Neu am Volkstheater: Gábor Biedermann

Dezember 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die europäische Freiheit nicht aufs Spiel setzen

Gábor Biedermann Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er nennt sich zu Recht einen Europäer, denn seine Wurzeln reichen von Ungarn bis Portugal. Umso mehr freut sich Gábor Biedermann nun in Wien seiner Familienstadt Budapest näher zu sein. Dort hat er als Student beim legendären Henrik Kemény das Puppenspiel erlernt (mehr: www.volkstheater.at/person/gabor-biedermann), eine Fähigkeit, die er am Volkstheater in den Bezirken reaktiviert. Maja Haderlap hat Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“ dramatisiert; Nikolaus Habjan ist der Regisseur der Uraufführung, und Biedermann fungiert in der Inszenierung als Puppen- und als Schauspieler. Mit ihm spielen Claudia Sabitzer, Seyneb Saleh und Florian Köhler.

In „Das Wechselbälgchen“ erzählt die Lavant von der einäugigen Kuhmagd Wrga und ihrem unehelichen Kind Zitha, geistig zurückgeblieben und körperlich entstellt. Die Leute im Dorf, so katholisch wie abergläubisch, haben für dieses Schicksal eine einfache Erklärung: Böse Geister haben der Magd nach der Geburt einen verhexten Wechselbalg untergeschoben. Der werde die ganze Gemeinde ins Unglück stürzen. Als sich der Knecht Lenz für Wrga zu interessieren beginnt, stellt er seine Bedingung: Der Wechselbalg muss im Wasser ersäuft werden …

Gábor Biedermann im Gespräch über die Furcht vor dem Fremden, ungarische Abgrenzungsgedanken und das Geschenk Europa:

MM: Sie waren unter anderem schon am Deutschen Theater Berlin, Schauspielhaus Zürich, Thalia Theater Hamburg engagiert. Nun also das Volkstheater – wie kam’s?

Gábor Biedermann: Im Wesentlichen durch zwei Regisseure, die ich seit mehr als zehn Jahren kenne, Viktor Bodó und Dušan David Pařízek. Als Anna Badora anfing ihr neues Ensemble zu planen, befragte sie auch ihre Regisseure und da haben mich beide unabhängig voneinander genannt. Erwünscht zu sein war für mich eine wichtige Voraussetzung, um Vertrauen zu diesem Neustart aufzubauen, denn das Team aus Graz kannte ich nicht. Aber auf diese Weise wurde mir der Einstieg hier erleichtert.

MM: Und wie finden Sie’s jetzt in Wien?

Biedermann: Ich finde es ganz toll, so nahe an Budapest zu sein. Ich habe dort die Sommer meiner Kindheit und Jugend verbracht, manchmal auch Weihnachten. Ich habe immer noch Freunde und Familie dort. Von Berlin aus, wo ich die letzten fünfzehn Jahre gelebt habe, war das immer eine längere Reise. Jetzt ist es ein Katzensprung. Außerdem gibt es in Wien sehr viel, was ich aus Budapest kenne. Historisch bedingt sind die beiden Städte miteinander verwandt. Ich fühle mich teilweise schon aufgrund der Architektur heimisch. Aber es gibt noch viel zu entdecken.

MM: Nämlich?

Biedermann: Beispielsweise die Mentalität der Wiener. Ich bin dabei sie kennenzulernen. Wien ist wie Berlin eine gewachsene Metropole mit langer Geschichte. Dieses Hauptstädtische spiegelt sich in den Menschen wider. Ich habe den Eindruck die Wiener besitzen ähnlich wie die Berliner Ironie, die manchen überheblich vorkommt, haben eine ausgeprägte Meinung zu vielen Dingen und nehmen oftmals kein Blatt vor den Mund. Diese Direktheit, dieses Ungeschönte gepaart mit Humor ist mir sehr symphatisch.

MM: Sie werden nun im „Wechselbälgchen“ als Puppen- und Schauspieler zu sehen sein. Sie haben das Puppenspiel in Budapest bei Henrik Kemény gelernt. Der war in Ungarn eine Institution.

Biedermann: Ich habe Henrik Kemény als Kind kennengelernt; er war in Ungarn tatsächlich schon zu Lebzeiten eine Legende, eigentlich kennt ihn dort jeder, jeder hat im Laufe seiner Kindheit einmal ein Stück von ihm gesehen. Ich habe sogar Auftritte erlebt, wo Großeltern mit ihren Enkeln da waren und die Großeltern hatten vor vielen Jahrzehnten schon seinen Vater gesehen, der das gleiche traditionelle Handpuppenspiel gemacht hat.

MM: Er hatte eine Kasperlfigur, die heißt …

Biedermann: … Vitéz László. Verwandt mit dem Kasper, aber wesentlich naiver, viel liebenswürdiger, durch und durch eine Identifikationsfigur für jung und alt. Er kämpft gegen einen oder mehrere Teufel, die er im Laufe seiner Stücke in die Mangel nimmt, aufspießt, durch die Luft wirbelt, mit der Palatschinkenpfanne verkloppt … Ihn treibt der Kampf eines jeden Menschen um: das Gute in uns gegen das Böse in uns. Keménys Aufführungen waren immer äußerst intensiv, ein kathartisches, befreiendes Erlebnis für alle, die ihnen beiwohnten. Ich weiß noch, die Kinder haben gejubelt und geschrien. Am Ende wird der Teufel natürlich ausgetrieben und das Böse besiegt. Und der kleine alte Mann war fix und fertig. Persönlich kennengelernt habe ich ihn, weil meine Mutter ihn als junge Journalistin interviewt hat. Daraus ist eine lange und sehr schöne Freundschaft entstanden.

MM: Die Sie dann auch mit ihm verbunden hat.

Biedermann: Ja, und wie ich später in das Alter kam, in dem man sich für ein Studium entscheidet, bot sich mir die Gelegenheit bei ihm zu lernen. Ich begleitete ihn zunächst zu seinen Auftritten quer durch Ungarn, bis er mich ans Staatliche Puppentheater, das Budapest Bábszínház, brachte, wo ich eine Ausbildung zum Puppenspieler begann. Und weil ich ja auch Deutsch spreche, meinte man dort ich solle meine Ausbildung in Deutschland fortsetzen, die beruflichen Perspektiven seien da besser. Mit der Kulturförderung ging es damals in Ungarn schon langsam bergab. So bin ich dann um das Jahr 2000 herum an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ im Studiengang Puppenspiel gelandet, wo ich für mich das Schauspiel entdeckte, was ich dann dort abschließend studierte. Aber hätte ich den Weg über das Puppenspiel nicht genommen, wäre ich wahrscheinlich nicht Schauspieler geworden.

MM: Stichwort „bergab“ – Sie meinen politisch bedingt? Der Kasperl ist ja traditionell eine Figur der Subversion. Das wird unter Orbán sicher nicht so gern gesehen werden.

Biedermann: Das wäre sicher interessant gewesen, das zu erleben. Zumal man heute aufpassen muss, was man auf der Bühne, wie auch in der Presse von sich gibt. Leider ist der große Kemény 2011 gestorben. Ich habe aber Aufführungen von ihm begleitet, wo sich die Stimmung schon nach rechts neigte. Er versuchte immer alle zu erreichen, über die politische Gesinnung hinaus; sein Spiel hatte einen sehr menschlichen, direkten Bezug zum Publikum. Er wusste, dass er auch von denen geliebt wurde, von denen er es nicht so gerne wollte. Heute … naja … er wäre bestimmt nicht glücklich über den Zustand Ungarns.

MM: Sie haben an der Handpuppe gelernt, nun spielen Sie mit einer Klappmaulpuppe. Ein großer Unterschied.

Biedermann: Ich würde nicht behaupten, dass man, wenn man eine Puppe beherrscht, alle Puppen beherrscht. Die Klappmaulpuppe ist allerdings sehr organisch. Sie ist in direktem Kontakt mit der Hand, die Impulse kommen direkt vom Spieler. Für mich ist diese Arbeit eine Chance an etwas Unvollendetem anzuknüpfen. Ich begegne der Puppe jetzt anders als vor 15 Jahren, und weil Nikolaus Habjan eine sehr eigene Art hat, Puppen einzusetzen, gibt es für mich viel Neues zu entdecken. Insbesondere den Dialog zwischen Puppe und Spieler finde ich sehr spannend.

MM: Ihre Puppe ist der Pfarrer …

Biedermann: … und als Schauspieler spiele ich die Rolle des Thoman. Das ist ein Dorfbewohner, welcher der Kuhmagd Wrga sehr nahe steht, ein spiritueller Typ, ein wortkarger Mensch. Eigentlich, wenn man so will, wäre er die bessere Wahl für Wrga, aber es kommt ja Lenz daher. Man wird sehen, aus welchen Gründen sie sich für jenen entscheidet, warum sie sich auf Lenz einlässt.

MM: Das heißt: einmal, weil wir vorhin vom Teufel gesprochen haben, der institutionalisierte Glaube und einmal der immaterielle Glaube?

Biedermann: Ganz genau. Das fasst es sehr schön zusammen. Mir persönlich ist der spirituelle, immaterielle sympathischer, weil der institutionalisierte Glaube oftmals Barrieren zwischen Menschen aufbaut. Was Thoman lebt, finde ich sozial und menschlich kompatibler. Religion als Institution verhindert oft, dass Menschen zueinander finden, etwas, das man gerade heute wieder sehr stark erlebt. Ich wünschte mir, man könnte sich mehr auf humanistischer Basis begegnen. Eine Gesellschaft sollte Grundwerte haben, die gelten, egal, welcher Religion man angehört. Im „Wechselbälgchen“ gibt sich der Pfarrer als moralische Instanz und handelt aber alles andere als moralisch. Wie er von Gerechtigkeit und Sünde spricht, enttarnt seine aus heutiger Sicht sehr bornierte Gedankenwelt.

MM: Die Erzählung ist 1945/46 entstanden. Da spielt sehr stark der faschistische Begriff des Entartet-Sein hinein, das von den Nazis so beschriebene „unwerte Leben“. Wie macht man so ein Stück nicht zur Mahnwache?

Biedermann: Wir sind zwar 70 Jahre weiter, aber wir versuchen nicht die Handlung äußerlich in die Gegenwart zu verlegen. Die Kostüme beispielsweise erinnern eher an vergangene Zeiten. Aber es gibt auch heute durchaus Gestalten, die so funktionieren wie die Personage in der Erzählung, vor allem in ihrer engstirnigen Sicht auf Gott und die Welt, in ihrer Angst vor allen, die „anders“ sind, oder von denen sie vermuten, dass sie es sind. Da hat sich die Menschheit nicht sehr weiterentwickelt. Es gibt eine große Scheu, ja sogar Furcht vor dem Fremden.

MM: Kannten Sie die Lavant vor dieser Arbeit?

Biedermann: Sie ist für mich neu – und ich bin von ihrer Erzählkraft fasziniert. Ich verstehe nicht, wie ich ihr nicht früher begegnen konnte. Ich hoffe, dass in Zukunft noch viel mehr von Christine Lavant zu lesen und zu sehen sein wird. Diese Produktion, die Bühnenfassung ist von Maja Haderlap, geht ja vom Volx in die Bezirke, aber wir werden sie auch im Haupthaus zeigen.

MM: Wenn man Ihre Biografie liest, Wurzeln in Ungarn, geboren in Frankreich, aufgewachsen in Portugal und Deutschland, würde man Ihnen unterstellen, Sie sind Europäer.

Biedermann: Das ist ein Geschenk, weil Europa sehr reich an verschiedenen Kulturen ist, und ich in einigen davon zu Hause bin. Zudem habe ich das Glück, mich frei in ihnen bewegen zu können. Als meine Eltern jung waren, war das anders. Sie mussten erst heiraten, damit meine Mutter aus Ungarn zu meinem Vater nach West-Deutschland konnte. Ich hoffe, dass meine Generation die innerhalb Europas errungene Freiheit nicht aufs Spiel setzt.

MM: Sind Sie im Sinne eines wieder erstarkenden Nationalstaatsgedanken in Sorge um Europa?

Biedermann: Ich finde heute vieles sehr befremdlich. Es ist wichtig, dass sich die Menschen auf ihre Traditionen besinnen, dass Sprachen und Dialekte gepflegt werden, dass regionale Bräuche gelebt werden. Diese Vielfalt ist in Europa absolut notwendig. Das bedeutet aber nicht, dass man in das kleine Denken zurückfallen darf, in dem nur richtig und wichtig ist, was einen unmittelbar umgibt. Mich erschreckt was derzeit vorgeht, vor allem in Osteuropa. Mich erschreckt, dass man dermaßen das Vertrauen in die Nachbarn verloren hat. Eigentlich war ich der Auffassung, dass man über die Jahre, die man bisher in Europa vereint war, genug voneinander gelernt haben könnte, um sich gegenseitig zu respektieren. Auch Ungarn hatte in den 1990-Jahren nach Öffnung des Eisernen Vorhangs eine schöne freiheitliche Phase. Dann kam aber die Enttäuschung über den ausbleibenden wirtschaftlichen Fortschritt sowie zunehmende Arbeitslosigkeit. Da waren viele Wähler plötzlich bereit, sich wieder in den Abgrenzungsgedanken zu begeben, nicht die europäische Vielfalt zu leben, sondern in „urzeitliches“ Denken zurückzufallen.

MM: Die, die von linken Regimen geknechtet waren, schließen sich nun rechts an.

Biedermann: Menschen ändern ihre Meinung. Auch manche linke Ideologen klingen dieser Tage verdächtig rechts. Solche Entwicklungen gibt es in etlichen Biografien, das ist auch nichts Neues. Jeder hat das Recht, seine politische Meinung zu ändern. Schade ist nur, wenn man dabei die anderen aus den Augen verliert. In diesem Sinne besteht Gefahr für Europa. Es ist ja leider auch zu lange als institutionalisierter Apparat aufgetreten, fernab von den einfachen Belangen der Europäer.

MM: Ihre Mutter Journalistin, Ihr Vater Lehrer, Sie Schauspieler – das ist eine logische Folge, denn alles drei sind pädagogische Berufe.

Biedermann: Schön, dass Sie das so sehen. Ich glaube tatsächlich, dass Theater einen Bildungsauftrag hat. Deswegen finde ich auch den Dialog mit den Zuschauern spannend. Was nehmen sie aus einem Theaterabend mit? Für mich ist mein erstes Stück in Wien, „Der Marienthaler Dachs“, diesbezüglich eine wesentliche Erfahrung gewesen. Es geht um Arbeitslosigkeit, sehr aktuell, es kann alle betreffen, und die Zuschauer diskutieren nach den Vorstellungen in der Roten Bar oft auch noch sehr intensiv darüber. Wir haben am Volkstheater einen Spielplan, der sich nicht der reinen Pflege der Kunst und der Ästhetik verschreibt, sondern auf kunstvolle und ästhetische Weise politische Themen angehen und den Leuten die Augen öffnen will. Und im besten Fall gehen die Leute raus und nehmen etwas mit auf ihren Weg.

MM: Und um nun die Brücke zum „Wechselbälgchen“ zu bauen: Was wollen Sie da mitgeben?

Biedermann: Wie ich vorher über die Angst vor dem Fremden sagte: Mir fehlt der liebevolle Blick aufeinander, der es ermöglicht das Fremde nicht von sich wegzustoßen, sondern herzuziehen und näher zu betrachten, damit es nicht mehr ganz so fremd ist. Wir gehen mit dieser Produktion für das Volkstheater in den Bezirken sicher einen neuen Weg. „Das Wechselbälgchen“ ist keine leichte Kost, aber wenn unsere Arbeit gelingt, ist sie eine Einladung, sich mit dem Wesen des Menschen zu beschäftigen. Die Zuschauer werden hoffentlich ein Stück erleben, das sie berühren wird, ein Stück, das sie sicher nicht kalt lassen wird.

www.volkstheater.at

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Maja Haderlap am Theater: www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 2. 12. 2015