Daniel Anselme: Adieu Paris

Februar 15, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Algerienkrieg zu den November-Anschlägen

9783716027196„Dieses Buch wird niemandem gefallen“, urteilte die Nouvelle Revue Française nach dem Erscheinen des Romans. Da war es 1957 und in Frankreich, nicht anders als in Österreich, eine Zeit des Vergessens. Der damalige Rezensent behielt recht. Sämtliche politische Lager fühlten sich von Daniel Anselmes „Adieu Paris“ angegriffen. Befürworter des Algerienkrieges wollten lieber über fidele, patriotische Soldaten lesen, dessen Gegner ertrugen den Vorwurf nicht, dass ihre hilflosen Unterschriftenaktionen ohne Wirkung geblieben waren.

Die stärkste, die Schlüsselszene im Roman ist ein Abendessen unter Kommunisten, bei dem ein Soldat auf Heimaturlaub die Genossen anklagt: „‚Warum habt ihr die Züge abfahren lassen? Warum habt ihr uns im Stich gelassen, als wir in die Züge stiegen?‘ … Er saß auf dem Klappsofa, sämtlicher Illusionen beraubt, die er in weit entfernter Zeit, wie es ihm jetzt vorkam, mit sich herumgetragen hatte …“

Anselme, der ehemalige Résistance-Kämpfer und nunmehr desillusionierte Linke, hat also eine frühe Abrechnung über Frankreichs Nordafrika-„Problem“, denn die Grande Nation wies das Wort Krieg von sich, aufgestellt. Aus heutiger Sicht beinah ein Buch der Unschuld. Der Autor wusste noch nichts von der sogenannten Schlacht um Algier, nichts von willkürlichen Massenfestnahmen, systematischen Folterungen und illegalen Hinrichtungen, nichts von der – wie Alexis Jenni schreibt – „noch nie gesehenen Missachtung der Menschenrechte“.

Dennoch verweist Anselme auf das Erbe dieser Tage. Er zeigt, wie auch geist- und skrupelloser Kolonialismus zum 13. November 2015 führen musste. Führt vor, dass Gewalt auch immer ein Kind der Unterdrückung ist. Beschreibt die Ohnmacht der vom System verschwendeten Soldaten in Szenarien jenseits ihrer Vorstellungskraft. Ihre Schicksale sind so zeitlos, dass sie aktuell an Heimkehrer aus dem Nahen Osten erinnern. Doch das Nichtausgesprochene, das nicht Niedergeschriebene macht „Adieu Paris“ zum wirklich großen Buch. Es ist kein historischer Roman, es schildert nur eine Woche im Leben dreier Männer. Die französische Originalausgabe scheint verschollen. Der britische Literaturwissenschaftler David Bellos hat Anselmes Schatz für die Nachwelt geborgen. Nun ist eine deutschsprachige Ausgabe im Arche Verlag erschienen – mit einem hervorragenden Nachwort von Übersetzerin Julia Schoch.

Erzählt wird von Lachaume, Lasteyrie und Valette. Der Gymnasiallehrer, der Berufsschlingel und der Elektriker – als Lieutenant, wegen Subversion mittlerweile degradierter Sergent und Caporal ein Trio auf Heimaturlaub in Paris – lesen sich wie vorweggenommene Nouvelle-Vague-Figuren. Noch gilt für sie Agonie statt 1968er-Aktionismus. Der Krieg, der übers Mittelmeer so weit entfernte, kommt nicht vor. Und doch. Das Buch entwickelt sich als Spiegel von dessen Folgen. Man liest das Grauen in den Seelen der Menschen, nicht über das Grauen selbst. Das macht den Schrecken nur noch größer. Anselmes Stadt der Lichter ist eine Stadt im Ausnahmezustand; die Militärpolizei wacht über das öffentliche Benehmen. Die Angst vor terroristischen Anschlägen durch die Front de Libération Nationale ist ebenso groß, wie die vor einem Ausraster eines psychischen Kriegskrüppels. Es ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Und „Adieu Paris“ ein Defilee von Amnesiewilligen. Wie Gesellschaftskarikaturen zeichnet Anselme die Figuren, die seinen Protagonisten während ihres Hauptstadtaufenthalts begegnen.

Da ist der gutbürgerliche Salonrassist, der sich den Soldaten noch im Zug aufdrängt. „Frankreich den Franzosen, die Ausländer sollen bei sich bleiben – ich spreche natürlich nicht von den Touristen“, schwafelt er im gefährlich-konzilianten Mitterechtstonfall. Da ist Lachaumes Freund, ein gut situierter und durch Parteipolitik vor der Einberufung geschützter Arzt, der sich den Krieg mit vernünftigen Argumenten schönredet. Auf fünfhunderttausend Mann kämen doch nicht einmal zweitausend Gefallene, schilt er den Soldaten mittels Statistik: 0,4 Prozenzt – da möge er bitte kein Tamtam machen. Da sind als die erwähnten traurig erschöpften Kommunisten Valettes Verwandte. Da sind die pieds-noirs, die Algerienfranzosen, die sich ins Vaterland gerettet haben und nun über ihren Kontrollverlust weinen. Da sind zwei Frauen, Lachaumes, die sich in Ekel und Unverständnis abwendet, und Lena, die aus Deutschland kommende Alkoholikerin und Gelegenheitsprostituierte. Sie der schillerndste, weil undurchsichtigste Charakter des Romans. Man kann nur erahnen, was sie im zerbombten Dritten Reich erlitten hat. Anselmes „Adieu Paris“, es ist auch eine politische Streitschrift.

Über weite Strecken folgt man dem Offizier Lachaume, dem Lehrer, der darunter leidet, wie „Wissen“ an Wert verliert und immer weniger wird. Unnatürlich und unwirklich erscheint ihm Paris nach dem in Algerien Gesehenen, die Illusion eines Frühlings im Winter, die Fröhlichkeit wie von einem anderen Planeten. Er hat sich in Angst und Hass und Scham beerdigt, hat geistig den Finger immer am Abzug. „Alles, was er sah und hörte, brachte ihn auf, einfach, weil er es sah und hörte“, heißt es über seine Empörung angesichts der Tatsache, dass sich niemand für „seinen“ Krieg interessiert, über sein Erstaunen, dass für manche das Leben einfach weitergegangen ist. Den allgemeinen Belanglosigkeiten zuhören kann er nur mit einem Gesichtsausdruck, der wie „ausgeborgt ist und wie eine Narbe spannt“, will er selbst etwas sagen, weiß er nicht, „wie soll ich ihr verständlich machen, was da unten mit uns passiert ist“.

Wie Gegenmodelle sind der junge, vor weltverbesserlichen Überzeugungen strahlende Valette und der das Leben bis zur Neige auskostende Lasteyrie. Und dennoch. Ersterer wird – mit dem Autor – die erhofften Heilsbringer, die linksphilosophischen Moralisten, des Nichtstun anklagen, zweiterer seinen Desertionsplan aus Furcht vor der Flucht unter Weiberröcken aufgeben. Das Kriegsgespenst geht um und es scheint ihnen mehr und mehr so, als seien sie tot, „und zwar seit Langem schon, getötet durch einen Kopfschuss in irgendeinem entlegenen Wadi, und dass die anderen es jeden Moment bemerken und schreiend den Tisch verlassen würden“.

Anselme, der 160-Kilo-Kauz, der seine Nächte in Cafés und Bars am Rive Gauche verbrachte, der selbst Freunde zum Militärzug auf den Gare de Lyon begleitete – er war wegen seiner Résistance-Aktivitäten vom Dienst an der Waffe befreit -, ist Soldaten wie seinen Hauptdarstellern begegnet. Er kannte wohl ihre Gespräche, ihre verzweifelten Witzchen und ihre Art mit einer so rast- wie ratlosen Suche nach Amüsement die Zeit totzuschlagen. Denn nichts anderes tun seine drei; eine „Handlung“ im weiteren Sinne hat „Adieu Paris“ nicht. Es ist ein Streifzug durch die Dunkelheit, in jeder Bedeutung des Wortes. Was Anselme schreibt hat Sprengkraft. Auch heute. Frankreich marschierte vom Ersten stramm in den Zweiten Weltkrieg, von Indochina nach Algerien, von 1914 bis 1962. Anselme zeigt eine verlorene Jugend, eine vergeudete Generation. Als Niemals-Verlierer-Nation tut sich Frankreich schwer mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. 2012 noch sagte Nicolas Sarkozy wahlkämpferisch: „Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben.“ Öffentlicher Protest – blieb aus.

Der einzige Protest, zu dem sich Anselmes Anti-Helden aufraffen können, ist auf der Île Saint-Louis einen leeren Sockel zu erklimmen, um dort als „Kriegerdenkmal“ zu posieren. Lachaume stehend, Valette wie ein Verwundeter auf den Knien, Lasteyrie liegend wie ein Gefallener. Ob das ihr Schicksal vorwegnimmt? Sie steigen in den Zug, der Urlaub ist vorbei, „Heimwärts! Heimwärts!“ rufen sie kämpferisch als es wieder nach Algerien geht. Den Sockel gibt es tatsächlich. Auf ihm steht erst seit Kurzem, als ob Anselme es geahnt hätte, wieder ein Denkmal. Eine Replik der von der deutschen Wehrmacht 1942 eingeschmolzenen Plastik von Antoine-Louis Barye: Peirithoos im Kampf gegen den Zentauren.

Über den Autor:
Daniel Anselme, 1927 als Daniel Rabinovitch geboren, gab sich während seiner Zeit in der französischen Résistance den Decknamen Anselme. Als Journalist unternahm er viele Reisen, und man kannte ihn als Stammgast und Geschichtenerzähler in den Pariser Cafés am berühmten linken Ufer der Seine. Er wandte sich offen gegen den Krieg in Algerien, Anlass für seinen ersten Roman „Adieu
Paris“ (Originaltitel: „La Permission“), der 1957, also noch während des Algerienkrieges, erschien. Daniel Anselme starb 1989 in Paris.

Arche Verlag, Daniel Anselme: „Adieu Paris“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Französischen von Julia Schoch.

www.arche-verlag.com

Wien, 15. 2. 2016