Armes Theater Wien: Nach dem Ende

November 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Gewalt noch mehr Gewalt erzeugt

Krista Pauer, Oliver Arno Bild: Martin Hauser

Krista Pauer, Oliver Arno
Bild: Martin Hauser

Terroristen haben eine Kofferatombombe gezündet. Ein Mann rettet eine bewusstlose Frau aus Trümmern und Toten in seinen Bunker. Dort entspinnt sich ein Zweikampf um gesellschaftliche Grundwerte und menschliche Grundrechte. Die Spirale dreht sich. Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt. Das Arme Theater Wien zeigt im WUK Projektraum Dennis Kellys „Nach dem Ende“.

Regisseur Erhard Pauer inszeniert ganz im Sinne des Autors. Er macht aus dem Beziehungskrieg einen größeren, ein Abbild der Welt im Krieg gegen den Terror. Er thematisiert ein Ausgeliefertsein denen gegenüber, die nur das beste von einem und für einen wollen. Also entweder Kopf ab. Oder in die Köpfe rein. Er thematisiert Spitzelwesen und Kontrollwut. Wie Ausgrenzung zu Täterschaft führt. Und was aus dem Opfer wird, wenn es sich radikalisiert. „Es ist leicht eine Meinung zu haben, wenn niemand sie auf den Prüfstand stellt“, heißt es im Text. Und, dass Zorn nichts ändert an richtig oder falsch. Zu zerstören ist nur, wer sich einschüchtern lässt.

Kelly und Pauer sind durchtriebene Zersetzer von Gewissheiten. Alles ist anders, als man anfänglich glauben will. Und dann nochmals und nochmals anders. Vor allem den anscheinend hehren Motiven der Bühnenfiguren darf man jeweils gründlich misstrauen. Macht- und Ohnmachtsverhältnisse kehren sich um und um. Damit spielt dieses Kammerspiel.

Oliver Arno ist der rettende Mark. Anfangs ganz unauffälliger, freundlicher Nachbar. Eigentlich der Bürokollege. Doch schon seine schwelgerisch poetischen Sprachbilder von den verkohlten Leichen „draußen“ machen stutzig. Ist wirklich was passiert? Mark entpuppt sich als Außenseiter mit seltsamen Ansichten, tagsüber deswegen ein Mobbingopfer, nachts ein Stalker. Arno spielt diesen Jekyll & Hyde mit der gebotenen Ambivalenz. Er schwankt zwischen Allmachtsfantasien und Depression, flüchtet sich nach einer Aggressionsattacke winselnd in den Schoss der Frau. Immer wieder hat man Mitleid mit diesem ewigen Verlierer im Gesellschaftspiel, bis er dann erneut … Arnos Mark ist ein Raubtier auf der Lauer. Er wird seinem Opfer schließlich die Nahrung verweigern, weil es ihm nicht zu Willen ist. Da hat sich der äussere Terror längst in einen inneren verkehrt, die Inbesitznahme einer Person durch eine andere – bis hin zur Vergewaltigung. Erhard Pauer zeigt die Figuren so nackt und bloß, wie es auch die bis auf ein paar Versatzstücke leergefegte Bühne ist. Schutzlos im Schutzraum. Zu Kellern ist die Beziehung in Österreich ja prinzipiell eine eigene.

Krista Pauer spielt Louise mit losem Mundwerk. In Gefangenschaft ist sie die emotional Überlegene. Sie lockt und faucht, provoziert und beschwichtigt. Sie reitet ihre Angriffe mit vollem Körpereinsatz, zunehmend genervt über diesen Alles-Ausdiskutierer. Und wie sie den Verrückten in den Wahnsinn treibt. Es kommt zu Eskalation und Verletzungen. Schicht für Schicht legen sich die Charaktere frei, mit großer Glaubwürdigkeit werfen sich die Darsteller in dieses Dialoggemetzel. Pauer ist wie immer wahrhaftig, „echt“, sie holt die Politparabel ins schmerzhaft Private, sie umhüllt Kellys Behauptungen mit Psychologie wie der zuckende Muskel den Knochen – am Ende, wenn es Spitz auf Knopf, das heißt: Fleischhammer gegen Tranchiermesser steht. Kelly wirft Fragen auf, die Pauer Vater und Tochter geschickt weiterreichen. Das Publikum muss seine Fragen dazu stellen, denn für Antworten gäbe es wohl den Friedensnobelpreis. „Nach dem Ende“ ist ein Stück zum Ungeist der Zeit.

„Nach dem Ende“ läuft Krista Pauer zur Hochform auf. Wenn sie den mittlerweile wieder moderaten Mark im Gefängnis besucht und in grausig heiterem Ton erzählt, dass sie nun ihrerseits ein schwächeres Wesen zum Aus-dem-Leben bringen gefunden hat. Wie im Selbstgespräch erklärt sie, warum sie gekommen ist: „Ich gehe hin und bitte ihn, sich umzubringen.“ Gespenstisch ist das: der Hyde-Blick hat den Besitzer gewechselt. Die Kette, an der die Grausamkeit hängt, ist endlos, diese Welt ein Irrenhaus. Es entspinnt sich ein Zweikampf um gesellschaftliche Grundwerte und menschliche Grundrechte. Die Spirale dreht sich. Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt. Beschädigungen bleiben. Lousie sagt: „Ich versuche rauszukriegen, wie ich vorher war, und spiele das dann.“

Zu sehen bis 20. November.

www.armestheaterwien.at

Wien, 16. 11. 2015