Theater in der Josefstadt: Anatol

Dezember 18, 2015 in Bühne

Michael König ist "Anatol" Bild: Sepp Gallauer

Michael König als „Anatol“
Bild: Sepp Gallauer

VON MICHAELA MOTTINGER

Alter Orpheus in kalter Unterwelt

Die Stimmung, in der einen dieser Abend in die Nacht entlässt, ist eine seltsam kalte – vorausgesetzt, dass die Hölle aus Eis ist; ihr Schnee wird später noch fallen. Da hat sich ein alternder Orpheus eine kalte Unterwelt geschaffen. Singen möchte er, wenn schon nicht von Liebe, so doch von Leidenschaft, aber die Stimme ist in zu viel Rauch und zu viel Champagner flöten gegangen. Die Weiber, die durch ihn wild geworden sind, sind allesamt da. Sie zerreißen ihn – innerlich. Helmuth Lohner sollte diesen Zerrissenen spielen. Michael König hat den Part übernommen. Seine Höhle ist ein heruntergekommener, schäbiger Tanzpalast. Jeder hat hier schon bessere Zeiten gesehen. Jeder hat die Hölle, die er verdient. Herbert Föttinger hat an der Josefstadt Schnitzlers „Anatol“ inszeniert.

Der Hausherr und sein Dichterfürst Peter Turrini haben sich ans Werk gemacht, ans Werk gewagt, und dem Abglanz der entmachteten Manneskraft einen Rahmen verpasst. Von der einst güldenen Opulenz bröckelt die Patina. „Ich will nicht mehr geliebt werden“, sagt dieser Anatol und überreicht seinem Freund Max ein Devotionalienkästchen der Erinnerungen. Sie duften noch süß, die Locken und Liebesbillets der süßen Mädln. Wie könnte man also verbrennen, was einen verbrennt? Nein, lieber unterm fremden Bett deponieren und von Zeit zu Zeit hervorholen, und gerade, als diese Episode verhandelt wird, tauchen sie auf, die Geliebten vergangener Tage. Kopfgeburten, Sukkuben, die sich um Anatol wie zu einem Untotentanz formieren. Schnitzlers psychologische Tiefengrabung als erotischer Albtraum eines angezählten Egomanen. Und apropos, „unten liegen“ – unterliegen: Die begnadeten Feministen Turrini und Föttinger haben Schnitzlers Harem die Emanzipation beigebracht. Die Damen haben das Sagen; wiewohl Anatol schon anno 1893 von Cora zu Ilona zunehmend Kontrollverlust erleidet, muss dieser da in schwarzbestrumpfter Beinschere gar um seine Atemluft fürchten. Headscissors sind ja manchem Herrn ein beliebtes Lustspiel.

Dies und das verhindert, dass dieses œuvre de vieillesse von Schwermut besoffen in Sentiment ersäuft. Es kann sich ja keiner von den eigenen Katastrophen abschneiden, und vielleicht liegt es auch daran, dass einem das Herz nicht wirklich aufgeht. Föttinger hat dem Leben aufs Maul geschaut und gesehen, wie die Tragi- neben der -komik steht, und dass doch alles nur Farce ist. Wie man durch die Welt läuft und sich fragt, wie man da wohl wieder reingeraten ist, so hetzt Anatol von Szene zu Szene. Ohne Faden, den hat er längst verloren, geht’s von illusionslos-nüchterner „neuer“ Sachlichkeit hinein in die Klamaukkomödie und retour. Alles ist Betrug, selbst die Frage an das Schicksal, wenn Alma Hasun, statt Hypnoselämmchen zu sein, beiseite flüstert: von wegen Untreue, da hätte sie ihm einiges zu erzählen gehabt … Wenn Michael König zu Max sagt, dass ihn dessen kühle, gesunde Heiterkeit enerviere, dann ist sie genau das, was Föttingers Inszenierung ausmacht.

König ist kein hinreißender Herzensbrecher. Wenn so einer eine Frau als „mein liebes Kind“ abschasselt, schwingen die Töne schon schön arrogant; die Diminutivierung des weiblichen Geschlechts gehört bekanntlich zum Wortschätzchen des männlichen Machterhalts. Königs Anatol changiert wie die Seidendessous, zwischen denen er sich bewegt. Er ist ungeduldig und beleidigt beim Abschiedssouper, wehleidig und beleidigt am Hochzeitsmorgen, süffisant und beleidigt bei den Weihnachtseinkäufen. Dieser Anatol nimmt im amourösen Rollenspiel mit Begeisterung die des Opfers ein. Da will einer Gefühlsmensch sein und hat dabei nur auf sich selber Emotionen. Was hat ihm das Weib nicht alles angetan! Ja, ja, da ist es gut, dass Peter Matić seinen Max mit einem charmanten Sarkasmus ausstattet, der das viele Seelengeklingel konterkariert. Matićs Max, der selbsternannte Stichwortgeber, ist in Wahrheit der Spielmacher; in den besten Szenen der Aufführung gestaltet er mit König Doppelconférencen. Nur nicht romantisch werden, rät er dem „leichtsinnigen Melancholiker“. Wozu bei der resoluten Riege allerdings sowieso wenig Anlass besteht.

Aus dem Reigen von Föttingers Frauen-Fantasien stechen drei hervor: Katharina Straßer gibt die Annie als grandiose „Fehlbesetzung“ in Adidas-Buxe und mit Pudelhaube, ohne hart antrainierter Ballerina-Attitüde, sondern als lustig-aggressive Prolet-Berserkerin. Sie spielt ein Vorstadtkabarettstückchen. Sandra Cervik ist als Ilona die elegante Domina-nte, die dem Herrn einen Herrn zeigt. Und mutmaßlich auch ihre strenge Kammer. Bevor die einem hinterher läuft, läuft sie lieber Amok. Als Höhepunkt gestaltet Andrea Jonasson mit Gabriele den Schlusspunkt, eine harte, nur von der Contenance im Zaum gehaltene Auseinandersetzung, die in ihrer Höflichkeit schlecht verheilte Verletzungen verdeckt. An Jonassons Seite, der einzigen Begegnung auf Augenhöhe an diesem Abend, kommt König schließlich in schauspielerische Hochform. Am Ende bleibt sein Anatol allein im dunklen Tanzpalast zurück. Seine Erinnerungsstücke hat er behalten, ein neues kommt dazu. Es ist zu erwarten, dass dieser Don Juan wieder in den Geschlechterkrieg zieht.

Michael König im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16616

Trailer: www.youtube.com/watch?v=iDMvEN7qmZk

www.josefstadt.org

Wien, 18. 12. 2015