TAG: Arturas Valudskis‘ „Das Spiel: Die Möwe“

April 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

So heiter wie todernst gemeint

Michaela Kaspar und Markus Kofler Bild: © Anna Stöcher

Zuviel Gefühl: Michaela Kaspar als emotionalisierte Irina und Markus Kofler als darob peinlich berührter Boris. Bild: © Anna Stöcher

Eine Szene gibt es, in der Konstantin Gavrilovič Treplev die übrigen Figuren mit einem langen Schal aneinander- und zugleich verbindet. Trigorin die Hände, der Arkadina den Mund, Mascha die Augen. Nina legt er die Schlinge um den Hals. Das ist die Essenz dessen, was es über Tschechows „Möwe“ zu sagen gibt. Arturas Valudskis hat daraus am TAG „Das Spiel: Die Möwe“ gemacht. Mit den seinem schwarzen Theater eigenen Mitteln. Der aus Litauen stammende Regisseur entkleidet, subtrahiert, abstrahiert, bis hinter Sprachschwall und großer Geste das Notwendige zum Vorschein kommt.

Er lotst das Publikum durch Weglassen durch seine Wirklichkeit. In diesem Fall dauert der Weg 80 Minuten, dann ist alles gedacht und gesagt und getan, und man fragt sich, was die russische Intelligenzija auf einer Bühne je länger herumphilosophieren musste. Valudskis, der Verführer, fängt die Zuschauer mit Zauberbildern, und am Wohlfühlhöhepunkt sagt er ihnen: Jetzt seht hin! Das ist der Mensch, nicht mehr, aber auch nicht weniger. So ist ihm einmal mehr eine großartige, eine geniale Aufführung gelungen.

Für die er aus seinem Aggregat Valudskis mit Julia Schranz und Markus Kofler, aus dem TAG mit Michaela Kaspar und Raphael Nicholas und Claudia Kottal ein eingeschworenes Ensemble bildete. Valudskis hat den Tschechow’schen Charakteren die theatergeschichtliche Bedeutsamkeit runtergeräumt, ihnen die berühmten Namen genommen, übrig bleiben schlicht eine Irina oder ein Boris. Und weil hier jeder eine Art Leitmotiv, einen bezeichnenden Satz hat, ist der von Markus Kofler als Boris Trigorin: „Es ist doch so schön hier und alle sind so nervös“. Das ist schon zum Lachen. Wenn Valudskis als Atout seinen feinen Sinn für absurden Humor ausspielt. Das Dasein ist eine Groteske, das weiß einer wie er, der mehr erlebt und ertragen hat, als einen Roman füllen könnte, nur zu genau.

Was er mit seiner Fünfertruppe zeigt, sind die Spielarten des Künstlerseins. Die Unzufriedenheiten und die Verzweiflungen. Die selbstzerfleischende Leidenschaft für die Kunst und die deshalb oft heilsame Selbstverliebtheit. Die Besessenheit vom unfertigen und die Befriedigung übers vollendete Werk. Und wie unvergleichlich schön und unerträglich schrecklich das ist. Und immer wieder den Tod. Bühnentod und Liebestod. Valudskis öffnet neue Sichtweisen auf das Oftgesehene. Eine Papiermöwe wird gekost und darf fliegen und wird vom Himmel geschossen. Papier kommt überhaupt viel zu Schaden, auch als versenktes Schiffchen. Es ertrinkt in einer Waschschüssel, die eben noch der Mond war. Die Schauspieler werden unter vollem Körpereinsatz zum Zug nach Moskau, ein fallender Klavierdeckel ist ein Gewehrschuss. Was könnte heiterer und zugleich ernster gemeint sein? Hier ist alles Spiel.

Und in diesem fällt es den Darstellern zu, Charaktere zu erschaffen, indem sie aus der Figur fallen. Als Akt der Selbstversicherung. „Bin ich die Möwe? Nein, ich bin eine Schauspielerin“, sagt sich Julia Schranz als Nina vor. Genauso gut ist sie aber ein Geschöpf aus Trigorins Novellen. Der Rollentausch ist ein Sehnsuchtsgeschäft; keiner will sein, was er ist, keiner will den anderen als den belassen, den dieser vorgibt zu sein, aber keiner kann aus seiner Schablone. Man redet nicht mehr nur aneinander vorbei, sondern gleichzeitig durcheinander; für eine Valudskis-Inszenierung wird fast geschwätzig viel gesprochen, das betont den Tschechow’schen Bla-Effekt, und wirft im Ungleichen Parallelen auf. Mascha klagt Boris ihr Leid, Nina und Konstantin sich das ihre gegenseitig. Immer geht es um zerbrochene Herzen und „Nägel im Kopf“.

Raphael Nicholas und Julia Schranz Bild: © Anna Stöcher

Ihre avantgardistische Performance wird zum künstlerischen Debakel: Raphael Nicholas als Konstantin und Julia Schranz als Nina. Bild: © Anna Stöcher

Den Konstantin spielt Raphael Nicholas als eifersüchtiges Muttersöhnchen. Wie er zur Ermahnung „Mama!“ ruft, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht. Und das tut’s ja nicht. Gleich am Anfang, wenn die Familie belustigt bis indigniert Ninas Performance zu seinem Text zur Kenntnis nimmt. Nicholas besticht mit beinah Artaud‘schem Blick, nichts Gutes wird da kommen vom exzentrischen, einsamen Sonderling, der Avantgarde sein will und nur Ablehnung erfährt.

Jeder neuen Generation ihre neue Kunst, das klappt halt nicht immer auf Anhieb. Weshalb er sich in Suizidversuche flüchtet. Michaela Kaspar als la Grande Dame Irina gibt derweil Unterricht in Rollengestaltung und Körperhaltung. Sie zieht Nina sozusagen in ihren Feldenkrais. Das ist ein Kabinettstück, diese „Elektra“-Übung von Kaspar und Schranz, der Pathos und seine patscherte Parodie, Kaspar ganz fabelhaft gelangweilt und Schranz brillant tragikomödiantisch. Ansonsten ist Kaspar mehr Übermutter als egomanische Megäre.

Auch Boris Trigorin wird in der Gestaltung durch Markus Kofler vom üblichen Schnittmuster befreit. Er ist kein arroganter Autor, sondern ein passionierter Angler. Schriftsteller sein scheint ihm mühsam, außerdem sieht er sich selbst diesbezüglich als zweite Wahl, endlich einer, der das Landleben in vollen Zügen genießen würde, wenn da nicht … Ein Paar roter Handschuhe wird zum Objekt der Begierde, eifersüchtig geteilt zwischen und bewacht von ihm und Konstantin. Das restliche Geschehen kommentiert Koflers Boris lapidar. Wenn’s kein schreibbarer Stoff ist, tangiert es ihn im Wesentlichen nicht. Allein Koflers blasiert angewidertes Gesicht, wenn ihm einer mit seinen Seelenwehwehchen kommt, denn ihn interessierten nur die eigenen diesbezüglichen Blähungen, ist den Abend wert. Er ist permanent in peinlicher Verlegenheit wegen des Zuviels an Gefühl rundherum, des echten und des erspielten.

Claudia Kottal und Markus Kofler Bild: © Anna Stöcher

Das verlachte Leiden der Landpomeranze: Claudia Kottal als Mascha mit Markus Kofler. Bild: © Anna Stöcher

In all der überkandidelten Überdrüssigkeit wird das Drama „eines einfachen Menschen“ naturgemäß nicht wahrgenommen. Mascha, fruchtlos in Konstantin verliebte Tochter des Gutsverwalters und bald falsch verheiratete Ehefrau, geht von den anderen unbemerkt unter. Und Claudia Kottal lässt ihre Figur im Lachen untergehen. Die Landpomeranze macht sich unter den feinen Leuten zur Ulknudel, kaum ein Wort kann sie sagen ohne loszuprusten, das schneidet tief, weil dahinter doch zu verstehen ist, wie sehr ihr dieses Leben zusetzt. Doch das Volk macht immer weiter, es kann sich den Luxus hysterischer Affektiertheit nicht leisten. Kottal zeigt das sehr gelungen, dieses Dabeisein und doch nicht dazugehören …

Tschechows Stücke sind hauchfeine Gewebe aus jener Realität, die einen beutelt, und den Illusionen, denen man deshalb nachhängt. Raffiniert gesponnen legen sie teils freundlich, teils bitterböse den Blick frei auf die Banalität des Lebens und die Höllen, die man einander darin bereitet. Doch Tschechow analysiert nicht nur „Zustände“ mit scharfem Arztblick, er schaut mit Güte und Verständnis auf die, die sich in ihnen abmühen. All das hat Arturas Valudskis zutiefst verstanden.

Er liebt. Das Theater und seine Schauspieler und sein Publikum. Und deshalb ist ihm auch diesmal Magie gelungen. Ein fantasievoller, spielfreudiger Abend, der mit großem Applaus und vielen Bravos bedankt wurde. In der Hoffnung, dass der Wahl-Salzburger auch kommende Saison wieder in Wien inszeniert.

dastag.at

Trailer: vimeo.com/160745117

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

Wien, 3. 4. 2016