Wiener Festwochen: Das Programm 2016

Dezember 16, 2015 in Bühne, Klassik

Anna Ryberg (Katja), Jenny Carlstedt (Vlasta) und Sara Jakubiak (Marta) und Ensemble Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Anna Ryberg (Katja), Jenny Carlstedt (Vlasta) und Sara Jakubiak (Marta) und Ensemble
Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

VON MICHAELA MOTTINGER

Freiheit, von politisch bis sexuell

„I am ready“, sagt Marina Davydova zu Beginn der Programmpräsentation. Und das Feuer und der Elan, mit dem die aktuelle Schauspielchefin der Wiener Festwochen ihre Ideen vorstellt, lassen wissen: Sie ist es. Die Moskauer Theaterpublizistin und NET-Festivalmacherin hatte gemeinsam mit Intendant Markus Hinterhäuser ins Museumsquartier geladen, um die Pläne für das Jahr 2016 zu verraten. Von 13. Mai bis 19. Juni werden die Festwochen da laufen. Wien kennt Davydova bislang nur in ihrer Rolle als Theaterkritikerin; der von Hinterhäuser durch ihre Tätigkeit angekündigte Perspektivewechsel für das Publikum wird wohl auch sie selbst betreffen. „Ich glaube nicht an nationale Grenzen, Theater ist ein öffentlicher Platz“, erklärt sie ihr künstlerisches Credo. „Wenn Sie mich fragen, worum sich mein Theaterprogramm dreht, bekommen Sie eine kurze Antwort: ums Theater.“ Theater, sagt sie weiter, sei ihr ein Synonym für Freiheit – „von politisch bis sexuell“. Von Israel bis Iran. Dies ungefähr die Spannweite der von ihr eingeladenen Produktionen. 36 aus 25 Ländern werden die Festwochen kommendes Jahr zeigen.

Markus Hinterhäuser macht damit sein drittes und letztes Wiener-Festwochen-Programm. Leise Wehmut scheint sich in seine Stimme gestohlen zu haben, wenn er darauf hinweist. „Ich sitze hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, meint der künftige Salzburger Festspielintendant. Seinen bisher beschrittenen Weg setzt Hinterhäuser in vielerlei Hinsicht weiter fort. So sind getreu des Freiheitsmottos zwei Opernaufführungen zu sehen, „Fidelio“ und Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“, erstere eine Neuproduktion, die Österreich-Premiere von Dmitri Tcherniakov, für Hinterhäuser „einer der wesentlichen Regisseure von heute“, zweitere ein Gastspiel der Oper Frankfurt. „Die einzige Oper mit dem Thema Auschwitz“ sieht er „als Aufforderung nachzudenken über Schuld, Zuweisung von Schuld und Vergebung – dies scheint mir in dieser, unserer Zeit wesentlich.“ Passend dazu gibt es ein Konzertwochenende mit dem Titel „Wehe den eiskalten Ungeheuern“, bei dem Werke von Luigi Nono, dem lang vergessenen Hanns Eisler, Georg Friedrich Haas und Frederic Rzewskis „The People United Will Never Be Defeated!“ zu hören sein werden. „Isoldes Abendbrot“, eine „kleine Geschichte über das Verschwinden“, von Christoph Marthaler mit Anne Sofie von Otter komplettiert das Musikspektrum.

Theater, sagt Marina Davydova, habe viele Arten sich zu präsentieren. Als Installation, als Performance, mit Videos und als poetry reading. Darunter versteht sie etwa „By heart“ von Tiago Rodrigues, der Texte von William Shakespeare bis Ray Bradbury gestalten wird. Eröffnet wird das Schauspielprogramm von Frank Castorf mit Andrej Platonows „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, einer sowjetischen Don-Quijote-Sancho-Pansa-Geschichte und „eine große Herausforderung“, wie Davydova ankündigt. Diese sollen vom allergrößten bis zum ziemlich kleinen reichen. Also von Jan Fabres „Mount Olympus“, einem 24-Stunden-Theater-Marathon inklusive Essen und Schlafen, bis zu dem Figurentheater „Mi gran obra“ von David Espinosa, das in einen einzigen Koffer passt.

„Metaphorisch, melancholisch und sozialkritisch“ soll ein Schwerpunkt des osteuropäischen Theaters werden: Dimitris Papaioannou, bekannt als Schöpfer der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Athen, zeigt „Primal Matter“; Kornél Mundruczó mit „Látszatélet/Scheinleben“ eine true story, einen Fall der Budapester Polizei: Im Mai 2005 wurde ein junger Rom in einem Bus mit einem Messer attackiert. Der Aufruhr in den Medien war groß. Die Bevölkerung demonstrierte gegen Rassismus. Wie sich herausstellte, war der Täter Mitglied einer traditionalistischen, rechtsextremen Gruppierung und wie sein Opfer: ein Rom. Der Moskauer Theatermacher Konstantin Bogomolov zeigt „Ein idealer Gatte“. „Das ist eine satirische Enzyklopädie des modernen Russland und hat praktisch nichts mit Oscar Wilde zu tun“, so Davydova, die überdies eine umfangreiche Personale mit Videoarbeiten der israelischen Künstlerin Sigalit Landau als „vielleicht spannendsten Event des Festivals“ ankündigt. Diese wird im Künstlerhaus stattfinden, das erneut als Festwochen-Zentrum fungieren wird. Corinna Harfouch kommt mit Heiner Müllers „Der Auftrag“, Falk Richter mit „Città del Vaticano“.

Die Reihe „Into the City“ hat sich den Begriff „Universal Hospitality“ von Kant geliehen und zeigt nach dessen Glauben an „Weltbürgerschaft“ und „Weltgemeinschaft“  ein Ausstellungsprogramm zu den aktuellen politischen Verwerfungen. „Wir versuchen einen gesellschaftlichen Diskurs mit anzuregen“, so Kurator Wolfgang Schlag. Mit Plakataktionen will man schnell und spontan auf die Sprache rechter Parteien reagieren.

Den Wiener Festwochen 2016 steht ein Budget von 14,4 Millionen Euro zur Verfügung, mehr als zehn davon sind Subventionen der Stadt Wien. Der Eintritt zu vielen Veranstaltungen ist frei; der Kartenverkauf beginnt ab sofort.

www.festwochen.at

Wien, 16. 12. 2016