Akademietheater: Hotel Europa oder Der Antichrist

Dezember 14, 2015 in Bühne

Fabian Krüger, Aenne Schwarz, Michael Klammer Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Fabian Krüger, Aenne Schwarz, Michael Klammer
Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

VON MICHAELA MOTTINGER

Tief in die österreichische Seele geringelt

Es ist dies einer der tiefsinnigst schwachsinnigen Theaterabende, die derzeit zu erleben sind. Er ist Liebe und Leid und Klamauk und Krieg und kein Etikettenschwindel, sondern klar deklariert als „ein Projekt frei nach“. Joseph Roth. Der heilige Alkoholiker. Der weitsichtige Scharfsteller. Der Zerbrochene am Zerfall Europas. Der gar nicht so stumme Prophet. Regisseur Antú Romero Nunes und sein Dramaturg Florian Hirsch haben am Akademietheater Roth an Roth gereiht. Wie schon aus dem Titel ihrer Collage ersichtlich, besteht „Hotel Europa“ unter anderem aus „Der Antichrist“, „Die Beichte eines Mörders“ oder „Die Geschichte von der 1002. Nacht“. Stationschef Fallmerayer tritt auf und seine russische Geliebte, die Gräfin Anja Walewska, desillusionierte Soldaten, Beute machende Industrielle, der Liftboy Ignaz aus dem „Hotel Savoy“, man weiß ja, welche Geschichte es mit dem hat, mal vier, denn Nunes hat alle seine Spieler in die violette Pagenuniform gesteckt. Dazu würzt der Theatermacher eine Prise Rilkes „Panther“ oder schiebt dem Dalai Lama einen Spruch von Ulli Hoeneß unter. Auch Klaus Kinskis Fitzcarraldo-Wutausbruch kommt vor. Im schwarzen Loch von Bühnenbildner Matthias Koch, das ein Nobelfoyer war und immer noch sein will.

Unzulässig, nein, ist das nicht. Nunes erzählt in der Konfusion eine klare Geschichte. Eine über Sprache und deren Verlust. Kaum etwas hat die vor dem Faschismus flüchtenden Dichter in ihrer Emigration mehr gebeutelt. Nunes hat sich tief in die österreichische Seele geringelt. In die europäische. Seine Gespenster mit dem Kaiser-Franz-Joseph-Bart, Aenne Schwarz, Katharina Lorenz, Fabian Krüger und Michael Klammer, verwenden die niemals gute alte Zeit als Folie für das Heute. Ist es schon wieder so weit?, möchte man fragen. Die Darsteller sprechen alle möglichen Arten Deutsch. Dialekt und Akzent und Slang und schlecht, weil die meisten ja keine wieauchimmer „gebürtige, nona“ Wiener sind. Die babylonische Geistesverwirrung treibt irre Blüten. Der Schatten wird mit dem Gegenstand selbst verwechselt. „Niemals waren wir in der Sprache so verloren“, ist ein Satz der mehrmals fällt. Sprache, das ist Sein oder Nichtsein. Der Freiheitsruf „Wir sind das Volk!“ wird von rechten Schreihälsen vergewaltigt. Radikale Politiker plärren auf Podesten. Es ist schon wieder so weit. Roth hat vor denen gewarnt, die lieber Herren als Menschen waren. „Irgendwann wird sich alles in brauen Sumpf verwandeln.“ Nunes weiß das. Er erzählt von Flucht und überall fremd sein, von Heimat und Heimkehr, von der Front, die auch in Worten wie Frontex steckt. Sprache ist die schlimmste aller Waffen. In diesem Sinne geht der Abend an Schmerz-Grenzen.

„Hotel Europa“ ist wie ein Vorspiel zum Endspiel. „Gräuel geschehen, und wir zahlen Eintritt.“ Die Inszenierung ist die Aufforderung darüber nachzudenken, mit wem man Geschäfte macht, mit wem man sich ins Bett legt, und wen man draußen vorm Zaun verrecken lässt. Das Hotel Euopa ist besetzt. Alles belegt! Die Inszenierung ist wie die Kurzfassung der Kindertrickserie „Es war einmal … der Mensch“, nur kriegt deren Titelsong eine grauslich neue Bedeutung: Tausend Jahre sind ein Tag. Geschichte ist, wenn man tunlich nichts aus ihr lernt. Eine von Michael Klammer gestaltete Flipchartszene, in der er Blut mit Boden aufrechnet, hätte es da gar nicht gebraucht, man hat verstanden. Und hätte gerne noch mehr gesehen. Von der Heiligen Nacht bis zum Heiligen Krieg. Von der Wiederauferstehung des Antichristen. Nunes sagt zum Publikum: Ich habe mir etwas gedacht, bitte schaut es euch an und denkt es, wenn ihr wollt, weiter. Gerne? Nicht gerne, aber sehr dringend. Selten trifft dieser Theaterabende jemand so dezidiert eine Aussage zum eben gewesenen Tag.

Das alles ist ganz und gar nicht akademisch. Dazu spielt Nunes viel zu gerne. Federn fliegen und der Sensenmann geht bedeutungsschwanger vorüber. „Bitte ned stean“ steht auf einem Schild neben der Klingel in der Portiersloge, das die vier Türhüter immer dann aufstellen, wenn sie etwas zu verhandeln haben. „Er sieht aus, wie ich spreche“ ist eine Abwandlung des Spruchs „You look like I feel“, weil, „erst wenn du diskriminiert bist, bist du ehrlich“. Sagt der Kleine Mocca zum Großen Braunen. Sagt Nunes in einer Nonsense-Sequenz über die hiesige Kaffeekultur. „Verlängerter!“ – „Hihihi!“ Es ist jedenfalls fad und menschenleer im Foyer, also beginnen die Rollenspiele. Und damit die Sexspielchen. Roth rotiert von Albtraumtanz bis Zugunglück. Lorenz, Schwarz, Klammer und Krüger sind fantastisch. Als Schauspieler, Sänger, rotnasige Clowns und Katastrophengebeutelte. Arme und Beine ketten die Körper einer Amour fou aneinander, aus Armen und Beinen gestaltet sich ein Hakenkreuz. Fabian Krüger ziert sich ganz entzückend vor der ersten Liebesnacht, Katharina Lorenz möchte Strapse sehen. Auch die Geschlechter sind im Kampf gegeneinander, sei’s in einem allein oder in zweien gemeinsam. Aenne Schwarz gibt den seelisch zerrütteten Soldaten, der sah, wie Glocken zu Kanonen wurden, sah, was Kanonen anrichten, und seither kein Glockengeläut mehr hören kann. Freilich endet der Abend in geschützdonnerdröhnendem Bummerin-Gewummer. Die furchtbare Schönheit dieser Bilder beglückt.

In einem aber zumindest irrte Nunes. „Am schönsten stirbt sich’s zum Radetzkymarsch“, das mag sein. Aber der wieauchimmer „gebürtige, nona“ Tübinger wird kein Publikum am Akademietheater zum Klatschen verführen können. Diese Demaskierung findet nicht statt, denn das Viervierteltakt-Paschen ist denn doch mehr was für die Deutschen. Oder für den Musikantenstadl. Der ja mittlerweile auch deutsch ist. Zum Radetzkymarsch, müssen Sie wissen, klatscht man hierzulande nur beim Neujahrskonzert. Und selbst das hat Nikolaus Harnoncourt eigentlich verboten. Nicht wegen der besseren Hörbarkeit der Musik, sondern weil man einem k.u.k. Kriegstreiber und Mörder nicht mehr applaudiert.

www.burgtheater.at

Wien, 14. 12. 2015