Volkstheater: Doris Weiner im Gespräch

Februar 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Patriarchin der „Fleischhauer von Wien“

Rupert Lehofer, Martina Zinner, Doris Weiner und Dominik Warta Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Rupert Lehofer, Martina Zinner, Doris Weiner und Dominik Warta
Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Sie ist seit 1976 Ensemblemitglied am Volkstheater und seit 2005 Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken. Nun steht Publikumsliebling Doris Weiner (mehr: www.volkstheater.at/person/doris-weiner/) wieder auf „ihren“ Brettern. In „Die Fleischhauer von Wien“ spielt sie eine Patriarchin, die um den Erhalt des Familienbetriebs kämpft. Autorin Pia Hierzegger erforschte für ihren Text gemeinsam mit echten Fleischhauern die aktuelle Situation des Handwerks und die Zukunft der Zunft. Veganismus trifft auf Fleisch, alte Werte werden konfrontiert mit neuen Ideen. So entstand eine Geschichte, wie sie täglich in den Bezirken Wiens vorkommen könnte. Lorenz Kabas führt bei dieser Koproduktion mit dem Grazer Theater im Bahnhof Regie. Premiere ist am 26. Februar im Volx/Margareten. Doris Weiner im Gespräch:

MM: Zunächst einmal herzliche Gratulation zu 40 Jahren Volkstheater! Sie begehen heuer ein Jubiläum am Haus.

Doris Weiner: Das stimmt, ich wurde 1976 von Gustav Manker engagiert. Frau Badora ist also meine fünfte Direktorin. Aber eigentlich war meine erste Begegnung mit dem Volkstheater 1965, damals war ich noch Studentin an der Akademie für Musik und darstellende Kunst und war im Ballett einer „Sommernachtstraum“-Inszenierung von Leon Epp.

MM: Seit 2005 sind Sie Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Weiner: Ich habe viel draußen gespielt, habe die Umstände gut gekannt und das Publikum hat mich gut gekannt. Heute kommen manchmal Zuschauer auf mich zu, die sagen: Mein Gott, Frau Weiner, Sie habe ich schon gesehen, da bin ich noch in die Schule gegangen. Danke! Mein Vorgänger, Frank Michael Weber, ist in Pension gegangen und hat mich vorgeschlagen. Ich habe es geschafft, eine Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Das ist in den Bezirken ganz wichtig. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs der vergangenen zehn Jahre war aber auch, dass Michael Schottenberg die Bezirke sehr geliebt hat. Es hat ihm zum Beispiel großen Spaß gemacht immer dann, wenn ich gespielt habe, das Publikum persönlich zu begrüßen. Das war natürlich schon etwas, wenn der Herr Direktor „Guten Abend!“ sagt.

MM: Unter Anna Badora richtet sich das Volkstheater inhaltlich und ästhetisch neu aus. Wie greift das Konzept in den Bezirken?

Weiner: Es ist natürlich für das Publikum eine Umstellung, aber Veränderung ist ja nie etwas schlechtes. Das Publikum in den Bezirken ist sehr theaterinteressiert und man darf ihm nicht unterstellen, dass es nur Schenkelklopfkomödien will. Aber niveauvolle Unterhaltung schätzen die Abonnenten natürlich. Man muss wahrscheinlich die zweite Saison abwarten, um genaueres sagen zu können. Was die Zuschauer immer anerkennen, ist die schauspielerische Leistung. Insofern kommen auch die neuen Schauspieler des Hauses gut an, wiewohl man dem einen oder anderen Publikumsliebling nachtrauert. Es wird interessant, wie „Die Fleischhauer von Wien“ angenommen werden. Das Theater im Bahnhof ist bekannt für seine sehr unterhaltsamen Aufführungen und Regisseur Lorenz Kabas war in vielen Spielstätten und hat sozusagen das Ohr ans Publikum gelegt.

MM: Wird auf Ihre Erfahrung zurückgegriffen?

Weiner: Kommende Saison bin ich in die Spielplangestaltung wieder involviert. Ich würde mich nicht als konservativ bezeichnen. Ich neige nicht dazu zu sagen: Das haben wir immer so gemacht! Ich hatte an diesem Haus schon mehrere Funktionen, habe beispielsweise auch das Volkstheater Studio und die Schauspielschule geleitet, denn nur Schauspielerin zu sein, wäre mir zu wenig gewesen, das heißt: ich habe vieles gesehen und ausprobiert und hoffe, mich auch weiterhin einbringen zu dürfen.

MM: Wie ist es für Sie wieder auf „Ihren“ Brettern zu stehen?

Weiner: Das ist Heimat. Bei der Arbeit an diesem Stück ist interessant, was man über den Berufsstand der Fleischhauer erfährt, denn es basiert auf Interviews mit den unterschiedlichsten Fleischhauern. Zum Beispiel auch dem Innungsmeister der Fleischer. Es gibt einen dicken Ordner mit diesen Interviews und die dienten Pia Hierzegger als Inspiration. Was man da alles erfährt! Ich habe zum Beispiel die Geschichte des Verkaufs von warmem Leberkäse kennen gelernt, die ich im Stück auch erzählen werde. Trotz aller Authentizität ist das Stück  natürlich künstlerisch verfremdet und auch sprachlich überhöht. Es ist also kein Infoabend darüber, wie man am besten Salami macht (sie lacht).

MM: Erzählen Sie ein wenig über das Stück und Ihre Rolle.

Weiner: Es ist eine Hommage an die kleinen Handwerksbetriebe, an das, wonach wir uns zurücksehnen, weil der persönliche Kontakt doch etwas anderes ist, als das Einkaufen in den großen Supermärkten. Die Fleischhauerei ist ein so traditionelles und wesentliches Handwerk, das im Großen und Ganzen vom Aussterben betroffen ist. Ich spiele die Witwe eines Fleischhauers, deren wesentlichstes Anliegen im Leben immer war, dass der Betrieb weitergeht. Da ist natürlich vieles zu kurz gekommen, unter anderem die Beziehung zum Sohn, der nun das Geschäft nicht übernehmen will und das ist für sie schrecklich. Sie holt einen entfernten Verwandten aus der Steiermark – und da kommen ein bissel versponnene, „alternative“ Leute, die den Betrieb von Grund auf umgestalten wollen. Daraus entstehen natürlich Konflikte. Die Beziehung zum Sohn, die fast ein bissel wie in der „Glasmenagerie“ ist, dieses ständige Ihn-schlecht-Machen, fällt mir beim Proben tatsächlich schwer, weil ich als Mutter versucht habe bei meinem Sohn ganz anders zu sein. Ein wesentliches Moment meiner Figur ist ihr Schmerz, dass man sie als Frau den heißgeliebten Beruf nie erlernen ließ. Da sie keine Meisterprüfung hat darf sie den Betrieb nach dem Tod des Mannes auch nicht selbst führen. Da wird das Publikum vieles aus dem eigenen Leben wiedererkennen.

MM: Sie sagten schon unterhaltsame Vorstellungen. Mit dem eigenen Theater im Bahnhof-Humor, wie ich annehme. Worauf kann sich das Publikum einstellen?

Weiner: Auf nichts Befremdliches. Es ist ein bissel trashig, zum Teil surreal, aber in einer guten Dosis. Die Leute können sich auf ein ernstes Thema freuen, das mit Humor aufbereitet wurde. Die Inszenierung ist leichtfüßig. Die Figuren sind prägnant, mit denen man sich je nach Alter und persönliches Geschichte gut identifizieren kann. Sicherlich erzählt „meine“ Witwe etwas, in dem sich ein Gros des weiblichen Publikums wiedererkennen wird. Man kennt solche Probleme. Die „Fleischhauer“ sind ein gutes Thema für die Bezirke, weil viele den ihren kennen oder kannten und traurig waren, als er zusperren musste. Da gibt es also viele Anknüpfungspunkte. Ich wohne im achten Bezirk, da gab es die Firma Bösel in der Maria-Treu-Gasse, die war eine Institution. Der Sohn wurde Paartherapeut. Das passt doch wie gemacht zu unserem Stück! Im Zuge der Proben haben wir einen in der Margaretenstaße kennengelernt, der ausschaut, wie ein Sozialpädagoge – also, das Klischee vom Fleischhauer gibt s gar nicht mehr.

MM: Das Theater im Bahnhof ist, wenn man Mascherln verteilen möchte, in Graz ein Off-Theater. Lorenz Kabas hat sicher eine andere Herangehensweise an die Arbeit, als sie gewohnt sind.

Weiner: Die Zusammenarbeit mit dem Theater im Bahnhof ist spannend, gerade weil es eine andere Sicht auf das Theater ist. Bei den Proben wird man gefordert: Mach‘ einmal!, da hatte ich anfangs Hemmungen, bis das ging. Nun finden die beiden Welten gut zusammen. Der Abend ist ja keine Improvisation, sondern es gibt ein Stück von Pia Hierzegger, und im weiteren Probenverlauf werden auch hier, wie ich es kenne, Situationen erarbeitet, die dann so zur Aufführung kommen. Manchmal denke ich mir, das oder das würde ich gerne schon fixieren, aber Lorenz Kabas inszeniert im großen Bogen, darauf muss man sich einlassen. Ich tue das gerne und finde die Arbeit mit Lorenz großartig. Ich hoffe der Abend wird uns gelingen und wir enttäuschen das Publikum nicht.

MM: Können Sie gar nicht. Sie haben den Dorothea-Neff-Preis als Publikumsliebling, das heißt: Die Leute vertrauen Ihnen. Ihre Programmpräsentationen sind legendär.

Weiner: Das stimmt, das ist eine Verantwortung. (Sie lacht.) Die Bezirke sind eine Familie, da kennt man sich seit Jahren. Wir pflegen das auch sehr, ermöglichen beispielsweise Kartentausch, wenn man zu einem Termin nicht kann. Das ist bei anderen Abosystemen nicht so leicht möglich. Mein ganzes Team hat eine sehr angenehme Art mit dem Publikum – und das bekommen wir von ihm auch zurück. Teilweise hören wir auch private Schicksale, da muss man schon schlucken, trösten und einladen, bei uns ein paar Stunden Ablenkung zu erleben. Die neuen Kolleginnen und Kollegen staunen teilweise, was es bei uns in Wien an Veranstaltungsräumlichkeiten gibt. Das macht mich ein wenig stolz, denn das sind Errungenschaften der sozialdemokratischen Kulturpolitik der 1920er-Jahre, dass man mit dem Theater zu den Leuten geht. Das gibt es in deutschen oder Schweizer Städten so nicht.

MM: Sie haben, wie gesagt, lange die Schauspielschule des Volkstheaters geleitet …

Weiner: Ja, ich habe unter anderem Ursula Strauss, Aglaia Szyszkowitz, Julia Cencig, Christian Dolezal oder Dominik Warta, der jetzt meinen Sohn in den „Fleischhauern“ spielt, unterrichtet. Das ist aber nur eine kleine Auswahl.

MM … nun sind so viele junge Schauspieler ins Haus gekommen. Kann man denen etwas mitgeben?

Weiner: Erst einmal möchte ich sagen, dass sie wirklich alle gut sind. Was sie einfach noch mehr bedenken sollten, ist, was es bedeutet in einem so großen Raum zu sprechen. Was kann man ihnen mitgeben? Habt Spaß an unserem Beruf! Wer am Volkstheater ist, hat ja den Lottozwölfer schon gewonnen.

MM: Nun die unverschämte letzte Frage: Sie könnten sich schon zur Ruhe setzen?

Weiner: Ich habe mich schon zur Ruhe gesetzt. Seit 1. Jänner bin ich offiziell in Pension, aber weiterhin im Engagement. Das ist ein Zustand, den finde ich gut. Für nur Ruhestand bin ich nicht der Typ.

www.volkstheater.at

Wien, 15. 2. 2016