Schauspielhaus Wien neu: Sebastian Schindegger

Dezember 15, 2015 in Bühne

Sebastian Schindegger Bild: Copyright Matthias Heschl

Sebastian Schindegger
Bild: Matthias Heschl

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gespräch über Wiener Widersprüche, Stadttypen und „Spam“

Nach Tomas Schweigens Auftaktinszenierung „Punk & Politik“ stand hier  frech geschrieben, er sei ein Typ, wie von Tschechow erfunden (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15730). Das kann Sebastian Schindegger gelten lassen. Weil er Tschechow mag und, weil er Typen mag. Der gebürtige Wiener ist mit Schweigen als neuem Schauspielhaus-Intendanten in seine Heimatstadt zurückgekehrt (mehr: www.schauspielhaus.at/team/sebastian_schindegger). Und hat hier vielfältige Aufgaben übernommen. Beispielsweise als hiesiger Schmäh-Übersetzer für die Kollegen. Ab 7. Jänner zeigt Schindegger an der zweiten Spielstätte im „Nachbarhaus“ das One-Man-Stück „Spam“ von Rafael Spregelburd. Darin sucht ein Mann nach seiner verlorenen Identität. Sebastian Schindegger im Gespräch:

MM: Sie sind im theatralen Dreiländereck am Schauspielhaus Wien der Wiener. Wo waren Sie all die Jahre?

Sebastian Schindegger: Ich war 15 Jahre in Deutschland, in Halle an der Saale, Berlin, Frankfurt, Hannover, also vier Städte abgegrast – und jetzt bin ich wieder in Wien. Hier habe ich gerade auch Vermittlerfunktion, was die Mentalität meiner Landsleute betrifft. Das ist mitunter recht lustig, wenn eine Kollegin zu einem Bühnentechniker sagt: Wie geht’s?, er antwortet: Schlecht, wenn i di seh’!, und ich erklären muss, dass das unser berühmter Charme und Schmäh ist.

MM: Der Spruch hat Tradition, stimmt. Wie hingegen hat sich Wien während Ihrer Abwesenheit verändert? Wie wirkt die Stadt auf Sie?

Schindegger: Meine Frau ist auch Österreicherin, vom Land, also waren wir in unserer freien Zeit meistens dort. Nun wieder Wien – wie hat es sich verändert? Die Mieten sind teurer geworden. (Er lacht.) Ich bin im Zweiten aufgewachsen, und das war unheimlich trist. Jetzt ist es ein sehr hipper Bezirk, in dem man sich gut wohlfühlen kann. Wir wohnen in einem richtig angesagten Viertel. Da bin ich doch überrascht, welche neue Lebensqualität diese Stadt hat. Na, Wien gewinnt ja auch immer irgendwelche Preise für Lebensqualität …

MM: Sie sind mit Tomas Schweigen als neues Teammitglied am Schauspielhaus Wien angetreten. Wenn Sie sich beschreiben müssten – was Sie nun müssen: Was macht Sie als Schauspieler aus? Was interessiert Sie am Theater?

Schindegger: Das ist schwierig, weil es tatsächlich oft wechselt. Ich habe unlängst erst darüber nachgedacht. Ich finde die Mischung aus dem Ursprung, also wo man herkommt, mit einer Universalität schön. Mein bestes Beispiel dazu ist Helmut Qualtinger, den mag ich sehr. Ein Wiener mit all seinen Qualitäten und Abgründen. So eine Art Schauspieler zu sein, stelle ich mir vor. Ich mag Typen.

MM: Wenn ich das sagen darf: Sie sind auch einer.

Schindegger: Ja, und da muss man in der Not eine Tugend draus machen. Jeder Spieler ist anders, aber das Publikum geht halt doch wegen Typen ins Theater. Ich finde das auch an Kollegen spannend, gerade, wenn man sich denkt, einer passt nicht auf eine Rolle, wie er die dann interpretiert. Was Stücke oder Spielarten betrifft, das wechselt tatsächlich oft. Es gibt nicht die eine Ästhetik, von der ich sage, die ist hundert Prozent meins. Ich mag, wenn Theater unterhält. Auf viele Arten Unterhaltung, aber Unterhaltung. Ich mag, wenn Theater körperlich wird, wenn was passiert. Nur Gedanken und Text, da steige ich oft aus.

MM: Also, Gedanken und Turnen.

Schindegger: Das ist gar nicht so leicht! Manche Texte eignen sich nicht zur Bebilderung, Text ist sensibel, der lässt sich vom Eindruck auch erschlagen. Wir hier sagen allerdings: Auge geht vor Ohr.

MM: Das Schauspielhaus neu will eine Aussage zu dieser Stadt, zur  Zeit, zur Gesellschaft treffen. Das merkt man schon am Spielplan.

Schindegger: Ja. Wir sind angekommen und die Stadt- und die Weltpolitik waren voll im Gange. Dazu muss man Stellung nehmen. Ich habe mit Tomas schon in Frankfurt und Hannover gearbeitet, das waren immer gute Sachen. Er möchte ausprobieren, experimentieren, das hat mich total gereizt nach Wien zu kommen. Nichts ist schlimmer, als wenn Theater erstarrt ist. Wir versuchen uns an Formaten, an Stoffen, mal sehen, wie das wird. Es soll natürlich – ja, politisch ist immer so ein komisches Wort, wenn man’s formuliert -, aber es soll politisches Theater sein. Ich habe in den vergangenen Jahren gemerkt, dass es mich immer weniger befriedigt, die großen Klassiker „vom Blatt“ zu spielen, ausführendes Organ einer Intendanz zu sein. Man sollte als Theatermacher eine Haltung zu Themen entwickeln und sein Team einbeziehen. Das macht Tomas ganz stark. Es gibt sehr flache Hierarchien, weshalb sich jeder für alles verantwortlich fühlt. Fürs Gelingen und fürs Scheitern. Das ist eine neue Erfahrung, aber auch eine gute.

MM: Sie sind in der ersten Produktion „Punk & Politik“ noch bis Ende des Jahres zu sehen. Ein Stück, das in gemeinsamer Autorschaft entstanden ist. Es geht um die Verantwortung des einzelnen für das Ganze. Hat sich der Abend seit der Uraufführung weiter entwickelt?

Schindegger: Auf jeden Fall. Wir haben das ziemlich genau inszeniert, es wirkt sehr improvisiert, ist aber total auf den Punkt, selbst die Pausen, die scheinbaren Hänger sind ziemlich genau getimt. Aber das Publikum variiert sehr. Es mischt sich ein. Es gibt seine Meinung dazu ab. Das muss man als Spieler aushalten, da sagt man dann über Körpersprache: Es ist ja nur gespielt. Manchmal amüsieren die Leute sich königlich, manchmal herrscht Unverständnis. Darauf muss man auf der Bühne eingehen.

MM: Es gibt zu diesem Abend ein Europamanifest.

Schindegger: Wir unterstützen eine EU-Initiative, für die haben wir hunderte Unterschriften gesammelt. Ich habe mich nie so mit dem europäischen Thema auseinandergesetzt. Ich bin in die Produktion so do-it-yourself hinein und muss sagen, dass ich auch für mich etwas gelernt habe. Das ist einer der Vorteile meines Berufs, dass man sich mit Dingen beschäftigen kann und dann mehr mitnimmt, als ausschließlich einen neuen Rollentext gelernt zu haben. So kann ich mich mit meiner Arbeit und mit einem Haus mehr identifizieren. Momentan lerne ich total viel über Spams. Unglaublich, welchen Schrott es im Internet gibt!

MM: Wobei wir beim aktuellen Thema sind: „Spam“ von Rafael Spregelburd, Ihre Premiere im Nachbarhaus am 7. Jänner.

Schindegger: Genau. Da erwacht ein Mann in einem Hotelzimmer auf Malta und kann sich an nichts mehr erinnern. Er findet einen Laptop und über die Verlaufsgeschichte des Browsers versucht er seine Geschichte zu rekonstruieren. Wir werken gerade daran, Regisseurin Kathrin Herm und ich, und ich habe vor, den ganzen Raum zu bespielen, also keine Bühnensituation zu gestalten. Es wird eine Installation, es wird Projektionen von Internet-Unsinn, von Mails – Spams natürlich – und Videos mit mir dazu geben. Die Videos drehen wir derzeit.

MM: Das Stück hat 31 Szenen, die per Losentscheid gespielt werden?

Schindegger: Es ist wirklich ein sehr verwirrendes Stück. Sehr kryptisch.

MM: Das ist der Satz für den Kartenvorverkauf.

Schindegger (lacht): Nein, es ist großartig. Die Verwirrung ist ja seine große Qualität. Es werden 31 Tage im Leben dieses Mannes beschrieben. Es beginnt bei Tag zehn, nachdem er einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, und dann werden willkürlich Tage raus gezogen, vorherige, spätere, die ich dann darstelle. Für mich ist das auch eine Überraschung. Und eine Herausforderung. Es gibt eine Frau, Kassandra, von der er dubiose Nachrichten findet. Da überlegen wir gerade, ob sie da sein wird, oder nur in seinem Kopf existiert, und – ja, mehr mag ich eigentlich nicht verraten. Lassen auch Sie sich überraschen!

MM: Aber zusammengefasst: Sie befinden sich gerade in den Untiefen des Internets.

Schindegger: Und genau das, was man da an Müll oder Nichtmüll findet, ist die Fragestellung in diesem Stück. Der Mann findet ein Versatzteil aus seiner Vergangenheit und weiß nicht, hat das eine Bedeutung oder nicht. Da gibt es ein paar echt tolle Dinge. Der Titel des Stücks ist halt „Müll“ und wir denken das konsequent zu Ende. Ich hoffe, dass unser Konzept aufgeht. Ich habe von Spregelburd schon mal eine Uraufführung in Mannheim gemacht, das war auch gut, deshalb bin ich jetzt auch guter Dinge. Was wir gerade ausprobieren fühlt sich richtig an. Ich bin aufgeregt, aber gut aufgeregt.

MM: Naturell Rampensau? Eine Monologscheu scheinen Sie ja nicht zu haben.

Schindegger: Immer lieber Dialog als Monolog, weil ich nicht so gern einsam bin. Aber Rampensau schon, muss ich gestehen. Ich gehe gerne nach vorne. Ich mag es, wenn am Theater Konflikte verhandelt werden. Das geht mit einem Spielpartner, und wenn der fehlt, ist das Publikum dran.

MM: Eine gefährliche Drohung. Nein, im Ernst, ich hatte schon bei „Punk & Politik“ das Gefühl, dass Sie keine Berührungsängste haben, dass Sie gut auf ein Publikum zugehen können.

Schindegger: Das stimmt, ich mag das gerne, aber nicht in dem Sinne, dass sich jemand fürchten muss, auf die Bühne gezerrt und vorgeführt zu werden. Ich mag das selber nicht, wenn man am Theater so niederagitiert wird, wenn so Mitmach-Abende entstehen. Das ist mir als Schauspieler unangenehm, wenn ich sagen muss: Jetzt machen Sie mal mit hier. Das ist mir aber auch unangenehm, wenn ich im Publikum sitze. Ich war in zwei Produktionen, einmal musste ich die Leute schon beim Reinkommen anpöbeln, einmal jeden einzelnen Zuschauer herzlich begrüßen. Da ist mir das zweitere lieber. Aber bei Tomas muss man da keine Sorgen haben, weil er gewisse Grenzen diesbezüglich nie überschreitet. Auch das mag ich an ihm.

MM: Was wünschen Sie sich von Wien?

Schindegger: Ich möchte wieder tief in die Mentalität dieser Stadt eintauchen. Und tief in diesen Humor. Der hat mir in Deutschland ehrlich gesagt gefehlt. Dieses Abgründige, Grausliche, aber leider zwischenmenschlich sehr, sehr Wahre. Das Grantige, das Widersprüchliche und das politisch Unkorrekte. Mir gefällt das sehr gut. Da bin ich wieder bei den Typen: Manche trifft man nur mehr in Wien. Das kann einen wahnsinnig machen oder wahnsinnig freuen. Ich möchte mir da einiges aneignen, oder wieder aneignen. Mal sehen, vielleicht kann man dazu auch einmal am Theater etwas machen. Ich hoffe, ich werde in dieser Stadt viel mitmachen. Ich bin hier schon sehr zu Hause.

MM: Ich habe auf Ihrer Webseite gelesen: Bauchtanz. Bär und Bauchtanz?

Schindegger: Oh mein Gott, stimmt, mein Bruder hat mir vor Jahren einmal eine Homepage eingerichtet, da steht das drauf. Ja, ich habe einmal ein Stück gespielt, für das ich ein halbes Jahr lang professionell Bauchtanz gelernt habe. Und ich darf sagen: Ich bin sehr gut. Man kann am Theater so viel Quatsch machen, großartig. Ich dachte damals, andere fahren ins Büro, ich zum Bauchtanz – und man kriegt auch noch dafür gezahlt. Frauen bewegen sich natürlich graziler, geschmeidiger, aber ich habe eine Frau gespielt. Ich war eindeutig der beste in der Bauchtanztruppe. Mit super Hüftschwung. Immer noch.

www.sebastianschindegger.com

www.schauspielhaus.at

Wien, 15. 12. 2015