Schauspielhaus Wien: Spam

Januar 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine irrwitzige Irrfahrt durchs Internet

Noemi Steffen, Sebastian Schindegger Bild: ©Timon Mikocki

Noemi Steffen und Sebastian Schindegger
Bild: © Timon Mikocki

Stifte und Klebezettel zum Notieren von Keywörtern liegen fürs Publikum bereit. Der Mann kann schließlich nicht alles alleine machen. Der hat beim Entschlüsseln der Hinweise so schon Stress, dieser Datenbahndinosaurier, dem die Digital Natives von der Überholspur aus lässig zuwinken. Der Mann ist auf der Suche nach seiner Identität, und eine solche hat man ja heute ohne Internet quasi nicht mehr. Also beginnt für ihn eine irrwitzige Irrfahrt durch die Untiefen der unendlichen wwweiten, durch Phishing-Mails und Skype-Chats, Youtube-Videos und LiveLeak, alles natürlich unter Einfluss des Nonsense stiftenden Google-Translator, auf Chinesisch (vereinfacht): 合理的原因 –  Hélǐ de yuányīn, man ist online bekanntlich international! Sebastian Schindegger spielt im Nachbarhaus des Schauspielhaus Wien „Spam“. Eine deutschsprachige Erstaufführung.

Der argentinische Autor Rafael Spregelburd hat diesen Spaß erdacht, 31 Szenen, deren Reihenfolge durch das Los – hier sind’s Glückskekse aus einem Goldfischglas – bestimmt wird, anhand derer eine Biografie rekonstruiert werden soll. Denn der Mann hat einen Schlag auf seine menschliche Festplatte bekommen und leidet nun unter Gedächtnistotalausfall. Nur sein Laptop weiß, wer er ist. Und offenbar eine mysteriöse Cassandra, mit der er in Kontakt steht. Noemi Steffen gibt dem Mann als eine Art allwissendes Elektronengehirn die Anweisungen über den weiteren Browser-Verlauf. Doch schon zu Beginn, diesmal ist es Tag 10 und es geht um Männlichkeit und Größe, nicht die innere, sondern das Junk-Angebot, steht fest: Hier ist alles nur Behauptung. „Ding!“ tönt es, wenn Schindegger sich dem nächsten Tag und dem nächsten digitalen Ereignis zuwenden muss; das Signal „Sie haben Post!“ wird auf dieser Schnitzeljagd nach dem eigenen Schicksal mitunter zur gefährlichen Drohung. Die virtuelle Müllhalde des Mannes ist nichts als eine Kopie seines realen Lebens.

In der Regie von Kathrin Herm agiert Schindegger wie im Escape Room, schwankt von Computer zu Camus‘ „Der Fremde“ und zurück, wandelt sich von verwirrt und zerspragelt zwischen seinen vielen Aufgaben an der Tastatur und den Wandprojektionen über zunehmend von Schwach- und Wahnsinn umzingelt zu am Schluss siegessicher. Schindegger beherrscht die Kunst, die Zuschauer charmant in sein Spiel einzubeziehen; damit gibt der Schauspieler dem Abend eine ihm eigene, feinhumorige Note. Er gibt auch körperlich alles, isst zerbröselte Kekse vom Boden, turnt über Sofa und Stühle, und ist am Ende auf der hohen Stirn von Klebestreifen und Heftpflastern gezeichnet. Während sich die Erkenntnisspirale immer schneller dreht, setzt sich langsam ein Mosaik zusammen, dämmert die Dimension des Geschehenen herauf. Nicht umsonst sitzt der Godfather der Suspense-Situationen, Sir Alfred Hitchcock, als Polster auf einem Podest.

Mehr zu verraten, wäre … nur so viel: Es kommen pervertierte Puppen vor. Und ein Schweizer Taucher. Und die chinesische Mafia. Es geht um Geld, heißt, bankinstitutionalisiertes und organisiertes Verbrechen. Ein langhaariger Linguistikprofessor und ein hipper Lifestyleblogger sind nicht zwingend zwei Männer. Es geht um Sprachversteppung und einen Wortschatzsucher in der wwwüste. Eine Moral hat sie auch, diese Geschichte: Wenn jemand via Mail ein Vermögen anbietet … erachten Sie’s als „Spam“. Das erspart Ihnen einen Kopfschmerz.

Sebastian Schindegger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16648

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1TTsMNavdaU

www.schauspielhaus.at

Wien, 8. 1. 2016