Landestheater NÖ: Der Himbeerpflücker

Januar 16, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein bitterböser Kasperl und sein zynisches Krokodil

Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller Bild: Lalo Jodlbauer

Bad Brauning, wie es säuft und streitet: Helmut Wiesinger, Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller
Bild: Lalo Jodlbauer

Es beginnt mit Steisshäuptl-Würstln fürs Publikum und Heino singt das Landserlied vom Polenstädtchen-Mädchen. Das Burgerl und der Zagl verteilen die Gaben vom Chef, großzügig gönnerhaft und marktschreierisch, und da kommt gleich zu Anfang Freude auf. Stadl-Stimmung! Die Leut‘ nehmen sie auf, die Pawlatschenbühnen- atmosphäre in die Regisseurin Cilli Drexel das Landestheater Niederösterreich taucht: Hier wird scharfzüngig Volkstheater gemacht, rabiates Grand Guignol. Mit Martin Leutgeb als bitterbösem Kasperl und Raimund Wallisch als seinem zynischen Krokodil. Leutgeb lädt zum Ende noch kornblumenblau auf drei Bier – bevor er dann die Bühne zerlegt. „Schönerer“ kann’s gar nicht sein. Jubel, Trubel und Applaus. Die Drexel hat dem Landestheater nach der „Hexenjagd“ wieder eine frische, freche und hochpolitische Inszenierung geschenkt: „Der Himbeerpflücker“. Es war längst an der Zeit, dass man sich Fritz Hochwälders Farce über Österreichs Ewiggestrige wieder angenommen hat.

Hochwälder, Jude und Sozialist, 1938 durch den Rhein schwimmend in die Schweiz geflüchtet, in den 1950er Jahren quasi Hausautor des Burgtheaters, berichtet aus dem gar nicht so fiktiven Dorf Bad Brauning. Dort trauern die Honoratioren der für sie „guten, alten Zeit“ nach, haben sie sich im Dritten Reich doch alle bereichert. Nicht zuletzt mithilfe des Himbeerpflückers, so genannt, weil der Scharführer Gefangene aus dem Lager „zum Himbeerpflücken“ in einen Steinbruch führte, um sie dort zu erschießen. Nun soll der Kriegsverbrecher auf der Flucht, also „Kriegsflüchtling“, und auf dem Weg nach Bad Brauning sein. Soll man ihn vor der „alttestamentarischen Rache“ schützen oder zweiterepublikstreu agieren? Während man sich um Tourismuszahlen und Zahngold sorgt, taucht ein vielen vermeintlich noch ziemlich gut bekannter Fremder auf …

Drexel tanzt mit der alpenländischen Identität Rock’n’Roll. Ihre Arbeit hat Tempo und Temperament; Hochwälders Blut-und-Boden-Panoptikum muss, Tür auf, Tür zu, durch eine Klipp-Klapp-Komödie hudeln, um den Anschluss an den dazugehörigen Mythos nicht zu verlieren. Man schwankt zwischen Generalamnestie und Generalamnesie, was den rechten Arm aber nicht an Ausreißern nach oben hindert.  „Heimat, bist du großer Väter, lauter Opfer, kane Täter“ sangen Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz, das berühmteste Steißhäuptl-Zagl-Duo, in ihren „Moritaten“. Der Atem der Geschichte stinkt zum Himmel, doch Drexel hat auch die Töchtersöhne nicht vergessen, für manche sind tausend Jahre ja nur ein Tag, und spickt den Text. „Das nenne ich ordentliche Beschäftigungspolitik.“ – „Asyl ist kein Menschenrecht.“ – „Wir sind die neuen Juden.“ So grauslich verfolgt fühlt man sich von den „linkslinken Gutmenschen“, dass man mit seiner Gesinnung in den Keller gehen muss – hierzulande bekanntlich the place to be -, von wo ein Live-Stream den Kampf der Kameraden gegen die „Überfremdung“ auf die Bühne überträgt. In bester Tradition wird zwischen „unter der Erde“ und „Erdgeschoß“ verhandelt, wenn’s um Günstlingswirtschaft, Postenschacherei und andere Arten von Parteinahme geht.

All diese Disziplinen beherrscht der Steißhäuptl aus dem Effeff. Martin Leutgeb verleiht dem Wirt und Bürgermeister wuchtige Gestalt. Er gibt das Bild dieser Art von Politiker so perfekt, man möchte ihn nicht zur Wahl vorschlagen. Er ist Despot und untertäniger Diener. Ist Lamm und Berserker. Hängt staatstragend seine Fahne in den Wind. Kann pathetisch fluchen und populistisch brüllen. Leutgeb zeigt sich als begnadeter Komödiant, ein Tiroler Michel Galabru, der auch gekonnt mit dem Publikum spielt. Und morgen die ganze Welt. „Und wer sollte nicht einverstanden sein?“  Ein Blick über die Rampe. Mit breitem Siegergrinsen sucht er das Einvernehmen mit dem Saal. Aber da ist er nicht der einzige. Raimund Wallisch als Zagl tut’s ihm gleich. Und auch nicht. Er steht als personifizierter Sarkasmus in der allgemeinen HHHektik, ein Fels in der Brandung, weil NS-Mitläufer aus Überzeugung, nicht aus Geldgier, und daher in der Konsistenz seines Selbstkonzepts nicht bedroht. Als Pendant zum braunen Bürgermeistersanzug trägt er eine feldgraue Pagenuniform. Wallisch wirkt wie dem Hotel Savoy entsprungen, ein stiller, sinistrer, gefährlicher „Schläfer“. Die beiden Gäste am Landestheater haben die österreichische Verfassung in den zwei Gruselclowns erstklassig zusammengefasst.  Fast eine Million Stimmen können nicht irren. „Wir können wählen, wen wir wollen, aber innerlich sind wir doch geblieben, wer wir waren“, sagt Steißhäuptl.

Doch nicht nur er und sein untreuer Diener beherrschen Heimtücke und Intrige. Auch der Rest der Angepatzten ist diesbezüglich auf der Höhe. „Euthanasie-Arzt“ Helmut Wiesinger, „Rechtsanwalt“ Tobias Voigt, der wieder einmal seine Wandelbarkeit unter Beweis stellt, „Baumeister“ Michael Scherff, „Fabrikdirektor“ Christine Jirku, Lisa Weidenmüller, als Steißhäuptl-Tochter Sieglinde ein pampertes frühreifes Früchtchen, und „Postenkommandant“ Christoph Kail zeigen sich als vergangenheitsbewältigende Gemeinschaft von ihrer darstellerisch schlimmsten besten Seite. Da hat es das Burgerl von Magdalena Helmig nicht leicht. Die „dumme Gretel“ ist aber bald als satirische Spielmacherin am Zug. Helmig springinkerlt sich durch die Szene, die von der Schönheit links liegen gelassene Außenseiterin ist Steißhäuptls Dienstmädchen, macht Faxen und Grimassen, und wird am Schluss dem Ort ordentlich die Leviten lesen. Wenn sich nämlich der Himbeerpflücker als Kleinganove Kerz entpuppen wird. Reinhold G. Moritz gibt das mit seiner Halbseidenen, Eva Maria Marold, angereiste Schlurferl überzeugend, ein müder, abgetakelter Einsteiger, der hofft, die Dorftrottel abzocken zu können. Bis er erkennt, mit wem man ihn verwechselt. Da wird der Gauner zum einzigen ehrlichen Mann. Geht lieber ins Häfn denn als hofierter Holocaust-Verbrecher durchzugehen.

Fritz Hochwälder schrieb 1964 vom „ungebrochen faulen Zauber“ der „Hoch-Zeit“, von der Sehnsucht vieler nach dem neuen/alten Heilsbringer, vom Traum „die Welt der eigenen Minderwertigkeit zu unterwerfen“. Aus diesem Schoß kann’s wieder kriechen. Dagegen gilt es ein Theater zu machen. Und Politik. Cilli Drexel hat es getan: Einfach dem Schrecken in sein schimmliges Wiedergängergesicht gelacht.

Der Himbeerpflücker ist bis 2. 4. am Landestheater Niederösterreich und am 8. und 9. 3. als Gastspiel an der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 16. 1. 2016