Leopold Museum: Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck und Berlinde De Bruyckere

April 6, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der gemarterte Körper als Bildhauerkunst

Wilhelm Lehmbruck: Der Gestürzte, 1915. Bild: Nachlass W. Lehmbruck

Wilhelm Lehmbruck: Der Gestürzte, 1915. Bild: Nachlass W. Lehmbruck

Wilhelm Lehmbruck zählt zu den bedeutendsten Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Leopold Museum widmet dem einflussreichen Erneuerer und Wegbereiter der modernen europäischen Bildhauerkunst ab 8. April eine erste umfassende Retrospektive in Österreich, bestehend aus etwa 50 Skulpturen, 90 Gemälden, Zeichnungen und Radierungen.

Die Ausstellung spürt Lehmbrucks künstlerischer Entwicklung nach. Sie skizziert seinen Weg vom noch suchenden, unterschiedlichste Einflüsse verarbeitenden Frühwerk bis zur Etablierung seiner originären skulpturalen Sprache. Diese führte ihn zu experimentellen und abstrahierten Formen, die seine Pariser Zeit maßgeblich kennzeichnen. Nicht nur die Omnipräsenz von Auguste Rodin und Aristide Maillol in Paris, auch Lehmbrucks persönliche Begegnungen und Freundschaften mit zeitgenössischen Kollegen wie Alexander Archipenko, Constantin Brâncuși oder Amedeo Modigliani feuerten dieses Schaffen an. Ausgewählte Werke von ihnen sind ebenso in der Schau zu sehen wie Arbeiten von George Minne, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach und Egon Schiele.

Wilhelm Lehmbruck: Mother and Child, 1918. Bild: Lehmbruck Museum, Duisburg

Wilhelm Lehmbruck: Mutter und Kind, 1918. Bild: Lehmbruck Museum, Duisburg

Zu Lehmbrucks bedeutendsten Exponaten zählen jene, die während des Ersten Weltkrieges, den er als Sanitäter in einem Berliner Militärlazarett erlebte, bis zu seinem Freitod im Jahr 1919 entstanden sind. Sie spiegeln die Sensibilität und Zerbrechlichkeit von Lehmbrucks Charakter sowie seine zutiefst auf Humanität begründete Haltung wider. Seine Figuren sind so introvertiert wie innerlich beseelt. Es sind Gefühlszustände wie Verzweiflung, Trauer, Scham oder Melancholie, die die in sich gekehrten Körper aufladen und ihnen einen besonderen, suggestiven Ausdruck verleihen. Lehmbrucks bildhauerisches Werk dreht sich hauptsächlich um den menschlichen Körper, die meisten seiner Skulpturen drücken Leid und Elend aus und sind anonymisiert, es sind also keine individuellen Gesichtszüge oder Ähnliches erkennbar. Wie bei der überdehnten und stark abstrahierten Figur „Der Gestürzte“, die ebenfalls in Wien zu sehen sein wird.

Auf die intuitive, seelische Kraft des plastischen Formens bei Lehmbruck verwies auch Joseph Beuys, dessen Werk am Abschluss der Schau in Dialog zu Arbeiten von Lehmbruck gesetzt wird. Die Gegenüberstellung der beiden Künstler, die insbesondere im Bereich der Zeichnung durch das Flüchtige und die Unabgeschlossenheit der Arbeiten eine hohe Ähnlichkeit aufweisen, unterstreicht einmal mehr die über seine Zeit hinausweisende Wirkkraft Lehmbrucks. Aus gegenwärtiger Perspektive in Anbetracht weltpolitischer Ereignisse ist sein OEuvre von höchster Aktualität.

Berlinde De Bruyckere: Suture

Berlinde de Bruyckere: Piëta, 2007 - 2008, ISelf Collection, London Bild: Mirjam Devriendt

Berlinde De Bruyckere: Piëta, 2007 – 2008, ISelf Collection, London
Bild: Mirjam Devriendt

Ebenfalls ab 8. April zu sehen sind Arbeiten der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere, als eine erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin in Wien, die durch die Präsentation zentraler Arbeiten und Werkserien aus den vergangenen zwei Jahrzehnten besticht.

De Bruyckere zählt mit ihren eindrücklichen Skulpturen, die den menschlichen Körper in seiner rohen Schönheit und Verletzlichkeit in den Fokus rücken, zu den international bekanntesten Bildhauerinnen der Gegenwart.

In zeitlosen Figuren setzt sich De Bruyckere mit Fragen von Leben und Tod und Schmerz und Leid auseinander und betont die Eingesperrtheit der menschlichen Existenz im fleischlichen Körper. Die fragmentierten Leiber ihrer wächsernen Skulpturen, die einen geradezu unheimlichen Realismus aufweisen, scheinen einem ständigen Prozess der Transformation zwischen Werden und Vergehen ausgesetzt. Die Körper werden durch persönliche, soziale und politische Prozesse der Verwandlung unterzogen. Für diese Formationen und Deformationen lässt sich De Bruyckere von tagesaktuellen Medienbildern und klassischen Gemälden inspirieren.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 6. 4. 2016