Theater Drachengasse: Thomas Kampers „Anfangen“

Dezember 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das virtuos gespielte Kabinettstückchen

Julia Schranz und Pippa Galli Bild: Daniel Wolf

Julia Schranz und Pippa Galli
Bild: Daniel Wolf

Es muss natürlich mit einem Vorspiel auf dem Theater beginnen. Im Halbdunkel. Als Hör-Spiel. Drei Stimmen. Ein Vorsprechen. Und die Frage: Vorbereitet sein oder im Augenblick sein? Oder ist man im Augenblick, wenn man sich vorbereitet? Anmut oder Armut – das ist hier die Frage.

Thomas Kamper hat ein Theaterstück geschrieben, „Anfangen“, und hat es im Theater Drachengasse selbst inszeniert. Damit ist Wien um einen wunderbaren Autor und Regisseur reicher. Eine grindige Wohnküche steht auf der Bühne, ein mit Kaffeemaschine und Abwasch voll funktionsfähiges Endzeitkabinett, und darin läuft ein virtuos gespieltes Kabinettstückchen. „Anfangen“ erzählt von drei Frauen, die genau das nicht können. Also geht es um Abbruch und Wiederbeginn, um Alkohol und Zigaretten. Man befindet sich mitten in dem, was man eine Stückentwicklung nennt, nur, dass sich nichts entwickelt. Also wird philosophiert über Rausch und Nüchternheit.

Die drei Frauen, lässt sich mutmaßen, sind Schauspielerinnen. Sie haben sich der Welt und den von ihr auferlegten unentwegten  Probenprozessen entzogen, um eine bessere zu suchen, eigentlich zu schaffen. Zwischen Mager-, Trunk- und der Sucht, Feuer zu legen. „Wir haben abgesagt, wir haben entschieden uns abzukapseln, um von drinnen zu sehen, was draußen ist“, sagen sie sich vor. Ein Absurdes Theater, das da abläuft. Denn die Welt lässt sich freilich nicht ausschließen – siehe Straßenlärm in den leisesten Momenten. Wie die Kunst in das Leben sickert, so auch umgekehrt … Das Projekt, das die drei Schauspielerinnen in der Wohnküche zusammengeführt hat, holt sie jedenfalls ebenso wieder ein, wie der ihm zugrunde liegende Text von ihnen eingeholt wird. Ins Textbuch schreiben sie während ihres Divenkriegs – die „Irina“ in Wien gewesen zu sein, schlägt selbstverständlich die Gestaltung der Rolle in St. Gallen – wie Klassenbucheinträge. Nicht, um eine Klischeeschublade zu, sondern um eine Gedankentür auf zu machen, könnte man’s etwa so erklären: Drei Schwestern warten auf Godot.

Thomas Kamper beschreibt das alles mit einem sehr eigenwilligen, feinsinnig-schwarzen Humor. Er lässt seine Figuren durch alle Tiefen und Untiefen des Künstlerdaseins waten. „Anfangen“ ist ein großartiger Beschluss über seinen Berufsstand und dessen Randerscheinungen. Dazu gehört auch, dass Michaela Hurdes-Galli in Selbstironie ihren angegrauten „Förderpreis zur Kainzmedaille“ küsst und kost. Sie bildet mit Pippa Galli und Julia Schranz das verteufelt verzweifelte Trio, das sich um ein paar Chipstüten schart, deren Inhalt geprüft und verkostet wird wie edler Wein. An einigen Merkmalen sind sie festgemacht, diese Clowninnen, allesamt auch fabelhaft als Artistinnen, wie eine Stuhlaufklapp- und eine Kaffekochzeremonie belegen. Galli ist die mit dem Putzfimmel, eine federleichte Fee, der die Welt bestenfalls kaleidoskopartig erscheint. Schranz die burschikosere, körperliche, die von Unruhe getrieben über die Bühne turnt. Hurdes-Galli hat sich ihrem Selbst in Selbstverliebtheit ergeben. Als Aggregatzustände wären sie fest, flüssig und flüchtig.

So entspinnt sich ein überspanntes Hin und Her, ein Auf und Ab der Emotionen, an dessen Höhepunkt der Handstaubsauger alleine laufen darf. Kamper versteht es, Komik punktgenau einzusetzen. Es macht ja immer surreal viel Spaß anderen dabei zuzusehen, wie sie sich abmühen. Das Publikum in der Drachengasse war hellauf begeistert ob der Entdeckung dieses neuen Dramatikers – wiewohl Thomas Kamper vor seinem Engagement im Volkstheater-Ensemble als solcher schon gewirkt hatte. „Wenn wir einen Anfang haben, geht es von selbst“, sind seine drei Frauenfiguren sich sicher. Dann laufen sie bei der Tür hinaus. Hoffentlich in die nächste Kamper-Arbeit hinein. Denn was ihn betrifft, lässt sich mit großer Freude sagen: Er ist gerade beim „Anfangen“.

Thomas Kamper im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16238

www.drachengasse.at

Wien, 8. 12. 2015