Kasino des Burgtheaters: Party Time

Februar 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Mitglieder im exklusivsten Mörderclub der Welt

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Es ist eigentlich ganz einfach. Der Technobeat muss nur mehr Dezibel haben als das Geschützfeuer. Klingt ja beides irgendwie gleich. Die Gespräche müssen immer schön an der Oberfläche bleiben, besser Mist aus dem Mund, als den tiefer liegenden Dreck aufwühlen. Und die Performance. Ganz wichtig. Stil, Eleganz, Grazie, Geschmack – wie Liz sagt. Da sind aber schon alle dabei sich auszuziehen und auszukotzen und auszugreifen. Endlich Stimmung! Endzeitstimmung.

Regisseur Miloš Lolić hat im Kasino des Burgtheaters Harold Pinters „Party Time“ inszeniert. Lolić ist gebürtiger Belgrader. Als die Jugoslawienkriege begannen und Pinters grausliche Groteske im Londoner Almeida Theatre uraufgeführt wurde, war er nicht einmal noch richtig Teenager. Den Herzschlag seiner Stadt, die dröhnenden Bässe der Nato-Bombeneinschläge, hat er aber nicht vergessen. Und nun in seine Arbeit eingearbeitet. Könnte man sagen.

Weil man manches sagen könnte. Mr. Literaturnobelpreisträger, der alte Enigmatiker, lässt sich nicht in die Karten schauen. Sein Stück ist ein Interpretations-Spielraum. Den das Ensemble großartig nutzt, im Sinne von: Expect the Unexpected! Lolićs Debüt am Haus ist voll aufgegangen, er macht Poesie mit Bums, er setzt auf Effekt und legt genau durch dieses vordergründige Verdecken die Schärfe seiner Pinter-Deutung frei. Er führt die Schauspieler so nah an die Unsinnigkeit, dass die Beklemmung, das Unbehagen, der Wahnwitz ihrer Figuren immer glaubhaft bleiben.

Zu acht, Philipp Hauß, Michael Masula, Mavie Hörbiger, Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak, Alexandra Henkel, Daniel Jesch und Marcus Kiepe, zeigen sie eine High Society bei einer Rooftop Party. Dieses Dach der Schönen und Reichen, es ist nur eine kleine Hebebühne. Man muss strampeln und drängen, um seinen Platz darauf zu verteidigen. Ja, es gehört etwas dazu, sich oben zu halten, vor allem, die anderen nach unten zu treten. Ist doch klar. Wo Wohlstand, da auch irgendwo Armut. Wo Demokratie, da auch irgendwo Diktatur. Und gegen den Hunger in der Welt helfen am besten Charityessen. Das nennt sich Balance halten. Oder Geschäfte machen. Der Rücken derer, auf die man dabei steigt, muss nur gebeugt genug sein. Bevor die Show beginnt, muss diese Welt also erst zurechtgerückt werden, die Schauspieler bringen ihre Bühne in Position. Und los.

Smart herumstehen, Cocktails trinken, die Upper Class mit gut gefülltem Glas, Sex- und Politikgespräche, beides belangloser dirty talk, latente Homoerotik und SM-Fantasien, Geschwister- und ödipale Liebe. Sie sind eindeutig neues und altes Geld. Ein wenig wie Buñuels Bourgeoisie. Die Elite Europas. Geld macht Politik. Sie könnten in New York, Moskau oder Pjöngjang genauso leben. Sie sind die Monopolyspieler der internationalen Finanzmärkte, die Instagram-It-Girls, die durch Geburt Bevorzugten. Ein exklusiver Club, und um die heißbegehrte Mitgliedschaft in einem solchen – Sie wissen: Tennis, Golf, Swimmingpool, Bar – drehen sich auch die intensivsten Diskussionen. Doch auf den Straßen ist irgendetwas los. Hubschrauber fliegen, Hunde bellen. Und Pinter lässt offen, ob die Mörder drinnen oder draußen sind. Ist Revolution oder Putschversuch oder wird die Opposition ausradiert? „Eine Razzia“, erklärt „Gavin“ Michael Masula ganz Grand­sei­g­neur. Brüssel Molenbeek? „Einen gusseisernen Frieden. Keine undichten Stellen“, verlangt Jeschs Fred. Der Mann ist Gefahr, spürt man. Und dann die Frage: „Was ist eigentlich mit Jimmy passiert?“ Der kommt, wie ein Gespenst aus einem Foltergefängnis, und schießt auf das Establishment und wird von ihm erdrosselt und am Ende …

Lolić lässt Pinters 26-Seiten-Drama drei Mal spielen. Mit jeweils anderem Ausgang. Er dekonstruiert Situation und Text, präsentiert schließlich nur noch deren Eingeweide. Die dafür auf dem Silbertablett. Runde zwei ist bereits hektischer und heftiger. Die Klasse, die einander und nur einander beispringt, verliert ebendiese. „Ich bin’s doch nicht allein, die sich für unglaublich wichtig hält?“, ist Dvoraks Liz bange Frage. Die Verbalgewalt und die Mordgedanken nehmen zu, der gepflegte Ennui wird hysterische Heiterkeit. Psychosen entkleiden sich wie die Darsteller. Der Firnis der Zivilisation ist sowieso nur ein dünnes Designerfähnchen, also fliegt der Leoprint neben das Plastikrosé, und gezogene Gürtel kann man nun zur Selbstgeiselung nutzen. Der Podestplatz wird kleiner, die Promillezahl steigt. Es wird Trauer getragen, um einen geliebten alten Club, der aber geschlossen wurde. Nun will man rigoroser und fundamentaler sein. Augen zu, Gewehre über. Das Publikum wird angeklagt, warum es nicht mitmacht. Das ist so zynisch, so zum Lachen, eben Pinter aufs beste gespielt. Die Gesellschaft hat sich geschlossen. Aber Jimmy ist diesmal schon da, Christoph Radakovits, krank und verschmiert, und es wird ihm an den Kragen gehen. „Das Herumgewurschtel muss aufhören“, wird verlangt.

Und Runde drei. Sprache nur noch rudimentär. Der Text ist knapp, das Textil auch. Wort- folgen auf Patronenhülsen. Mittels Poledance geht’s in den Bunker unter der Hebebühne. Auf Eskalation und Orgie folgt Agonie. Die Menschen werden ein in sich verschlungenes Vampirnest, die Darsteller entäußern sich ein letztes Mal in einer ausgeklügelten Choreografie. Alles geht nun kurz und rasch, der kleine und der endgültige Tod. Er ereilt diesmal … Mavie Hörbiger gelingt es in dieser amorphen Masse von Leibern am eindringlichsten ihrer Figur von Wiederholung zu Wiederholung mehr Kontur, eine immer andere Nuance, zu geben. Sie ist Jimmys Schwester. Die einzige unbeirrt Suchende. Goldregen geht nieder. Die Kratzwürmer kriecht davon. Als könnte man sie so leicht loswerden. „Alles, was wir verlangen, ist, dass die öffentlichen Dienste dieses Landes ihren sicheren und geregelten Gang gehen, und dass der brave Bürger seiner Arbeit und seiner Freizeit ungestört nachgehen darf“, sagt Gavin. Er klingt wie ein Echo. Ein nicht und nicht ersterbendes Echo. Lolić macht klar, wo diese „Party Time“ stattfindet. Eine sehenswerte Produktion, so zwischen Akademiker- und Opernball.

www.burgtheater.at

Wie, 4. 2. 2016