TAG: Die Blendung

April 6, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Groteske Kasperliade mit Spukgestalten

Alexander Braunshör und Jens Claßen Bild: © Anna Stöcher

Einer die Kopfgeburt des anderen: „Büchermensch“ Jens Claßen hat Alexander Braunshörs „Kien“ im Nacken. Bild: © Anna Stöcher

Es beginnt mit einer Elias-Canetti-Anekdote. Ein Kind und der Literaturnobel- preisträger am Züricher See, ein Bücherpaket mit Widmung, und der Mensch, der „Büchermensch“, Schauspieler Jens Claßen, der stolzgeschwellt von dieser Begegnung berichtet, bereitet sich vor zur Lesung. Dies der Auftakt zu Margit Mezgolichs Inszenierung von „Die Blendung“ im TAG, und dies die Rote-Faden-Frage, die sich durch die gruselmärchenhafte Aufführung ziehen wird: Was ist echt? Und was nicht?

„Die Blendung“ ist Canettis literarisches Erstwerk, geschrieben 1931/32 unter dem Eindruck des Schattendorfer Urteils, ein sperriger, schwer zu lesender Roman mit entsprechend wenig Lesern. Die Masse liebt Dichte, nicht Dichtung. Mezgolich hat daraus eine luftige Bühnenfassung gemacht und diese als groteske Kasperliade mit Spukgestalten umgesetzt. Gespielt wird wie im Alt-Wiener Pawlatschentheater, schrill, schräg, skurril, mit Abrakadabra-Bühnentricks und Ah!-und-Oh!-Effekten. Das ist ganz zauberhaft und sehr unterhaltsam und gleichzeitig Anlass zur Anmerkung: ein wenig bedrohlicher und zeitpolitisch bedeutsamer, ein bissel abgründiger hätt’s schon sein dürfen. Canetti setzt seine absurden Situationen und burlesken Momente ein, um auf sein späteres Lebensthema zu kommen. Der Untergang des denkenden Individuums in einer dumpf-dummen Übermacht. Die hirnlosen Handlungen dieser Un-Menge bleiben bei ihm nie folgenlos. Sie münden vielmehr stets im Schrecken, in Fremd- oder Selbstverstümmelung, in Brutalität, in Kannibalismus, im Mord. In Opferung. Canetti hat das Komische auf seine grausame Kehrseite gewendet, und wenn sein Protagonist Kien das Heine-Wort „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ spricht, möchte man das fast dystopisch nennen.

Mezgolich lässt diesen Wahnsinn aus und setzt statt dessen auf Irrwitz. Gewitzt hat sie sich einen Rahmen geschaffen, der auch dafür sorgt, dass ihre Bearbeitung nicht zu sehr aus der Prosa fallen muss. „Büchermensch“ Claßen trägt vor – und nach und nach entfaltet sich Kiens Studierstube. Darin tauchen sie auf, die Figuren, sie schlüpfen aus Kabinetten und Kästen und zwischen Sofapölstern hervor, es scheint, als hätte Mezgolich überall im Bühnenbild Schauspieler versteckt, und allesamt sind sie Claßens Kopfgeburten. Oder er die ihre? Das wird sich am Ende noch zeigen müssen, wer wessen Halluzination ist. Jedenfalls beginnt ein bunter Reigen an Schrecklichkeiten. Der „Büchermensch“ sieht sich umzingelt von Buchgestalten, immer mehr wird er in ihre Handlung hineingezogen werden, wird er sich nicht wehren können gegen Missverständnisse und Missliebigkeiten, wird er noch vor der letzten Seite um das Schicksal des Helden wissen und diesen in dieses stürzen sehen, und wird warnen wollen, aber nicht gehört werden, weil das Ende eben das Ende ist, und wird er am Schluss um sein eigenes Wohlergehen bangen müssen. Wie’s einem so geht mit Literatur. Sage noch einer, Lesen sei nicht gefährlich.

Alexander Braunshör und Petra Strasser Bild: © Anna Stöcher

Sprach- vs körperlicher Gewalt: Alexander Braunshör und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Elisabeth Veit, Georg Schubert und Petra Strasser Bild: © Anna Stöcher

Die unheilige Dreifaltgkeit der Therese: Elisabeth Veit, Georg Schubert und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Canetti beschreibt seinen Kien als „größten lebenden Sinologen“, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Auftritt Haushälterin Therese Krumbholz, die den Bibliomanen aus seiner Bücherfestung an den Traualtar lockt und darob mit der Neugestaltung des Heims beginnt. Warum Kien die Krumbholz geheiratet hat? Weil der weltfremde, kauzige Wissenschaftler an das Bildungspotenzial des Menschen glaubte.

Die treue Therese allerdings ist nicht Kopfarbeiterin, sondern eine handfeste Materialistin, und so tobt bald ein erbarmungsloser Kampf um die Vorherrschaft in der gemeinsamen Wohnung und ein bizarrer Streit um ein gefälschtes Testament. Eine Million machen aus der eheüblichen Sprachverwirrung eine üble Wahrheitsverdrehung, und Mezgolich lässt die Haushälterin geldberauscht nur noch in Halbsätzen stammeln. Ihr Sprechen kennzeichnet Canettis Charaktere, er hat ihnen Sprachmasken angelegt. Mit Plattitüden und Allgemeinplätzen versucht Krumbholz Kiens Eloquenz Herr zu werden. Seine Sprachgewalt beantwortet sie mit körperlicher.

Alexander Braunshör und Petra Strasser spielen die hasserfüllten Eheleute ganz fabelhaft, wie alle Figuren sind sie weiß geschminkte Gespenster, er max-schreckig, sie durch die Hilfe von Elisabeth Veit und Georg Schubert bald aufgebläht zur unheiligen Dreifaltigkeit. Strasser bebt förmlich vor ungerechter Empörung, während sie, auch weil sexuell frustriert, dem als Liebesbettchen untauglichen Sofa die Bücher zum Fressen gibt. Bald steht jeder Band mit dem Rücken zur Wand und Braunshör flüchtet sich mit weit aufgerissenen Augen und abwehrenden Händen in eine Stasis. Quasi als Zermürbungstaktik. Der Unbewegliche, angeekelt von allem Analphabetischen, und damit von jedem außer sich selbst, bewegt sich nun gar nicht mehr. Das ist darstellerisch auf komödiantisch höchstem Niveau. Das TAG-Ensemble ist einmal mehr mit großer Spielfreude am Werk; Hausherr Gernot Plass hat eine Truppe um sich versammelt, von der man inmitten dieser gelungenen Saison bald annehmen möchte, dass sie beinah alles kann. Und Mezgolich weiß die Vielfalt der Talente bestens einzusetzen.

Elisabeth Veit, Alexander Braunshör, Georg Schubert, Elisabeth Koller, Marie Pfefferle und Melanie Frauendienst Bild: © Anna Stöcher

Im „idealen Himmel“: Elisabeth Veit als Fischerle, Alexander Braunshör, Georg Schubert, Elisabeth Koller, Marie Pfefferle und Melanie Frauendienst. Bild: © Anna Stöcher

Mit ihnen entwickelt sie Canettis Personal, denn letztlich ist das Bestechende an der „Blendung“ weniger der Plot, als das Panoptikum grauslicher Gestalten. Schubert legt den sadistischen Hausbesorger Pfaff, der Frau und Tochter in den Tod geprügelt hat, als „gmiatlichen“ Wiener Proleten an. Elisabeth Veit macht aus dem einbeinigen, buckligen Kleinkriminellen ein fast feinsinniges Fischerle. Claßen muss zu diesem Zeitpunkt schon als Möbelverkäufer Grob – nomen est omen – herhalten.

Melanie Frauendienst, Bernhard Kobler, Elisabeth Koller, Horst Lenes und Marie Pfefferle sind ein brutaler Pöbel und die ärgsten Elendsgestalten in der Bar „Zum idealen Himmel“. Konfuzius kommt auch vor. Und Kiens Bruder Georg. Und hier entgleitet Claßen die Geschichte. Wie Margit Mezgolich. „Die Blendung“, das Buch, ist fort – und ohne Vorlage … beginnt das Kapitel „Welt im Kopf“. Claßen und Braunshör im Infight über die Unsäglichkeiten, die männliche Geistesgrößen über die Frau gesagt haben. Von Buddha bis Mohammed, von Platon bis Goethe. Ein akademischer Überbau, der die bis dato durch nichts ins Kopflastige zielende Inszenierung unnötig überfrachtet. Es erschließt sich nicht, warum er an diese Stelle gequetscht wurde. Ansonsten nämlich geht alles seinen Gang. Der Bibliotheksbrand bricht aus und der „Büchermensch“ kauft Therese ein Milchgeschäft. Er kann nicht anders, er kommt nämlich sonst aus dem Stück nicht raus.

www.dastag.at

Trailer: vimeo.com/157658713

Margit Mezgolich im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17836

Wien, 6. 4. 2016