Volkstheater: Das Wechselbälgchen

Dezember 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bitternis in bezaubernden Bildern

Seyneb Saleh Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh mit Puppe Zitha
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Figuren, die langsam, mit Bewegungen, die sich ihre Geschmeidigkeit erst ertasten, zum Leben erwachen, werden gleich selber Figuren bewegen. In Schaukästen stehen sie, steigen aus ihnen, aus dem schwach Beleuchteten ins Halbdunkel; Gebirge ist im Hintergrund gemalt, davor ein Bergdorf, eine Kirche und ein Bauernhof als Modell. Ein Heimatmuseum. Der Ursprung als Quelle der Bitternis. Und diese Bitternis in bezaubernden Bildern. Die Dioramen sind von Jakob Brossmann; und in und vor ihnen hat Nikolaus Habjan „Das Wechselbälgchen“ von Christine Lavant inszeniert, eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken, uraufgeführt im Volx/Margareten.

Nichts an diesem Heimatmuseum ist museal. Habjan entdeckte die Lavant für sich, als er sich mit der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel beschäftigte. Für seinen Abend „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Das Spiegelgrundkind, der Überlebende des NS-Kinder-Euthanasie-Programms. Habjans Plädoyer ist, dass das Ewiggestrige keine immer währende Wahrheit bleiben darf. Er zeigt, welch frohen Herzens der Mensch sein kann, wären da nicht Instanzen, die vorgeben, was gut und böse, richtig und falsch, gesund und ungesund, wert und „unwertes Leben“ zu sein hat. Die Kärntner Autorin Maja Haderlap hat die archaisch anmutende Erzählung dramatisiert, sie trifft dabei den Lavant-Ton, dessen poetische Wortegewalt, die lavanttalerisch durchsetzte Kunst-Sprache ihrer Landverwandten. Wo das Sentiment überfließen, wo das Schmalz rinnen könnte, ist Sprödheit. Hartleibige Leute verständigen sich in kargen Dialogen. Die Herzen so kalt wie der Bach, der schon zum Ertrinken ruft, die Seelen so karstig wie die Landschaft.

Das Konzept kalt wird von Habjans Hauptdarstellerin gleichsam konterkariert. Zitha, die Puppe, agiert, als ob es, nein: weil es um ihre Existenz geht. Es ist bei Habjan kein kindlicher Irrtum, das Objekt zu subjektivieren. Seine Figuren, diesmal gemeinsam mit Denise Heschl gebaut, spielen nicht, brauchen auch keine darstellerische Behauptung aufzubauen. Sie sind. Dieses besondere, hässliche, halbglatzige Kind hat eine Wahrhaftigkeit, die weh tut, die zu Tränen rührt. Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten, diese Rüge muss sich der Regisseur gefallen lassen, man möchte einmal aus seinen Abenden gehen, ohne, dass einem Wimperntusche auf der Wange klebt. Am Schluss, vor tosendem Applaus und den Bravorufen war in der Stille der ersten Schockstarre rundum deutlich Schniefen und Schneuzen zu hören.

Zitha hat sich die Lebenslust aus ihrem „unwerten Leben“ gestohlen, wie sie da sitzt und verstohlen kichert … „Ibillimutter“, sagt sie im Vater-Mutter-Kinderspiel, „Ich bin die Mutter“ ist ihre so zärtliche wie trotzige Selbstbeachtung. Das gesamte Ensemble leiht diesem kleinen Wesen, Lavants Menschlein, das keine Ahnung vom Tod hat, der aber doch kommen muss, Hand und Stimme. Zitha ist „Das Wechselbälgchen“, unehelich geborenes, behindert zur Welt gekommenes Kind der einäugigen Kuhmagd Wrga. Die Gemeinde weiß, ein böser Geist hat das echte, das gesunde Geschöpf gegen sein krankes getauscht. Der Pfarrer weiß, was Sünde ist und wohin sie zwangsläufig führen muss. Der Knecht Lenz kommt in den Ort, er erwartet sich Glück von der Glasaugenfrau – doch bevor er sie zur seinigen macht, soll der Wechselbalg ins Wasser. Über dieser geistigen Talenge wird das Schicksal wie die biblischen Berge zusammenstürzen. Am Ende aller Zeit.

Habjan entpuppt – pardon!, aber der war schon serve-volley – sich einmal mehr als großer Bildermagier. Er taucht Mitmenschliches und Unmenschlichkeit in mystisches Licht, und strahlt die Alle-Weisheiten-der-Welt-Aufsager scharf an. Seine Schauspieler sind auch Puppenspieler. Die aus der „anderen Welt“, Zitha und ihr späteres Schwesterlein Magdalena, Pfarrer Duldiger, die Schwundbäuerin sind Figuren, beide, der Glaube und der Aberglaube, sind übergroß und übermächtig. Realität erleiden Wrga, Lenz, der Bartl-Thoman, die Weiddirn und alle zusammen als die Keuschenkinder, die mit dem Puppenkind Zitha wie mit einer Puppe spielen. In hohem Tempo erfolgt der Wechsel zwischen den Charakteren. Das ist auch eine artistische Höchstleistung und funktioniert an einem Beispiel etwa so: Gábor Biedermann hält die Klappmaulpuppe, verleiht deren Gesicht mit seiner Hand Mimik und spricht als Pfarrer, Claudia Sabitzer schlüpft unter dessen Soutane, die Hände, die Geste, die Körperhaltung des Geistlichen sind ihre.

Seyneb Saleh ist als Wrga überragend. Überraschend wie ähnlich sie mit Kopftuch und Schürze der Lavant ist, beide streitbare Schmerzensfrauen, die ihrem krankheitsbedingt mühseligen Körper mit wilder Widerspruchskraft entgegentreten. Sie, am untersten Ende der Dorfhierarchie, ist ihrer Zitha durchaus ähnlich, dickköpfig und bockbeinig im Aufstampfen: Ich bin nun einmal da in dieser Welt. Als Mutter eine Löwin, als Magd ein Arbeitstier, erschütternd in ihrer Schilderung der eigenen garstigen Kindheit. Ihr Kind soll es besser haben. Deshalb fällt sie auch dem einen zum Opfer, der ihr die Lüge des besseren Lebens vorgaukelt. Sie wechselt ihr Strohbett gegen Lenz‘ Schläge. Florian Köhler steht Salehs Darbietung in nichts nach. Würde man ihn nicht schon kennen, man müsste schreiben, ist er die Entdeckung des Abends. Als einer, der viele Fs in Lenz vereint. Faschistisch, fanatisch, Frevler an der Nächstenliebe, einer, dem bald was „fremd“ vorkommt. Köhler spielt den Aufhetzer mit den einfachen Sprüchen, seine Pose ist Herrenmenschentum, spielt einen wundergläubigen Wundertäter, dem ein Traum Geld und gesellschaftlichen Aufstieg an der Seite einer Frau mit gläsernem Kopf prophezeit hat, der Wrgas Qualen mit tausend quälenden Mittelchen zu heilen verspricht. Köhler ist ein fabelhafter Unsympath.

Seinen Gegenpol gestaltet Gábor Biedermann als gläubiger Bartl-Thoman, ein stiller Leidender, die Stimme der Liebe in diesem Stück, die nicht ge- oder erhört wird. Er übernimmt neben der Pfarrersfigur als Thoman auch die Funktion des Erzählers. Der barfüßige Naturbursch wird bei Biedermann zum Philosophen, zum Außenstehenden, der das Treiben beobachtet, aber nichts ausrichten kann. Man spürt mit ihm die Abscheu wie seine Tendenz zur Flucht vor der Welt. Claudia Sabitzer fügt sich in die Riege der erfahrenen Puppenspieler perfekt ein. Sie ist als solche die gespenstische Schwundbäuerin, ein Hexenwesen, das Kräuterweiblein, die Personifizierung der Allmacht der Natur. Sie und Thoman vertreten das Prinzip des Spirituellen gegen den institutionalisierten, verkopfen Glauben des Pfarrers. Sabitzer ist außerdem die Weiddirn, die missgünstige Nachbarin, die dem Wechselbalg sein Leben „wie Gott in Frankreich“ missgönnt.

Womit es mit Auftritt Lenz ohnedies ein Ende hat. Die glückliche kleine Zitha wird aus Angst und Qual zum bissigen Tier, heißt es im Text. Zum Verhängnis wird der Puppe allerdings eine Puppe. Habjan gestaltet eine wunderbare „Unterwasserszene“ im Bach, drei Spieler schwimmen, strudeln, sterben mit Zitha. Am Ende ist Reue. Und Vergebung. „Vielleicht ein Ausdruck ihrer Großherzigkeit“, sagt Habjan über die Lavant. Seine Inszenierung sagt, mögen wir nie wieder am offenen Grab derer stehen, denen wir die Rettung verweigert haben.

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Gábor Biedermann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16438

www.volkstheater.at

TIPP: Am Volkstheater ist auch Nikolaus Habjans Inszenierung von Camus‘ „Das Missverständnis“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, dazu ein Gespräch mit Seyneb Saleh: www.mottingers-meinung.at/?p=15526.

Wien, 5. 12. 2015