Maria Hofstätter spielt in Wien Theater

Februar 21, 2013 in Bühne

Die neuen „Zofen“ lieben es unterkühlt

„Sensible Hypochondergans“. „Krummbeinige Simulantin“. „Stures Schrapnell“. Sie schenken einander nichts, die von der Dramatikerin Dea Loher erdachte hüftkranke Köchin (die Hüfte hat ihr der „HERR“ anfangs in einem Schwarzweiß-Stummfilm gebrochen, weil sie seine Gnade erflehte) und die kurzsichtige Schneiderin. Ein Schreckschrauben-Duo erster Güte, das im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom seine Rituale Jahrzehnte lang aufgestauter Aggressionen und intimer Kenntnis kranker Körper und Seelen als Racheorgie zelebriert. Nicht nur aneinander, sondern vor allem an …

Projekttheater im Hamakom

Martina Spitzer und Maria Hofstätter
Bild: Marie Luise Lichtenthal.

Das Projekttheater Vorarlberg zeigt „Anna und Martha. Der dritte Sektor.“ (= der Dienstbotensektor) als Gastspiel. Eine großartig groteske Komödie, wenn von Loher so nicht gedacht, dann von Susanne  Lietzow in ihrer Inszenierung dazu gemacht. Die Regisseurin arbeitet  wieder mit zwei ihrer Lieblingsschauspielerinnen: Die kongenialen Martina Spitzer und Maria Hofstätter, zuletzt nicht nur in der ORF-Satire „Braunschlag“ zu sehen, sondern für ihre Darstellung im Mittelteil  von Ulrich Seidls Kino-Tryptychon „Paradies: Glaube“ gelobt und ausgezeichnet. „Anna und Martha“ sind wie eine Hommage an Jean Genets „Zofen“. Mit dem Unterschied, das diese von Männern dargestellt werden sollen, und jene nicht mehr auf die Rückkehr der Herrin warten, sondern sie in der Tiefkühltruhe verschnürt haben und sich über ihr langsames Ersticken amüsieren. Beim Pelzmäntel-Plündern aus Kleiderschränken (sogar aus dem Gefriersarg werden bei Loher/Lietzow noch Schmuck und Edelpumps entnommen, mit denen die Hofstätter über die Bühne quietscht, bis die Ohren bluten) ist man wieder auf Augenhöhe.

„Die Bierbaum und die Bosheit sind siamesische Zwillinge“, sagt Anna. Damit sagt’s die Richtige. Die sogar schon einen Mordplan für den sabbernden, haarenden Haushund, er ist gleichzeitig der Chauffeur Ludwig und eine Puppe – derzeit sehr modern, ersonnen hat.

Während die beiden also auf das Ende des Atmens warten, haben sie viel Zeit. Um über die Umständ’ und gegeneinander zu räsonnieren. Um auf der Tiefkühltruhe zur Bonanza-Titelmelodie ein wenig bullriding zu probieren. Und um heimlich abzumessen, ob die andere nicht doch auch noch hineinpasste. Das ist wunderbarer Slapstick.

Im minimalistischen Bühnenbild von Marie Luise Lichtenthal gibt die Hofstätter die  herrische, gegen die schwarze Putzfrau (Spitzer als Xana unkenntlich gemacht durch einen Perückenmix aus Burka und hüftlangen Rastalocken) latent rassistische Rädelsführerin. Mit die schönsten Momente sind, wenn ihr der Dialekt durchgeht.“Anna“ Spitzer ist eine trotz sarkastischer Geschwätzigkeit ängstlich-weinerliche Witwe. Sie hat beim Herrn, in der Brauerei, ihren Mann verloren. Kein Unfall. Alkohol! Und den Sohn, dessen Votivbild, das sie um den Hals trägt, von Szene zu Szene größer wird.

Endlich: Das Röcheln ist aus.

Endlich kann man ein Siegergesicht aufsetzen, statt immer nur Dreck in die Pappn zu kriegen. So endet’s ähnlich, wie’s begonnen hat. Mit einem Schwarzweiß-Stummfilm von Anna und Martha und Xana am Meer. Italienische oder französische Riviera – egal.

Nur eine Frage bleibt offen: Wie bugsiert man seinen eigenen Boss Richtung Eiskasten?

www.hamakom.at

www.projekttheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 2. 2013