Willy Vlautin: Die Freien

April 4, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Leben und Sterben im amerikanischen Albtraum

65f019bf90In „Meine verlorene Stadt“ schreibt F. Scott Fitzgerald: In einem amerikanischen Leben gibt es keinen zweiten Akt. Ein Glück, haben die USA wenigstens das Happy End erfunden. Und das nutzt Willy Vlautin weidlich aus. Denn für alle seine Figuren in „Die Freien“, bis auf eine, geht’s gut aus. Die Menschen finden eine neue Liebe oder bekommen ihre Kinder zurück oder kriegen zumindest einen besseren Job. Selbst für den, der sterben wird, ist der Tod das gütigere Aus. Das ist ein schönes Märchen, die Armen sind bei Vlautin die besseren Menschen, die, die selbst nichts haben, lassen sich vom Schicksal der anderen rühren und helfen nach Kräften, und das ist so liebevoll geschildert, dass man überlesen möchte, wie stereotyp es wirkt. Vlautin möchte glauben, dass der Mensch im Innersten edel ist, und man sollte ihm in diesem Glauben folgen. Sein Roman ist so bittersüß wie die Folkrocksongs, denen sich der Autor hauptberuflich verschrieben hat, geschrieben schon fast wie ein Drehbuch, also, wenn die Story keiner verfilmt, dann … ist Donald Trump US-Präsident geworden und hat’s persönlich verboten.

Dabei ist „Die Freien“ keine Feel-good-Lektüre, das Buch ist im Gegenteil kaum zum Aushalten. Und wenn die Leute darin nicht so nett zueinander wären, schon gar nicht. Vlautin erzählt die USA von unten. Seine Protagonisten sind die working poor, die zwei, drei Jobs machen und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen. Er zeigt die Verlierer des american dream und die Vereinigten Staaten als gnadenlos kaltes, als grausames Land, in dem die Gestrauchelten und Gefallenen von keiner Gemeinschaft aufgefangen werden. Im land of the free konnte sich selbst Barack Obama seine Ideen von sozialer Gerechtigkeit rexen, und man kann beim Lesen, bei dem es einen schon so erschöpft, dass man sich fragt, wie die Menschen dieses 24-Stunden-Arbeitsleben aushalten, nicht anders, als Österreichs (noch) als Insel der seligen sozialstaatlichen Errungenschaften zu gedenken. Erstaunlich, wie keine der Figuren gegen ihr Schicksal aufbegehrt, das eigene Elend wird stoisch ertragen, man gibt sich am Versagen der Gesellschaft selbst die Schuld. „Ich habe alle enttäuscht“, sagt etwa Freddie angesichts seiner ausweglosen Situation. Sein Vergehen? Er hat sich hoch verschuldet, weil seine Krankenversicherung die Operationskosten für seine körperbehindert zur Welt gekommene Tochter nicht trägt. Welch eine barrikadensturmbefreite Mentalität, dieses only the strong survive und der Rest hat’s ohnedies nicht verdient.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

„Du schnallst einfach nicht, dass wir einmal das größte Land der Welt gewesen sind. Das größte Land aller Zeiten. Jetzt ist es bloß noch ein Dreck und Menschen wie du haben es zerstört“, heißt es an einer Stelle. Die ist allerdings aus einem Komaalbtraum. Leroy, schwerstversehrt aus dem Irak zurückgekehrt, träumt ihn.

Da hat sein eingedelltes Gehirn den letzten lichten Moment schon gehabt, in dem er jenen Selbstmordversuch unternimmt, der ihn in die Betäubtheit zurückgeworfen hat. Der Science-Fiction-Fan entwirft in der Ohnmacht eine gar nicht so dystopische Welt, in der ein Test die „Denkenden“ von den perfekten Soldaten scheidet. Erstere werden weil Staatsfeinde von einer Bürgerwehr, die sich „Die Freien“ nennt, zur Strecke gebracht. Searching, seek and destroy. Das ist nicht so Trivialliteratur, wie es hier steht, sondern eine brutale, endgültige Geschichte, in der Leroy seine gewesene und aktuelle Realität, seine Schmerzen und seine durch Medikamente ausgelöste Euphorie, mit seinem Kopfkino mischt. Am Ende, bei seiner Erlösung, wird beides in einem langen Liebesgespräch verschmelzen, in dem der tatsächlich Hinüberschlafende seine Verlobte Jeanette in ein von seiner Pflege befreites Leben entlassen, doch der in der Illusion Sterbende seine Fluchtgefährtin Jeanette in einer ungewissen Zukunft zurücklassen wird. Wer da nicht weint, hat kein Herz. Auch wenn nichts an Vlautins Sätzen weinerlich ist.

Leroys Krankenhausbett ist der Treffpunkt der anderen Protagonisten. Freddie war der Nachtdienst in seiner Behindertenwohngemeinschaft und kommt seinen Schützling zwischen dieser Aufgabe und seinem Tagesjob in einem Farbengeschäft besuchen. Sein Haus steht zum Verkauf, seine Frau hat ihn verlassen, doch er kämpft und kämpft. Für seine beiden Mädchen. Pauline ist Krankenschwester auf der Station und versorgt neben dieser aufreibenden Tätigkeit noch ihren manisch-depressiven Vater und eine minderjährige Drogensüchtige. Sie ist die gute Seele des Ganzen, der leicht übergewichtige – denn ihr Essen besteht aus Zeitmangel und Geldnot meist aus der „Kotztüte zum Mitnehmen“, heißt: Fast Food – Silberstreifen am Horizont, in Liebesdingen schwer beziehungsgestört, aber mit ausgeprägtem Helfersyndrom. Über ihr Verhältnis zu ihrem Vater heißt es: „Ein Leben lang hasste sie ihn und gleichzeitig tat er ihr leid. Am Ende erfüllte sie ein Verantwortungsgefühl, dem sie nicht entkommen konnte. Ein unbestimmtes Pflichtgefühl, das sie nicht ganz verstand.“ Auch die junge, sexuell missbrauchte und Heroin abhängig gemachte Jo will sie um jeden Preis retten, das Straßenkind, die Rotzgöre, und gibt für diese neuerliche Aussichtlosigkeit mitmenschlich alles.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Vlautin gibt seinen einfachen Menschen eine einfache, unsentimentale und unprätentiöse Sprache. Wobei nie simpel ist, was sie sagen. Viele von ihnen sind ironiebegabt. Wie Leroys Mutter Darla, die ihrem Sohn die Sci-Fi vorliest, die ihr selber wenig sagt: Über einen fernen Planeten ziehen halbnackte Nomadinnen, glücklich, wenn sie nicht Opfer jener Aliens werden, deren einzige Nahrung sie sind.

„Und sie waschen einander ständig. Schon fünfmal in noch nicht einmal drei Kapiteln. Und sie sind alle wunderschön und küssen einander andauernd.“ – Pauline: „Das hat bestimmt ein fetter alter Sack geschrieben.“ – Darla lacht: „Stimmt genau. Ich habe nachgesehen. Aber das macht es wenigstens komisch.“ Darla kennt die Kehrseite der Medal of Honor. In einer der stärksten Szenen wirft sie Leroys Ex-Arbeitgeber, der ihn zum Hurrapatriotismus und in die Arme der Armee getrieben hat, und einen Militärkaplan aus dem Krankenzimmer. „Wissen Sie, zuerst, als wir in Afghanistan einmarschiert sind und dann im Irak, war ich begeistert. Ich habe das verfolgt wie ein Sportereignis, eine Abenteuergeschichte … Und dann ist Leroy in die Wohngruppe gekommen … Das hat mir die Augen geöffnet“, sagt Freddie. Ein Erweckungserlebnis, das etlichen US-Bürgern wohl versagt geblieben ist. Gottsuchenden, wie Freddies Chef Pat, die in die hausgemachte Verblendung rennen. Knapp vor 11/8 sollten die USA sich ihrer Mitverantwortlichkeit an der aktuellen Weltmisere bewusst werden.

Doch dies das einzige Politstatement, das sich Vlautin erlaubt. Mehr muss er an Offensichtlichem auch nicht leisten. Er behandelt die Themen zur Zeit in den Gesprächen seiner Figuren. Die Kriegstreiberei als Kind des wirtschaftlichen Niedergangs der Nation, und wie die Migrantenfeindlichkeit ihre Ursache auch in der Angst um den Arbeitsplatz und vor der Altersarmut hat, all das wird bei Plaudereien hingesagt. Unkommentiert. Das ist gewagt. Das fordert auf zum selbstständig Denken. Interessant auch, dass der Autor an seinen Figuren alles beschreibt, außer der Hautfarbe. Vlautin, der Schutzpatron der Underdogs, wie ihn Schriftstellerkollege T. C. Boyle nennt, der Karohemdenträger mit dem Sensorium fürs Abgründige, rettet seine Protagonisten wie gesagt knapp vor der Klippe. Sogar für ein Kaninchen wird alles super. Er hat ein Patentrezept für die Probleme der Menschen und deren Bewältigung. Das geht eigentlich ganz leicht. „Ich weiß, wir sind alle müde“, sagte Freddie. „Aber wenn man müde ist, muss man vor allem weiter nett sein. Freundlich sein, das darf man nicht vergessen. Und das wollen wir jetzt machen, verstanden?“

Über den Autor:
Willy Vlautin, geboren 1967 in Reno, Nevada, ist Sänger und Songschreiber der Folkrockband Richmond Fontaine. Seine Romane „Motel Life“, „Northline“ und „Lean on Pete“ wurden zu internationalen Erfolgen, „Motel Life“ wurde mit Emile Hirsch, Dakota Fanning und Stephen Dorff in den Hauptrollen verfilmt. Willy Vlautin lebt in Portland, Oregon. Mit Richmond Fontaine tourt er immer wieder um die Welt.

Berlin Verlag, Willy Vlautin: „Die Freien“, Roman, 320 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Robin Detje.

www.berlinverlag.de

willyvlautin.com

Wien, 4. 4. 2016