Neu am Volkstheater: Thomas Frank

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Es gemütlich haben, was trinken, was essen …

Thomas Frank Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wer behauptet, die Gattung Volksschauspieler sterbe aus, der hat Thomas Frank noch nicht erlebt. Der kann nämlich mit beißendem Humor wahnwitzig witzig sein – obwohl ihm, wenn’s wichtig ist, natürlich kein Witz einfällt. Frank (mehr: www.volkstheater.at/person/thomas-frank/) blickt in seinen Rollen der untiefen österreichischen Seele bis auf den Grund, sei’s als Lois Lubits in „Fasching“ oder als Kleiner Mann im „Marienthaler Dachs“. Weil ihm dieser Art nichts Unmenschliches fremd ist, zeigt er sich passend zum Advent auch als „auxoffanar untan gristbam“ (15. 12., Rote Bar). Am Grazer Schauspielhaus wusste der Vielspieler die Herzen des Publikums auf seiner Seite, das wünscht man ihm nun auch von Herzen für Wien. In Susanne Lietzows Inszenierung von Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ spielt er den Damian Stutzel. Premiere ist am 21. November. Thomas Frank im Gespräch:

MM: In Graz waren Sie Local Hero, ein Publikumsliebling, da hatten Sie oft schon Applaus, bevor Sie auf der Bühne das erste Wort gesagt haben. Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Wien gekommen?

Thomas Frank: Danke, aber so stimmt’s auch wieder nicht … ich bin ohne Erwartungen gekommen, zu viele Erwartungen sollte man nicht haben, die lösen sich manchmal nicht ein, und dann verzagt man. Ich freue mich einfach, dass es weitergeht, dass neue Herausforderungen kommen. Ich will machen, was ich in Graz gemacht habe, und das auch in Wien erreichen … (er denkt nach, Anm. Frank: „er tut zumindest so als ob“) … es wär‘ schon schön … als quasi wieder … na, schauen wir einmal (er lacht).

MM: Sie waren seit 2007 am Schauspielhaus Graz. Wie leicht fällt einem nach dieser Zeit eine Übersiedelung? Was brauchen Sie, um sich wohlzufühlen?

Frank: Ein Miteinander. Dass man Freunde und Kollegen hat, mit denen man gut auskommt und eine gute Zeit verbringen kann. Das finde ich ganz wichtig.

MM: Das ist nach einer Produktion am Schauspielhaus Graz und einer im Theater im Bahnhof Ihr dritter Nestroy. Nun spielen Sie den Damian Stutzel. Im Schauspielführer steht, die Figur sei entbehrlich für die Handlung und ein einfältiger Pechvogel. Rechtfertigen Sie Ihre Figur!

Frank: Wenn’s doch da steht! Man braucht in einem Stück halt auch unnötige Figuren, um das Ganze aufzulockern. Der Damian ist insofern wichtig, weil er mit einem Brief für ein Durcheinander sorgt. Er treibt die Handlung damit voran, aber er tut das nicht bewusst.

MM: Wie sympathisch ist er Ihnen?

Frank: Sehr. In seiner Grundeinstellung zum Leben. Er will nicht viel, er will’s gemütlich haben, was trinken, was essen. Das genügt ihm schon. Da bin ich ihm ähnlich. Er wird unsympathisch, wenn er einen Hauch von Macht in die Hände bekommt, oder glaubt zu bekommen. Da schlägt sein Temperament sofort um und er wird eigentlich ein ziemlicher Arsch, wenn ich das so sagen darf. Das ist sehr menschlich und das ist vor allem symptomatisch für alle Figuren im Stück. Kaum oben, tritt man nach unten. Aber der Damian kommt zum Glück wieder zu Sinnen …

MM: Susanne Lietzow inszeniert. Kannten Sie einander schon?

Frank: Ich kannte sie von der Kantine in Graz, aber mehr ned. Ich muss gestehen, ich hatte von ihr noch keine Arbeit gesehen. Sie macht das Stück nicht extrem „pointig“, sondern versucht sehr sanft sprachlich an die Sache heranzugehen. Ich mag nichts verraten, aber die Rauch-Kallat und ihr MensdorffPouilly und ihre Vogelgrippeschutzmasken werden zum Beispiel vorkommen. Ohne Holzhammer und schon so, dass man sich auskennt, nur quasi, damit’s im Hinterkopf klingelt. Und der Schluss wird anders sein als im Nestroy-Original.

MM: Im Sinne von gesellschaftskritisch-„heutig“?

Frank: Es ist einfach so, dass die Reichen reich und die Armen ärmer werden. Interessant ist die Frage: Wie würde ich reagieren, wenn ich reich würde oder Macht bekäme? Darüber sollte man nachdenken.

MM: Und haben Sie? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie zu Geld kämen?

Frank: Ausgeben, auf den Schädel hauen. So mache ich es immer, wenn’s da ist, ist es auch schon wieder weg. So viel zum Thema gemütlich essen und trinken.

MM: Wie sind Sie eigentlich zum Theater gekommen – und nicht jetzt sagen: mit dem Auto -, Sie haben ursprünglich Anlagenmonteur gelernt?

Frank: Heute mit der U-Bahn, nein, ernsthaft, ich bin aus Heidenreichstein und meine Mutter ist dort seit 1981 in einer Laienspieltruppe, das heißt, mittlerweile lassen sie das „Laien“ weg, die „Bühne Heidenreichstein“. Ich war als Bub immer mit, bei den Proben und so, und bin reingewachsen. Andere würden über mich vielleicht sagen, ich war der Klassenclown, ich sage das nicht. Ich hab’s halt gern lustig, und wenn die anderen nichts machen, muss man eben selber. Mit acht Jahren habe ich dann mein Debüt als Flamme im „Trollkind“ gegeben. Das war ein großer Erfolg – und  ich habe Anlagenmonteur gelernt. Ich bin ein Schrauber und Tüftler, und deswegen hat’s mich dann nimmer g’freut, weil immer mehr Computer dazugekommen ist, also bin ich ans Reinhardt-Seminar.

MM: Mit Umweg übers Bundesheer. Wer, Herr Lehmann, dient heute noch mit der Waffe?

Frank: Ich hab’ mir das gar nicht so groß überlegt, weil meine beiden Brüder auch Präsenzdiener waren, mir war gar nicht klar, dass man was anderes machen könnte. Ich war Kraftfahrer in Allensteig, Betriebsversorgungsstelle, privilegiert als Heimschläfer, sehr viel essen, sehr viel trinken, gemütlich haben. Ich habe während dieser Zeit fünfzehn Kilos zugenommen, also quasi allzeit bereit. Ich habe dann in Wien bei Leasingfirmen gearbeitet, bis ich mir dachte: „Veränderung!“ Ein Freund von mir hat eine Theatergruppe und hat bei einer Premierenfeier zu mir gesagt: „Probier’s doch auch“. Natürlich bin ich erst einmal kläglich gescheitert, aber einmal ist ja kein Mal. Mein Vater fragt mich übrigens erst seit Kurzem nicht mehr, ob es das ist, was ich „wirklich“ will, ob das „was Längerfristiges“ ist.

MM: Sie sind bei weitem nicht nur Komödiant, aber das doch intensiv. Die Elegiebürscherln waren nie Ihr Fach?

Frank: Hehe. Ich hab’ einmal den Ferdinand gespielt in „Kabale und Liebe“, das hätte mir schon auch getaugt, aber meinem Umfeld nicht so. Die Darstellung ist nicht aufgegangen, sagen wir’s so. Vielleicht war ich noch nicht soweit … Ich habe aber kein Problem damit, Komödiant zu sein. Mir fällt es manchmal auch schwer, keinen Blödsinn zu machen. Vielleicht sollte ich das auch einmal ausprobieren.

MM: Aber ist Komödiant nicht das härtere Brot? Dem Tragöden sitzt das Publikum in Leidenshaltung gegenüber, da ist keine Reaktion normal, aber, wenn man auf die Lacher wartet und sie kommen nicht?

Frank: Das ist hart, stimmt. Früher habe ich in den Zuschauerraum hineingehorcht, mittlerweile geht’s. Ich bin entgegen dem beliebten Bild von Komödianten jetzt privat nicht der große Depressive, also halte ich was aus. Es heißt noch lange nicht, nur weil ein Publikum einmal an einer Stelle nicht lacht, und man sich denkt „das gibt’s nicht“, dass eine Vorstellung nicht ankommt. Da darf man sich nicht verunsichern lassen. Die Susanne ist zum Glück eine Regisseurin, die einem genügend Bestätigung gibt. Das ist viel angenehmer, als wenn von der Regie gar nichts kommt und man sich denkt „war das jetzt …?“ Sie ist super. Sie lacht viel.

MM: Können Sie gut Witze erzählen?

Frank: Ja, wenn mir einer einfällt. Früher habe ich viele Witze gewusst, heute bin ich froh, wenn ich mir den Text merke. Ich mag absurden Humor, schräge Sachen, darüber kann ich lachen. Ich sehe gern Kollegen, große Schauspieler, die man aus ernsten Rollen kennt, wenn sie einmal Komödie machen. Das imponiert mir sehr.

MM: Was kann Komödie in den Köpfen, was das Drama nicht kann?

Frank: Befreien. Den Alltag vergessen machen, von den eigenen Sorgen ablenken. Das kann Drama, glaube ich, nicht so leicht. Da kommen zu den eigenen Problemen noch die der Bühnenfiguren dazu (er lacht).

MM: Komödie kann uns alle befreien. Das gefällt mir, das nehmen wir gleich als Titel, das ist so pamphletisch. Und was kann Nestroy im Speziellen?

Frank: Er ist – in Österreich – den Leuten noch näher. Ich glaube, er war auch so ein Wirtshausgeher wie ich, ein ganz normaler Typ. Er versteht die Leut’ und die Leut’ verstehen ihn. Deswegen erreicht er das Publikum schneller, leichter.

MM: Sie drehen derzeit auch „Vorstadtweiber“?

Frank: Zweite Staffel, Ausstrahlung 2016. Der Frank spielt aber nicht den Gefängnisdirektor, sondern einen Gefängniswärter. Eine oder einer der anderen wird eingekastelt, weil ein Schas passiert ist, und ich passe auf sie oder ihn auf.

MM: Der „Frosch“ bei den Vorstadtweibern.

Frank: Die Kaulquappe. Die Rolle ist so viel, wie es sich anhört: Immer, wenn was im Gefängnis spielt, renn’ ich auch einmal durchs Bild.

MM: Was mir schon die ganze Zeit ins Auge sticht: Sie tragen heute ein raffiniertes Teil – vorne Holzfällerhemd, das sich durch eine geschickte Körperdrehung in einen Hoodie verwandelt (siehe Bild, Anm.). Fashion Victim oder Geschenk?

Frank (empört): Selber gekauft. Ich bin unbewusst modebewusst. Ich stehe nicht stundenlang vor dem Spiegel, aber ich schaue schon gern was gleich. Ich hätte gerne einen Kostümbildner für mein Leben. Und noch lieber hab’ ich’s, wenn man Kostüme vom Theater abkaufen kann, wenn eine Produktion abgespielt ist. Daher kommen viele meiner Sachen. In Graz hat sich da im Laufe der Jahre einiges angesammelt.

MM: Da war am Volkstheater aber noch nicht viel los: einmal Trachtenanzug, einmal Windelhose.

Frank: Ja, mein Kleiderkasten raunzt schon.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 11. 2015