Michael Mittermeier: Wild

Februar 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ali und Adi im Schlauchboot

Michael Mittermeier Bild: Manfred Baumann

Michael Mittermeier
Bild: Manfred Baumann

Michael Mittermeier ist immer ein bissel wie z’Hauskommen. Wie er über die Absurditäten des Alltags erzählt, über Auto-Aggression und iPhone-Selbstversagen, so kennt man das. Über die großen Partybesäufnisse von vor x Jahren, ist das echt so lang her? Neuerdings auch übern Laternderlumzug, seine Tochter ist acht, und gibt’s den Kater Neo noch? Das ist tief ins Leben gegriffen. Ja, der Michl ist immer noch der Rockstar unter den Kabarettisten, die coole Sau, und die lässt er auch diesmal wieder ordentlich raus. Aber weißt, man freut sich jetzt schon, wenn die ersten Storys vom töchterlichen Fremdschämen kommen werden. Der Hero der Headbanger ist ja mittlerweile auch … also quasi der selbe Jahrgang, und es gibt erste Altersbeschwerden, sagt er, aus dem halb so alten Publikum.

Der King of Stand-up-Comedy ist in Wien angekommen, im Globe in St. Marx, übrigens benannt nach dem heiligen Markus, nicht nach dem Gesellschaftstheoretiker, aber einen Karl kann man sich trotzdem machen. Weil der Mittermeier zeigt, dass Wuchteldrucken auch „am Arsch der Welt“ gut geht. „Wild“ heißt sein neues Programm. Und er dekliniert durch, wo man’s wird und wo man’s besser werden sollte. Und wem endlich es wüüde owegraamt g’hert (für Nichtwiener-Leser: jemandem das Wilde runterräumen = jemandem gehörig die Meinung sagen, vornehm ausgedrückt). Mittermeier interessiert sich sehr für heimische Dialekte, weil das Gefälle zwischen Ösi und Dösi zu beschreiben, ist immer ein sicherer Lacher. Nur bei der true story über einen kleinen Keifer im Biergarten, als ihm auf der Suche nach dem Austriazismus für Fußhupe ein sehr schiaches Wort aus dem Publikum zugerufen wird, nein, es war nicht Flohdackn, aber auch mit F, da war Bayerns Antwort auf Lenny Bruce kurz schmähstad.

„Das ist in Österreich immer so – spätestens ab Minute 30 ist es versaut“, sagt er.  Und die Halle liebt ihn. Und er spielt mit ihr seine Spielchen. Mittermeier improvisiert und grimassiert und geräuschkulissiert. Er spinnt mit seinen G’schichtln tausend Fäden und greift alle irgendwann wieder auf, natürlich alles andere als p.c. Er schenkt sich her und schenkt sich nix, reagiert auf Zuschauerreaktionen prompt und auch brutal, und lässt sich fragen, wie’s mit den grauen Haaren in der Intimzone steht. Das ist also die Antwort, wenn man faktisch Volksheld ist, und diese Frage wird auch beantwortet. Ebenso, wie die nach der Fußball-EM. Soll der Dorfener, der damische, nur nicht glauben, wir hätten keinen Nationalstolz. Wenn wir einmal dabei sind. „Córdoba!“, schreien ein paar und er fällt auf die Knie und verdreht die Augen. Das ist ein running gag zwischen dem Michl und seiner Fanmannschaft. Tribüne rechts muss sich auslachen lassen, weil sie noch keinen Star-Wars-Film gesehen hat.  Auch das gibt’s im Universum Mittermeier nicht.

So geht’s Ping Pong. Von Oberwildling Darth Vader, und wie er auf Ki.Ka „Das Letzte“ ist, bis zu den Wikingern, deren wildes Image von einer Handvoll „starker Männer“ auf ewig versenkt wurde. Die attitude ist überhaupt sehr wichtig in diesem Programm. Dass Fu Longs Pandaweibchen und Angela Merkel in Horst Seehofers Hobbykeller und zwei Zuschauerinnen, die zu spät kommen, die gleiche Körperhaltung haben, ist da vorprogrammiert. Der clash of cultures wird bis zur Neige ausgekostet, großartig in der Szene, in der Krüns Bürgermeister beim G7-Gipfel-Obama-Empfang kurz davor steht, von dessen Scharfschützen erschossen zu werden, weil die kein Wort Bayerisch verstehen. „What did he say? Suck my white sausage?“

Das ist alles sehr lustig. Doch es gibt auch ein Mittermeierisch für Nachrichten, die ihn wild machen. Und ja, so hat man ihn noch nie bis selten erlebt. So ernst. Wenn er über den Shitstorm und die Hasspostings erzählt, weil er für Flüchtlinge gesprochen hat. Wenn er eine Obergrenze für Vollidioten fordert. „Wenn Pegida sagt, durch Ausländer steigt die Dummheit in Deutschland, dann ist es so, als wenn die Wildecker Herzbuben sagen, sie würden durch Usain Bolt langsamer“, sagt er. Mittermeier gibt eine Zustandbeschreibung der Gesellschaft ab, einer gespiegelten Welt, einst umweltfreundlicher VW, bald nicht mehr Welcome-, aber schon wieder Waffenkultur, in der sich Werte und Würde gedreht haben. Mittermeier war noch nie so sehr Hofnarr der Nation. Ein normbefreiter Entertainer, der Odins Klonkriegern das Arschlecken schafft. Weil, wenn’s um Hetze geht, ist’s bei ihm aus mit der Hetz‘. „Volksverräter-Drecksau“ hat ihn dafür einer im Internet geschimpft.

Wobei, er geiselt sich schon auch selber. Selbstkritisch. Er hat nämlich am Bahnhof von eh-schon-wissen einem Wotan gesagt, die meisten Syrer zum Abfotzen gäb’s in Syrien. Und der ist losgefahren. Ob’s dem gut geht? Also, nicht geistig, eh klar, sondern körperlich. Oder wird der Nazi im Dschihad zum Dschihazi? Sie stecken ja sozusagen ineinander fest, die NazIS. Stell‘ dir vor, die IS übernimmt, philosophiert er, was machst dann als Comedian? Noch dazu als bayerischer? Sagst einmal „Grüß Gott“ – und schon bist tot. Und dann malt Mittermeier noch ein Bild. Ein Flüchtlingsschiff im Mittelmeer. Ein Schlauchboot. Und darin ein Ali und ein Adi. Auf der Suche nach einem sicheren Land. Wie sich die Bilder gleichen. Apropos: Der Michl macht am Ende eines, ein Selfie mit Wiener Publikum. Warum steht das noch nicht auf seiner Facebook-Seite?

INFO:

Michael Mittermeier ist am 5. Februar Mitglied des Rateteams bei Oliver Baiers „Was gibt es Neues?“ (ORFeins, 20.55 Uhr). Die derzeitige „Wild“-Spielserie in Österreich ist ausverkauft, doch es gibt NEU: HERST-TERMINE: 11. und 12. Oktober, Wien Stadthalle F; 13. Oktober, Graz Stadthalle; 14. November, Salzburg Arena; 21. November, Linz Tips Arena. Karten: oeticket.com

www.mittermeier.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ZXKaJeTDn4I

Wien, 2. 2. 2016