Oliver Stone / Peter Kuznick: Amerikas ungeschriebene Geschichte. Die Schattenseiten der Weltmacht

Februar 4, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Leichen pflastern ihren Weg

9783549074701_coverHollywood-Regielegende Oliver Stone rechnet in seinem neuen Buch gemeinsam mit seinem Co-Autor, dem Historiker Peter Kuznick, mit der Außenpolitik der Vereinigten Staaten schonungslos ab. Nichts ist auf den 368 Seiten vom Hurra-Patriotismus, nichts von der in den US-Geschichtsbüchern kolportierten heroischen Geschichte zum Aufstieg zur Supermacht und nichts von den ehrenwerten Motiven des „Supersheriffs“, der der Welt Gesetz und Ordnung geben möchte, zu lesen. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Schattenseiten dieses Aufstiegs:

Blutige Eroberungskriege, die Kolonisierung Lateinamerikas durch Großkonzerne, der Aufstieg von Großbanken als Kriegsgewinnler, Rassismus und Antisemitismus, der Abwurf von Atombomben ohne militärischen Nutzen, die brutale Kriegführung in Vietnam, Afghanistan und im Irak, die Inszenierung von Militärputschen in Lateinamerika und Afrika, Mord, Folter, Menschenrechtsverletzungen. Das Buch ist ein umfassendes Sündenregister, ein Schwarzbuch Amerika, eine Chronik der Unterdrückung, Ausbeutung und Versklavung.

Es beginnt im Jahr 1900 – 100 Jahre vor der denkwürdigen Präsidentschaftswahl zwischen George Bush und Al Gore und ihrem fragwürdigen Ausgang –, als auch damals das amerikanische Volk vor die schwierige Entscheidung gestellt wurde, zwischen zwei grundverschiedenen Zukunftsvisionen zu wählen. Für den damaligen Amtsinhaber William McKinley war klar, dass die Zukunft Amerikas im Freihandel und im Aufbau eines weltumspannenden Imperiums lag. Und so sah es auch die Mehrheit der Wählerschaft. Der Nährboden für weitere Expansionen, politisch wie ökonomisch, war gesät. Dass man dabei auch über Leichen ging, wurde zur Nebensache. Stone und Kuznick spannen in ihrem Buch den Bogen vom Big Business und wie man auch mit den Nationalsozialisten Geschäfte machen konnte, über die Atombombe, die 1945 gegen jede Vernunft in Hiroshima und Nagasaki am „lebenden Objekt“ getestet werden konnte (und so nebenbei auch das atomare Wettrüsten und den kalten Krieg einleitete), bis nach Vietnam, wo die USA ein Exempel statuieren und die Kommunisten ein für alle Mal in die Schranken weisen wollte, bis hin in die 1990er Jahre, wo viele Chancen auf einen Neuanfang in den internationalen Beziehungen vertan wurden.

„Amerikas ungeschriebene Geschichte“ es ist aber nicht nur eine Abrechnung mit den Untiefen des 20. Jahrhunderts, sondern macht auch vor dem Heute nicht halt, als nach 9/11 der Kampf gegen den Terrorismus mit allen denkbaren und undenkbaren Mitteln eröffnet wurde. Dass dabei Rechtsstaatlichkeit, heiß erkämpfte Bürger- und Menschenrechte auf der Strecke blieben (und noch immer bleiben) spielte keine Rolle. Und so dürfen, speziell zu George W. Bush und Barack Obama, spitze Kommentare natürlich nicht fehlen.

Oliver Stones Erzählton ist dramatisch, oft emotional. Umso wichtiger war es, mit Peter Kuznick einen anerkannten Historiker quasi als Regulativ zur Seite zu haben, der das Buch mit vielen klärenden, kaum in der breiten Öffentlichkeit bekannten Fakten, versah. Was am Ende des Buches bleibt, ist die weit auseinander klaffende Schere zwischen dem moralischen Anspruch der USA als Vorkämpfer von Freiheit und Demokratie und den historisch verbürgten Katastrophen, die als Kollateralschäden des weltweiten Machtwillens in Kauf genommen wurden. Der kritische Leser wird dabei auf so manche Fakten und Facetten stoßen, die weder an die Öffentlichkeit geraten sind, geschweige denn in den Machtzirkeln gerne gehört werden beziehungsweise am liebsten totgeschwiegen werden möchten. Vielleicht wäre dann manches anders gelaufen. Und so fragt Oliver Stone am Schluss: „Die Geschichte hat gezeigt, dass sie auch einen anderen Weg hätte einschlagen können. Historische Augenblicke wie die genannten werden in anderer Form wiederkehren. Werden wir bereit sein?“

Über die Autoren:
Oliver Stone, geboren 1946, zählt zu den renommiertesten Filmregisseuren und Drehbuchautoren der USA. Er erhielt drei Oscars (für „Midnight Express“, „Platoon“ und „Geboren am 4. Juli“. Seine Filme widmen sich überwiegend der amerikanischen Zeitgeschichte, u.a. dem Vietnamkrieg und den Präsidentschaften Kennedys und Nixons. Sie entfachten heftige politische Kontroversen. Zur Zeit arbeitet Stone an einem Film über Edward Snowden. Peter J. Kuznick ist Professor für Neuere Geschichte an der American University, Washington DC, und Experte für amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Propyläen, Oliver Stone/Peter Kuznick: „Amerikas ungeschriebene Geschichte – Die Schattenseiten der Weltmacht“, Sachbuch, 368 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Thomas Pfeiffer und Enrico Heinemann.

www.ullsteinbuchverlage.de

Wien, 4. 2. 2016