Matthias Franz Stein im Gespräch

Februar 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Kabarettist im „Jenseits“

Matthias Franz Stein Bild: Severin Koller

Auch als Vater beim Teufel: Matthias Franz Stein
Bild: Severin Koller

Josefstadt-Schauspieler Matthias Franz Stein präsentiert mit „Jenseits“ sein erstes Kabarettprogramm. Warum es dort auch jenseitig ist, ob er das Publikum killen will, und dass er – pst! – ein Programm mit seinem Vater Erwin Steinhauer vorbereitet, erklärt und erzählt er im Gespräch. Die nächsten Termine: 22. Februar, Kulisse Wien, und 24. Februar, Theater am Alsergrund.

MM: Ihr erstes Kabarettprogramm ist fertig. Warum dieser Schritt vom Schauspieler zum Kabarettisten? War sozusagen der künstlerische Druck da, die Welt mit eigenen Texten zu füllen – also zu produzieren statt zu reproduzieren?

Matthias Franz Stein: Druck gab es keinen aber die Lust am Schreiben war immer schon da. Das Kabarett ist die perfekte Kombination aus Schreiben und Spielen. Das Schreiben entsteht aus der permanenten Auseinandersetzung mit dem, was um mich herum geschieht. Ich empfinde es nicht als einen Entschluss jetzt Kabarett zu machen, sondern vielmehr als logische Konsequenz meiner Leidenschaften. Das Schreiben und die Bühne. Das Kabarett ist auch deswegen für mich reizvoll, weil hier die vierte Wand wegfällt. Der Schauspieler grenzt sich stärker ab von seinem Publikum. Es findet kein direkter Kontakt statt. Der Kabarettist und das Publikum hingegen begegnen einander tatsächlich. Das gefällt mir. Der Kontakt. Aug in Auge. Das Miteinander. Im idealsten Fall. Es kann auch zu einem Duell werden. Ich gegen alle. Da heißt es dann die oder ich. Steve Martin hat nach einem gelungen stand up Auftritt gemeint, I killed the audience. Er sagte das, weil er wusste, dass das Publikum auch ihn töten kann!

MM: Ihr Programm heißt „Jenseits“ – wohl auch im Wienerischen Sinne von „jenseits sein“. Worum geht’s im Wesentlichen?

Stein: Das Wort Jenseits ist sowohl örtlich als auch als Adjektiv zu verstehen. Weil ich bei den Dreharbeiten zu Tom Turbo so unglaublich authentisch sterbe, gelange ich irrtümlich ins Jenseits. In der Hölle klärt sich der Irrtum allerdings auf und der Teufel bietet mir an, als Moderator in seiner Show „Satan sucht die Superleiche“ aufzutreten, in der Verstorbene um einen Platz im Himmel um die Wette performen und Peter Alexander, Klaus Kinski und Marcel Raich-Ranicki die Promileichen-Jury geben. Weil ich sein verlockendes Angebot nicht ablehnen kann, vertraue ich dem Teufel meine Kinder an, weil an dem Tag der TV-Aufzeichnung die Babysitterin keine Zeit hat. Andererseits beziehe ich mich mit dem Titel „Jenseits“ auf jenseitige Zustände unserer pervertiert kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Allem voran spreche ich da die Vereinbarkeitslüge von Liebe, Familie und Beruf an. Denn es ist heute nicht zu verleugnen, dass die Erwerbstätigkeit immer mehr Raum einnimmt und den Menschen, vor allem jenen mit Familie, das Leben zu einem täglichen Kampf und einem Wettlauf mit der Zeit macht, den sie nicht gewinnen können. Der vielleicht pathetische klingende Satz, „capitalism kills love“ hat einen wahren Kern.

MM: Wenn’s ums Jenseits geht, kommt Gott vor? Und: Steckt der Teufel im Programm oder im Detail?

Stein: Natürlich kommt in meinem Programm auch Gott vor! Und da Jesus Jude war, habe ich Gott zwischen Karl Farkas und Ernst Waldbrunn angelegt. Sein Einzelpersonenunternehmen steht knapp vorm Konkurs und er kann seine SVA-Beiträge nicht mehr zahlen, weil keine zahlungskräftige Kundschaft mehr in den Himmel kommt. Und wenn sie mich jetzt fragen, warum der Himmel leer bleibt, dann denken Sie doch nur mal an die Todsünden, Geiz, Neid und Völlerei. Welche dieser Todsünden begehen wir nicht mehrmals täglich? Ich selbst bin zwar bekennender Atheist, aber ich habe mich bei der Recherche für mein Programm an das Ein-Mal-Eins der Bibel gehalten. Und: Der Leibhaftige ist ja bekanntlich seit der Erbsünde der Fürst der Welt und in meinem Programm glühender Kapitalist. Schließlich verführte er ja auch Adam und Eva von der verbotenen Frucht zu kosten. Damit hat alles begonnen. Der abgebissene Apfel ist ja heute bekanntlich überall!

MM: Was ist Jenseits für Sie?

Stein: Das Jenseits ist in meiner Vorstellung das nichts. In meiner Wunschvorstellung allerdings werde ich wieder geboren. Vorzugsweise als Adler.

MM: Wie ist das Heimatgefühl Josefstadt? Sie sind dort derzeit in zwei Inszenierungen zu sehen. Am 14. April kommt Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“ dazu. Was erwartet das Publikum da?

Stein: Das Theater in der Josefstadt ist tatsächlich meine künstlerische Heimat geworden. Nach jedem Sommer kehre ich sehr gern in das Haus zurück. Wir haben ein tolles Ensemble, nicht nur künstlerisch, sondern auch menschlich gesehen. Ich habe meine Kollegen allesamt sehr gern. Derartige Zufriedenheit im Berufsleben ist eine Seltenheit. Und dafür bin ich sehr dankbar. In „Die kleinen Füchse“ spiele ich Leo, einen Sohn aus reichem Hause, der seiner Familie einen finanziellen Vorteil verschaffen will, indem er Aktien aus der Bank stiehlt, in welcher er arbeitet. Und in „Der Schwierige“ von Hofmannsthal spiele ich den Stani, wieder einen jungen Mann aus reichem Hause, dessen Verlobte in den Bruder seiner Mutter verliebt ist. Zwei tragische Charaktere, die aber letzten Endes, wie für mich alle interessante Figuren, viel komödiantisches Potential haben. Ich suche bei einer Figur, die ich erarbeite, immer den Humor, ohne sie auszustellen und zu verraten. Das Tragische sollte in meinen Augen nie schauspielerisch bedient werden, sondern wie im wahren Leben auch immer darunter liegen.

MM: Nun haben wir, haha!, ein ganzes Gespräch geführt, ohne dass der Name Erwin Steinhauer gefallen ist. Ist das gut, schlecht, wurscht? Wie nervig ist das, wenn man sagt, Sie klingen wie Ihr Vater?

Stein: Ich höre es gern, wenn man mir sagt ich klinge wie er. Er hat eine wunderbare Stimme! Als sehr junger Schauspieler wollte ich mich klar abgrenzen, daher auch die Namensänderung. Heute bin ich aber über 15 Jahre in diesem Beruf und sehe das sehr locker. Ich nütze auch jeden Vorteil aus, weil man als Sohn von „…“ auch in den Genuss von Nachteilen kommt. Das Vater-Sohn-Thema ist aber für mich auch als Vater relevant geworden. Überhaupt halte ich die Vater-Sohn-Beziehung für ein sehr spannendes Feld. In vielerlei Hinsicht. Mein Vater und ich denken schon über ein gemeinsames Programm nach … Aber pst!

MM: Welche Message steckt in  „Jenseits“? Oder anders gefragt: Wie soll das Publikum aus Ihrem Programm rausgehen?

Stein: Ich habe keinen Rat für die Menschen oder eine Weisheit parat. Das sehe ich auch nicht als meine Aufgabe. Als Schauspieler oder Kabarettist beziehungsweise Künstler will ich Unsichtbares sichtbar machen. Das zentrale Thema von „Jenseits“ ist der gesellschaftliche Stillstand. Das Moratorium. So schnell wir uns auch fortbewegen, wir laufen in eine Sackgasse. Dead end. Der Mensch setzt sich seine Ziele in der äußeren Welt, obwohl es nichts mehr hinzuzufügen gibt. Das Blatt ist nicht voll geschrieben, es ist derartig vollgekritzelt, das alle Farben in einem dunklen Braun verloren gehen. Ich frage mich, ob wir es schaffen ein neues Blatt Papier auf den Tisch zu legen, bevor das alte aufweicht und zerreißt. Vielleicht gelingt uns dies, indem wir unsere Aufmerksamkeit nicht nach außen, sondern nach innen richten.

MM: Ab März sind Sie in der neuen Staffel der ORF-„Vorstadtweiber“ zu sehen. Als Ehemann von Hilde Dalik erleben Sie was?

Stein: Ich weiß nicht, wieviel ich da verraten darf. Ich kann nur so viel sagen, dass wir ein Kind bekommen, obwohl ich zeugungsunfähig bin. Das wirft einige Fragen auf!

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Wien, 19. 2. 2016