Werk X: Unterwerfung

Februar 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Abend für intellektuelle Feiglinge

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François Bild: © Chloe Potter

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François. Bild: © Chloe Potter

Wenn Robert Rediger gegen Ende meint, der Islam hätte die Senkung der Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate bewirkt, fällt einem „Salafistes“ ein. In der Filmdokumentation von François Margolin und Lemine Ould M. Salem sagt ein Dschihadist im Wortlaut diesen Satz. Allah und die Scharīʿa wenden alles zum Guten. Der Film ist im Frankreich dieser Tage höchst umstritten. Weil er abbildet, informiert, aber nicht kommentiert. Welch ein Vorwurf an eine journalistische Arbeit.

Den Hintergrund der Werk-X-Bühne bestimmt die Houellebecq-Karikatur vom Charlie Hebdo-Titelblatt: 2022 mache ich Ramadan. Das war am 7. Jänner 2015. Da erschien sein Roman „Unterwerfung“ und das Terrorkommando in der Redaktion des Satiremagazins. Houellebecq war daraufhin in Frankreich höchst umstritten. Man warf ihm vor, dass er das kommentiert, Frankreich und der Islam. Ein Autor, der mit seiner Fiktion das Zeitgeschehen überlagert, welch ein Vorwurf an einen Schriftsteller.

Die Handlung von „Unterwerfung“ ereignet sich im Jahr 2022 in Frankreich. Ein charismatischer muslimischer Politiker, Mohamed Ben Abbès, schart immer mehr Wähler um sich. Die sozialistische Partei geht ein Bündnis mit den Konservativen und Ben Abbès ein, um den Aufstieg des rechten Front National zu verhindern. Ben Abbès wird Staatspräsident, ändert die laizistische Verfassung und führt die Theokratie, die Scharīʿa und das Patriarchat ein. Das alles wird geschildert vor einem universitären Hintergrund. Die Sorbonne wird eine Islamisten-Uni und ein Literaturwissenschaftler gerät in die Mühlen der Weltgeschichte.

Ali M. Abdullah hat eine szenische Einrichtung des kontroversiellen Textes vorgenommen. Das ist ein wichtiger, ein mutiger Schritt im derzeit überhitzten Polit-Klima, in dem sich sogar künstlerische und journalistische Auseinandersetzungen selbstzensurisch verunmöglichen. Es geht vielerorts nur noch um entweder verbale Entgleisung oder die ideologische Exkommunikation. Abdullah aber hat Houellebecq als späten Nachfahren von Molière erkannt und er lässt ihn in seiner Spezialdisziplin brillieren: der Vorführung von Heuchelei und Opportunismus. Die Bühnenfassung von Abdullah und Hannah Lioba Egenolf trifft den Ton. So zwischen ausgenüchtertem Spott und beiläufigem Zynismus. Abdullah zeigt Houellebecqs Gedankenexperiment nicht als Zerrbild, sondern unter dem Vergrößerungsglas. Er haut dem derzeitigen gehirnweichen Herumgelabere eine Groteske um den Kopf. Das ist komisch. Dadurch lässt sich das in Buchform hysterisch diskutierte Werk als Theaterereignis zurückgelehnter betrachten.

„Unterwerfung“ ist kein Abend für intellektuelle Feiglinge. Er überprüft Europa auf seinen reaktionären Gehalt. Er erkennt die Tragikomödie in Europas derzeitiger Verfassung. Er führt sozusagen die auf und die vor der Bühne vor. Führt nicht vor, wer „die“, sondern wie „wir“ sind. Selbstreflexive Hedonisten, linksdrehende Globalisierungssachverständige, Toleranzrassisten mit Armer-Schwarzer-Muslim-Attitüde, atheistische Gottsucher und Foucault’sche Humanisten. Opinion Leader vs Quotenmeinungsmacher. Und die Kampfzone weitet sich aus. Abdullah setzt seine Figuren in dieses Magnetfeld. Und los geht’s mit Kulturimperialismustalk und Youporn, Geilheit und Konsum, die Dialoge durchbrochen durch die monologische Prosa, diese Reflexion immer wieder durch Konfrontation.

Die Ureinwohner Europas sind: Der fabelhafte Marc Fischer als Huysmans-Verehrer François. Der Literaturprofessor hat sich den Dekadenzdichter einverleibt, und wie Fischer in seiner Lust am Leid schwelgt, ist großartig. Sein François changiert zwischen Eigenliebe und Weltekel, er gebraucht Sex zur Selbstbehauptung. Er ist ein pseudomachistischer Möchtegern, die Art hirnwixerischer Elfenbeinturmhocker, die 1933 dachte, dass das Jahr 1941 sie nicht tangieren kann. Das François umringende Gruppensystem beweist sich in Houellebecqs Versuchsanordnung als wertekatalogisch austauschbar. Dennis Cubic ist ein sleeker Kollege Steve, der aus der identitären Bewegung, also jenem rechtsextremen Milieu, dem der Front National zu weichgespült ist, die Karrierekurve kratzt. Christian Dolezal ist als Universitätspräsident Robert Rediger ein satanischer Verführer zum Islamismus. Er argumentiert mit quengeligem Trivial-Nietzscheanismus und längst abgegriffener Zivilisationskritik. Er sieht sich als Vertreter alter Werte, Gott, Familie, Vaterland; die „Führer“-Figur hat halt gewechselt. Dolezal spielt gekonnt den Unsympath. Arthur Werner ist als Staatspolizist Alain Tanneur auf der Suche nach Schuldigen.

In den Mittelpunkt stellt Abdullah François‘ Beziehung zu Frauen. Hanna Binder erscheint als Hop-on-Hop-off-Geliebte Myriam und als Uni-Kollegin Marie-Françoise Tanneur. Eigentlich als Frau an sich. Sie wird nach Israel auswandern; aus ihrer Karriere an den Kochtopf zurückgedrängt werden; zum Schluß verschleiert, eine Gesichts- und Namenlose, dastehen. Wo der Konservativismus aus seinen Gräbern steigt, ist die Gleichberechtigung stets die Verliererin. Ein Chor, Studierende des diverCITYLAB, kommentiert das Geschehen und die Wahlergebnisse. Abdullah projiziert für sein Vor-mir-die-Sintflut-Szenario gefakte Bürgerkriegsszenen und Bilder von stattgefundenen Demonstrationen in Paris und Wien, er lässt mit Live-Kamera arbeiten und einen VW-Fluchtwagen durchs Werk X fahren. Seine Inszenierung ist kein Erklär-, sondern ein Durchrüttelstück.

Schnell kann der westlich aufgeklärte Mann der Polygamie und dem Tschador etwas abgewinnen. Und der Salonantisemitismus ist bald ganz der alte. Wie hellsichtig-houellebecqisch das ist, wie latest news: Gemäßigte Politikerinnen und Politiker werden zunehmend isoliert und gehen in Panik fragwürdige Allianzen ein, während die, die im System nichts zu erwarten haben, unerschrocken auf dessen Zerstörung hinarbeiten. Die „Lügenpresse“ schreibt nichts, was den faschistischen Schreihälsen Argumente liefern könnte, begeht damit aber Informationspflichtverletzung.  Wie dünn der Firnis der Vernunft ist, beweist sich täglich. In „Unterwerfung“ hat Europa keine Wahl zwischen rechtspopulistisch oder islamistisch. Das ist doch zum Lachen. Würden die, die jetzt Hakenkreuzfahnen und das Schwarze Banner schwenken, sich mit „Unterwerfung“ befassen, man könnte ihnen Theodor Däubler zitieren: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17545

werk-x.at

Wien, 19. 2. 2016