Salon5 im Metro Kinokulturhaus: La Pasada

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinobühnenschau über den Sturm, der sich Leben nennt

Erni Mangold und Flavio Schily Bild: Christoph Hochenbichler

Erni Mangold und Flavio Schily
Bild: Christoph Hochenbichler

Das Metro Kinokulturhaus atmet. Ein riesiger rotplüschiger Organismus, dessen Brustkorb sich senkt und hebt. Ausatmen – Vergangenheit, einatmen – Zukunft. Anna Polonis Text atmet mit, Stück und Aufführungsort als Zweitaktseele, Leinwand und Bühne ebenso. Regisseurin Anna Maria Krassnigg hat ihre Inszenierung von „La Pasada – Die Überfahrt“ vom Reichenauer Thalhof, ihrer frisch gedrechselten Wortwiege an der Rax, nach Wien gebracht. Hat es sorgsam eingehüllt, dieses Kleinod aus Spitzentuch und Seelenqual, und an der richtigen Stelle wieder enthüllt. Finster im Saal. Die Kinobühnenschau läuft. Bewegende Bilder. Auf der Leinwand eine Totenfeier, eine Banda spielt einen Trauermarsch; auf der Bühne eine Totenwache, die Verstorbene als Memento mori aufgebahrt, um sie Menschen versammelt. Ein Sturm hat sie hierher geweht. Ein Sturm, der sich Leben nennt.

Die Poetik der Bilder korrespondiert mit der Sprache des Dramas. Anna Poloni hat ein Spiel um Zeit und Raum geschrieben. Zeit vergeht, wird verspielt, will festgehalten werden und wird vergeudet. Lust- und leidvoll. Raum ist, wo das Meer die Menschen anspült, wo Berge einen festhalten. Zeit und Raum sind die Geliebten, die einen wie der Blitz spalten. Die Liebe ist lust- und leidvoll. In einer Lebensgeschichte verbirgt sich ein Familiengeheimnis, das Poloni Satz für Satz aufdeckt. Wie im Memory, das auf der Leinwand gespielt wird. „Vergangenheit – Möglichkeit, ich verwechsle das immer“, sagt eine Figur auf der Bühne. Dies gleichsam das Motto des Abends.

Erzählt wird von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar diese letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Pospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt. „Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf die, die nicht auftreten wird.

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Noch agiert dieser prägnante Schauspieler hauptberuflich als Schüler an einem Wiener Gymnasium, aber bald! Schily changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön. In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film in den Saal überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“, auf der Bühne, als auch Ari, Floras Liebhaber im Film, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, vollbärtiger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist. „Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze im Stück, sondern verweist auch auf dessen Dreisprachigkeit – Deutsch, Englisch, Spanisch. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die dem Publikum, das sie einmal in direkter Anrede anklagt, das happy end verwehrt. Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos.

Anna Maria Krassnigg hat mit diesem enigmatischen Stück, dessen Auflösung an dieser Stelle verweigert wird, die große Kunst der Kinobühnenschau auf beeindruckende Weise erneuert. Zwar ist das Metro nicht jener magische Ort zwischen mar y montana, den man in den Zuspielungen erkennt, doch bleibt er als Parfüm, unterstützt durch das Bühnenbild von Lydia Hofmann und die subtil eingesetzte Musik von Christian Mair. Im Gesamten kreiert sich hier aus der literarischen Sehnsucht des weiten Landes Floras „kaltes Land“. Auch das Metro kann Melancholie. Und wie. Das Metro atmet … dem Publikum stockt vor dem Applaus der Atem kurz. Der Kopf muss erst zurückkommen, von den vielen zur Verwirrung ausgelegten Fährten. Dann Bravo und Blumen. Als Spielfilm ist „La Pasada“ ab dem Frühjahr 2016 in den heimischen Kinos zu sehen. Der von Anna Maria Krassnigg und Christian Mair produzierte Film wird maßgeblich durch Crowd-Funding finanziert. Man darf gespannt sein.

Trailer: vimeo.com/144214612

salon5.at

Wien, 18. 11. 2015