Theater in der Josefstadt: Totes Gebirge

Januar 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schönste Nation ist die Halluzination

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger Bild: Astrid Knie

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Dem Lachen geht’s so, wie es der Arzt diagnostiziert hat. Es wagt sich vor, erschrickt sich, taucht im Hals unter, und muss dann doch ausbrechen. Der Mechanismus der Ansteckung. Das Publikum im Theater in der Josefstadt war diesbezüglich hochin­fek­ti­ös. „Totes Gebirge“ heißt die Tragikomödie des oberösterreichischen Dramatikers Thomas Arzt, die am Haus uraufgeführt wurde. Eine poetische, prägnante Analyse der gesellschaftlichen Gemütslage. Ein Spiel um Illusionen und Irrationalität, ein Ausloten jenes Quantums Wahrheit, das dem Menschen zumutbar ist. Von Regisseurin Stephanie Mohr mit viel Sinn für Hintersinn in Szene gesetzt.

„Totes Gebirge“ ist ein Psychiatriestück, die Anstalt jedoch kein Kuckucksnest, sondern ein Schneckenhaus. Die Ausgestoßenen des genormten Gemein-Wesens haben sich, so krank wie die Welt selbst, in die geschlossene Abteilung geflüchtet. Nicht gerettet. Dazu fehlt ihnen der Mut zur Anarchie, die Kraft diesen einen entscheidenden Schritt zu tun. Der Schmied vom Glück zu sein, ist eine Utopie. Und so eben-bilden sie ab, was sie eigentlich fürchten. Drinnen ist draußen. Und normal eine Abart von verfassungsmäßig. Arzt setzt Sprachverlust mit dem der Identität gleich. Der letzte Satz, er ist hier schon gesprochen. Was bleibt, sind die halben, die unfertigen für diese Bruchstückexistenzen. Schweigen, stammeln, schreien als Symptome der Haben-Welt; Singen fürs Haben-Wollen. Arzt setzt dieser Emotionalität die Rationalität ins Genick. Doch die – wie von Serge Lama besungenen – reellen Leute bewegen sich nicht weniger albtraumwandlerisch durch ihre Leben, wie die als solche befundeten „Ungesunden“.

Arzt hat die Namen seiner Figuren aus einsamen Berggipfeln und irritierten Volkstheatercharakteren montiert. Raimund Woising, Emanuel Loser – er passt auch englisch gelesen, Nepomuk Elm. In Stefanie Mohrs Fast-schon-Schluss-Bild werden sie neben Bildern ihrer Geistesverwandtschaft stehen. Dem depressiven Dichter auf der Hundsbissflucht, dem Selbstdarsteller in Papageno-Pose, dem Berufszyniker in einer seiner Paraderollen. Die schönste Nation ist die Resignation, hat er einmal geschrieben. Arzt ersetzt sie durch die Halluzination. Der Komet ist natürlich angekündigt. Von Franui kommen dazu Sphärenklangvolkslieder. Arienausbrüche aus dem Resignativrezitativ. Allein Susa Meyer im Modern-Gstanzl-Modus zu erleben, ist den Abend wert.

Raimund Woising hat sich also selbst eingewiesen. Der verzweifelte Pädagoge und verhinderte Romanautor hat vor März seine Biedermeiermöbel zertrümmert und fröstelt nun um seinen Verstand. Die Rauhnächte sind, die Zeit vor Silvester, dieser Nullpunktnacht, in der nie Neues entsteht, und wer das Erbstück Österreich mit allen seinen Pragmatismen samt der Pragmatisierung vernichtet, in dessen Oberlehrerstübchen muss … Ulrich Reinthaller spielt das in zeppelnder Stasis und mit urheimatlichem Querulantentum. Er ist wie die Erfindung der Anti-Romantik, oder Auswuchs deren düsterster Seite, jedenfalls ein astreiner Menschenfeind. Er hat das Vertrauen in die kollektive Verlassenschaft verloren und ist also als solcher von ihr verlassen. Gott und die Welt. Und Reinthaller als personifizierter Weltekel. Kein weites Land in dieser Zeit, nur tiefe, schwarze Seelenschluchten.

Dass diese Pose auch Posse ist, weiß Mohr gekonnt umzusetzen. Sie lässt ihre Darsteller zwischen den Suizidzeilen in einen Theatertonfall fallen, als ob man einem Sommerstegreif aufsitzt. Und Roman Schmelzer mittendrin als Komödiengalan. Welch eine Vorstellung! Das Dach leckt, Schnee fällt rein, auf der Rückseite der gagerlgelben Sicherheitswandverkleidung, samt k.k.-Kronleuter eine Idee von Miriam Busch, ein Blick auf die Hinterbühne. Die Meyer sitzt dort als Inspizientin. Die ganze Welt ein Guckkasten, der sich um die eigene Achse dreht, und die Kasperln glurren raus. Tatsächlich plant Peter Scholz als Pfleger Anton Priel als Höhepunkt der Partynacht eine Vorführung mit Figuren. Wenn denn die Menschen ihr Maskenspiel beenden. Doch vorerst macht Mohr daraus einen Perchtenlauf. Sie gesellt den armen Irren zum reinen Tor und zum weisen Narren. Roman Schmelzer als Emanuel und Stefan Gorski als Nepomuk zeigen wie’s geht, wenn das Hirn rissig ist. Sie sind wie die zwei Seiten des Maria-Theresien-Talers, so mittel europäisch, die Selbsttäuschung und die Enttäuschung, die Verweigerung und die Verneinung, der alpenländische Alkoholismus und die Arbeitslosigkeit. Vor allem Gorski legt als todgeweihter Drogensüchtiger ein eindrückliches Zeugnis seines Könnens vor.

Absolutistisch-mütterliche Herrscherin über diese Abhängigkeits- und Ohnmachtsverhältnisse ist Susa Meyers Theresia Mölbing. Für sie ist Stagnation schon Fortschritt, weil Garant für Ruhe im Hause Österreich. Die Ärztin will das Individuum, nicht die Gesellschaft behandeln, der Arzt aber genau das Gegenteil. Zwischen Gefühls- und Vernunfts- muss dem -menschen doch noch ein drittes gegeben sein, sagt er, Psyche bedeutete ursprünglich ja an sich Person. In seinen oberösterreichischen Kunstdialektliedern lässt er die Fassade der einen bröckeln, „Da Mensch is ka Puppn“ heißt es da für alle gleichbedeutend, und enttarnt die Phantasmen der anderen. Peter Scholz gibt den Pfleger als guten Samariter im Handwerkerornat, er ist einer, der auch gern mit den Schneeflocken diskutiert, er wiegt den schwerstversehrten Nepomuk in den Schlaf. Maria Köstlinger spielt Raimunds Schwester Josefine Schönberg wie ein patziges Teenager-Girlie. Die Autoverkäuferin ist der Typ „psychisch krank – gibt’s nicht, geht nicht“, sie lässt sich von Emanuel hofieren, bis sie ihn als „Insassen“ erkennt. Mit Scholz‘ und Köstlingers Charakteren sind die Gegensatzpositionen bezogen. Menschen unterscheiden sich in die, die’s gut meinen, und die, die gut tun.

Am End? Weiß keiner nix. Die Aufklärung kommt zwar schon, eine Erklärung naturgemäß nicht. Der Komet entpuppt sich als der Josefstadt-Luster. Die österreichische Lösung sind Punsch und Brötchen. Das Land der Beamten, Bauern und Lokalpolitiker, wie es singt, säuft, lacht und sich deshalb nicht selbstmordet. Letzteres nach Thomas Bernhard hierorts ja eines der selbstverständlichsten Wörter, weil nach seinem Großvater Johannes Freumbichler nur eine lebenslange das Leben aufrecht haltende Drohung. Thomas Bernhard, dieser vorletzte große Volksstückschreiber, grinst die ganze Vorstellung lang ums Eck. Großer Jubel für Darsteller und Regisseurin Stephanie Mohr, noch größerer für den Autor. Wer ein g’scheites Stück will, bitte den Arzt aufsuchen.

Thomas Arzt im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16973

Trailer: www.youtube.com/watch?v=z536xI14xSI

www.josefstadt.org

Wien, 22. 1. 2016