Das Volkstheater hat endlich einen Ratgeber

Februar 16, 2013 in Bühne

Erich Schleyer trifft die Gay Community

„Aus der Dunkelheit hab ich mich aufgerichtet, als du aufrecht wurdest.“ (Robert Duncan)

US-Autor Tony Kushner, Verfasser des bittereren, erschreckend hellsichtigen Aidsdramas „Angels in America“ (1991) und nun Drehbuchautor von Spielbergs oscarnominiertem Kinofilm„Lincoln“, hat der Welt ein neues Stück beschert: „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ (eigentlich Titel der Dissertation, an der eine der Figuren, Pill, seit 30 Jahren schreibt), wurde Freitag am Volkstheater aufgeführt.

So kompliziert der Stücktitel, so die Namen der Protagonisten.

Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift

Hans Piesbergen, Robert Prinzler
Bild: Armin Bardel

Augusto (Gus) Giuseppe Garibaldi Marcantonio heißt eine, das Familienoberhaupt in diesem Sippensittenbild, dargestellt von Erich Schleyer – pensionierter Hafenarbeiter, ehemals kommunistischer Gewerkschafter, also ein working class hero. Ergo aus dieser Welt des globalen Kapitalismus gefallen. Ein Patriarch, der nicht mehr will. Dessen Selbstmordversuch gescheitert ist, dem aber die Idee an einen solchen im Kopf stecken blieb.

Weshalb der Clan zur „Rettung“ – eine ungemütlichen Familienvereinigung – antritt. Im Laufe des Fast-Drei-Stunden-Abends explodieren die Emotionen verschwiegener Ressentiments.

Denn was Familie Marcantonio zu verhandeln hat, ist nicht alltäglich.

Da ist zunächst Pill (Hans Piesbergen), ältester Sohn und schwul, der von Paul (Ronald Kuste), dem kleinen, dicklichen, glatzköpfigen Mann, mit dem er seit 26 Jahren verheiratet ist und den er aufrichtig liebt, Ausflüge zu Stricher Eli (schön gebaut: Robert Prinzler) unternimmt. Eine Frage der Körperlichkeit. Tochter des Hauses Empty (Claudia Sabitzer) hat ihre lesbische Liebe zu Maeve (Martina Stilp) entdeckt, Ehemann Adam (Patrick O. Beck) aus der gemeinsamen Wohnung aus- und Maeve einquartiert. Adam wohnt jetzt bei Gus im Keller, wo er säuft und wichst und ab und an doch noch seine Exfrau beglückt.

Weil Maeve sich ein Kind wünscht, schläft sie mit Emptys Bruder Vito (Robert Schmelzer), was dessen Frau Sooze (Nina Horvath) auf die Palme treibt – der Schwangerwerden-Versuch gelingt übrigens. Und Gus’ Schwester Clio (Inge Maux) will ausziehen, um schließlich nicht Schuld an Gus’ Suizid zu sein.

Dazwischen wird – man muss dem Stücktitel ja gerecht werden – über Wallstreet-Verbrecher, Terror und Gegenterror Lenins und das innere Leuchten der Jungfrau Maria gestritten.

Währenddessen plagt Gus alle mit seinen Spleens und den Episteln von Horaz.

Worum’s also geht? Und Alles, Nichts, beides? Jedenfalls ist’s laaaang, altvaterisch (jeden Moment wartet man darauf, dass Elia Kazan und Marlon Brando mit der Faust im Nacken um die Ecke biegen) und inhaltlich überfrachtet.

Dass der Frachter nicht untergeht, ist dem fabelhaften Ensemble zu verdanken, das unter der Anleitung des Basler/New Yorker Regisseur Elias Perrig (in dem sich um die eigene Achse drehenden Bühnenbildhaus von Wolf Gutjahr), den genau richtig naturtrüben Tonfall für derlei Familienzusammenkünfte findet. Lakonisch bis ironisch, sarkastisch-grotesk.

Eine fabelhafte Ensembleleistung. Die nur Erich Schleyer mit Größe überragt. Die mit etwas Geduld zum großen komödiantischen Vergnügen wird.

Zum Ende besorgt sich Gus (von Nanette Waidmann) Selbstmordpillen. Da steht Eli in der Tür. Und so wird aus dem Suizid ein Kleiner Tod.

www.volkstheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7vURiIAOtLE&list=UUb640SHy2IYBJQ3d3QBhgYQ
Von Michaela Mottinger
Wien, 16. 2. 2013