André Pohl, Regina von Sandra Cervik … Sie haben einige Sympathieträger des Hauses mit den Schurkenrollen besetzt. Wie geht das?

Fischer: Sandra Cervik geht mit großem Beispiel voran. Es ist nicht leicht für sie, auch wenn sie eine großartige Schauspielerin ist, so eine unsympathische Figur zu gestalten. Aber wie gesagt, ich bemühe mich ja, sie hie und da ins rechte Licht zu rücken, nicht dadurch, dass sie weniger gnadenlos spielt, sondern dadurch, dass sich andere wirklich mies zu ihr benehmen. Was im Text so steht, die Idee ist nicht von mir, sondern von Lillian Hellman. Die übrigens entsetzt war über die Uraufführung, bei der die Regina anscheinend als böse Schlange gezeigt wurde. Dabei wird sie von ihrem Ehemann nach Strich und Faden betrogen.

MM: Diesen Horace spielt Hausherr Herbert Föttinger. Sicher auch nicht einfach, einen so temperamentvollen Schauspieler einen ganzen Abend lang im Rollstuhl sitzen zu lassen?

Fischer (lacht): Ich habe ihm schon angedroht, ihm Brom ins Frühstück zu mischen, wenn er nicht stillsitzt. Nein, im Ernst, wir mögen einander sehr und es ist schön, dass wir nun zum ersten Mal gemeinsam arbeiten können. Ich habe diese Saison ja Dreißig-Jahre-Josefstadt-Jubiläum, und wir wollen schon seit Jahrzehnten was miteinander machen, und jetzt machen wir’s halt. Wir sind beide Kinder, er oben auf der Bühne, ich unten am Regiepult, unsere Proben sind zum Teil sehr witzig.

MM: Dabei ist Horace doch eine tragische Figur.

Fischer: Naja, ich habe kein Mitleid mit ihm. Er ist ein gerissener Bankier, ein Schlitzohr, sonst wäre er gar nicht zu dieser Bank gekommen. Sein Pech ist, dass er Regina wirklich liebt, und sie das nie getan hat. Nicht einen Moment in dieser Ehe, sie ekelt sich sogar körperlich vor ihm. Und dieser Mann kommt von dieser Frau nicht los, das gibt es, das Männer so ihr Leben ruinieren. Er geht kaputt an gebrochenem Herzen, hat aber gleichzeitig einen gnadenlosen Hass auf seine Frau. Die Geschichte ist nicht schön. Das ist für ein sich liebendes Ehepaar wie Cervik/Föttinger gar nicht so leicht zu spielen.

Das Bühnenbild. Bilde: Moritz Schell

Ein Bühnenbild ohne „Hochglanzoptik“. Bild: Moritz Schell

MM: Im Vorjahr ist eine literarische Entdeckung von Harper Lee veröffentlicht worden, in der aus editorischen Gründen die Begriffe „Neger“, „Nigger“ unverändert geblieben sind, was im Feuilleton für einige Erregung sorgte. Sie haben’s im Stück auch so gelassen. Keine Angst vor den politisch Überkorrekten?

Fischer: Nein. Da bin ich beinhart. Addie und Cal sind im Original „Nigger“. Ich bin Neger, Sie sind Neger. Soll einer kommen und sich aufregen. Ich fand die Ostermeier-Aufführung in gewisser Weise wie destilliertes Wasser, weil das fehlte. Natürlich gibt es die große Gefahr, dass man so in einem Südstaatenkitsch landet, trotzdem habe ich’s drin gelassen. Bei uns sind Addie und Cal junge, schöne Menschen. Wenn man genau hinguckt, könnte er Alexandras Freund sein und sie eine Tochter von Horace und einer schwarzen Geliebten, also Alexandras Halbschwester. Die drei bilden jedenfalls in der Andeutung eine Fraktion gegen den Hubbard-Clan. Diese Geschichte bleibt aber offen, genauso wie Lillian Hellman den Schluss offen lässt.

MM: Über dem Ganzen schweben aber natürlich „Mondlicht und Magnolien“. Wie wollen Sie diese Hochglanzoptik brechen?

Fischer: Unser Bühnenbild hat nichts Liebliches, es ist geometrisch, sehr „industriell“, fast karg. Wir haben die Südstaaten sehr stilisiert, da kommen keine Tara-Träume auf.

MM: Womit Sie, wie ich Ihnen unterstelle, uns Zuschauern auch vermitteln wollen, wie leicht wir „die“ sein könnten.

Fischer: Ich will den Zuschauern immer was vermitteln. Mit jedem Stück kann man, muss man sogar irgendetwas mitgeben.

MM: Und in diesem Fall wäre das?

Fischer: Liebt euch und macht Musik statt Geld. Geld muss jeder zum Leben haben, aber nicht mehr als notwendig, weil sonst wird’s schrecklich.

www.josefstadt.org

Wien, 11. 4. 2016