Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte

Januar 26, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Humor ist, trotzdem der Dichter lacht

Lotti und Friedrich Dürrenmatt im Garten beim Poolreinigen Bild: © Thimfilm

Lotti und Friedrich Dürrenmatt im Garten beim Poolreinigen
Bild: © Thimfilm

Vera Borek, die Grande Dame des Wiener Theaters, erzählte einem als erste, dass Friedrich Dürrenmatt eigentlich ganz anders war. Mit Helmut Qualtinger war sie beim berühmten Autor zu Besuch, und erinnerte sich nicht nur an ein beeindruckendes Wandbild und davor geistreiche Gespräche, sondern auch an einen fabelhaften Gastgeber. Einen Mann mit viel Humor, gesegnet mit einer ansehnlichen Hausbar, der gerne und dann vor allem laut lachte.

Es sind diese Momente, das Aufblitzen von Intimität, von Authentizität, auf die man in Sabine Gisigers Film „Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte“ wartet. Auf einen Schlüssellochblick auf das Schweizer Schreibgenie. Der Film ist ab 5. Februar in den heimischen Kinos zu sehen.

„Als Kind“, erinnert sich die Regisseurin, „fand ich Dürrenmatt ziemlich gruselig. Ein dicker, mächtiger Mann mit wirrem Haar und ziemlich gefräßig. Wenn ,Fridu‘ bei uns zum Nachtessen erschien, musste meine Mutter Berge von Fleisch braten. Die verschlang er zu meinem Ärger und dem meines Bruders in großen Teilen ganz allein.“ Als Dank gab’s eine Widmung in einer Erstausgabe – „für den Salat“. „Ein Witz“, meinte die Mutter. Den Geist dieser Abende versucht Gisiger in ihrem Film einzufangen. Den Privatmann Dürrenmatt. Im Zentrum der Doku steht die große Liebe zu seiner ersten Frau Lotti; die Kinder Peter und Ruth und seine Schwester Vroni kommen zu Wort. Entstanden ist so eine Collage, eine Annäherung. Denn Dürrenmatt verschließt sich und erschließt sich nicht, das ist sein gutes Recht, selbst seine nächsten Verwandten, fühlt man, scheinen ihn eigentlich nicht gekannt zu haben. „Er hat ja sowieso fast immer nur gelesen“, sagt die Schwester. „Die Stimmung in der Familie war abhängig vom Arbeitszyklus des Vaters“, sagt der Sohn.

Dürrenmatt, der Krimiaffine, war ein Meister der Verstellung. Wie er seine Stücke schrieb, so inszenierte er sein Leben. Zumindest für die Kamera. Und so wirkt alles, was sich in öffentlichen und privaten Archiven finden lässt, wie großes Theater. Eine Selbstpersiflage, offenbar sein bevorzugtes Stilmittel zum Selbstschutz. Dürrenmatt kannte seine Dämonen. Gisiger zeigt ihn beim Schnäbeln mit seinem Kakadu, beim Poolreinigen, als schwer schnaufenden „Sportler“ auf dem Hometrainer. Doch da stimmt was nicht. Da spielt eine Beklemmung mit, dieselben tragisch-grotesken Elemente, als ob man sie vom Lesen kennen würde. Vera Borek saß vor Varlins Kolossalgemälde „Die Heilsarmee“ und irrte. Der virtuose Spaßmacher hält seine Schattenseite bloß gut verborgen.

Dieses Gefühl, Gisiger spürt ihm nicht genug nach. Vielleicht ist sie an der Geschichte zu nah dran. Die blinden Flecken in ihrem Porträt sprechen Bände. Der Film zeichnet den Lebensweg Dürrenmatts aus dem Emmental auf die Theaterbühnen dieser Welt nach. Er befasst sich mit dem Werk und dessen Werden. Und dann natürlich Lotti. An ihrem Tod wäre er beinahe zerbrochen. 40 Jahre waren die beiden ein Paar, mit ihr dachte er laut, diskutierte jeden niedergeschriebenen Satz, nahm sie als Prüforgan mit auf Proben. Als sie 1983 ging, schwieg er lange. Auch literarisch. Das kommt im Film nicht vor. Überwältigende Gefühle zu äußern war nichts für den Verfasser gewaltiger Wortketten. Man muss es in den Zwischentönen hören, wenn die Tochter sagt, eine traurige Stimmung der Mutter hätte sich auf den Vater übertragen. Und die Mutter sei oft traurig gestimmt gewesen. Es sind diese Nuancen, die Gisigers Doku doch sehenswert machen.

80 Stunden Bild- und Tonmaterial, mittels dessen Dürrenmatt über sich und die Welt sinniert, hat die Regisseurin durchgeackert. Herausgekommen ist keine Homestory. Natürlich. Sondern? Höchstens ein nächster Schritt Richtung Planet Dürrenmatt. Man könne der Wirklichkeit nur mit einer Komödie beikommen, hat er einmal gesagt. Darauf lässt sich nur erwidern: Gut gespielt, ,Fridu‘.

www.duerrenmatt-derfilm.ch

Wien, 26. 1. 2016