Thomas Maurer: Der Tolerator

November 13, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Argumentieren an den Außengrenzen der Logik

Thomas Maurer Bild: © Ingo Pertramer

Thomas Maurer
Bild: © Ingo Pertramer

Geh, bitte. Er weiß es eh. Dass Toleranz von lat. „tolerare“ kommt. Diese Belehrung hat er in den vergangenen Monaten oft genug erdulden müssen. Und daher längst akzeptiert, dass zwischen billigen und einwilligen der Grat ein schmaler ist 😉 „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“. Das ist von Goethe. Nur weil er ihn so gern zitiert 😉 😉 😉

Toleranz kann man fordern, an sie appellieren, mit der Caritas sogar tanzen, oder sie, wie Thomas Maurer jetzt im Stadtsaal, durchdeklinieren. In seinem neuen, großartigen Programm „Der Tolerator“ begibt sich der Kabarettist an die Außengrenzen der Logik, um über dortige geistige Grenzzäune zu blicken. Toleranz ist nicht immer schön. Ergo wird das für Einverständnisse aller Art unverständige Naturtalent auf eine harte Probe gestellt. Toleranz dient ja meist nur zur Selbstbefriedigung des guten Gewissens, also kann man sich bei dieser Übung durchaus auf eine interessante Art unwohl fühlen 😉 Nimmst du die Finger da weg, böser Bub!

Aber einen Thomas Maurer kann nichts erschrecken, einer muss in Europa schließlich auch in den Ecken wischen, und so führt ihn seine Pflanzodyssee von der Politik zur Religion, überall dorthin halt, wo der rechte Glaube herrscht, und zu camembertintolerantem Barrique-Ausbau 😉 Nicht jeder kann ein Gourmet-Führer sein. Da tun sich die weltanschaulichen leichter, da geht’s nicht um so große Fragen wie halbtrockener Riesling oder süffiger Spätburgunder, da reichen einfache Parolen für simple Gehirne, und wer gar nix im Kopf hat, schneidet anderen den ihren ab. In der Pause lässt Maurer Hasspostings über eine Leinwand laufen. Eau de Strache 🙁 🙁  Nichts ist schwerer, als den gelten zu lassen, der andere nicht gelten läßt. Nichts ist schlimmer, als wenn sich Präpotenz mit Blödheit paart. Womit die Diskussion beim Toleranzwert, also der Beziehung zwischen einem Umweltfaktor und der Möglichkeit zur Existenz eines Organismus, angelangt wäre: Toleranz als Bequemlichkeitsformel, die der Dummheit zum leichten Aufstieg aufs Siegertreppchen verhilft. Hierfür sollte eine Wurschtigkeitsgrenzkontrolle eingeführt werden 😉 🙁 Aber schon ohne Stacheldraht. Weil Stacheldraht, das ist so Jedem das seine. Toleranz wird halt durch den Horizont begrenzt.

Maurer beweist sich als Kernkompetenzler in Sachen Konfliktkultur. So wie’s war, muss es wieder werden. Wie in der Brigittenauer Pubertät, wo man der depperten Sau von nebenan per direkter Wortwahl beigebracht hat, dass sie eine ebensolche ist. Schluss mit der Verbaljonglage wie mit rohen Eiern, der wienerische g’feudeparadeiser-rote Witz muss wieder her 😉 Weil, man muss es einsehen, Satire ist leider nur was für Connaisseurs. Und die Ins-Internet-Speiber holt nicht einmal die Datenstasi ab. Oba ins Facebook schreiben’s … Da kannst du nichts mehr argumentieren. Schon wieder Echo eines Phrasenschwalls. Nie wieder Widerhall des toten Widerhalls. G’scheit g’feanzt ist das, der Kabarettist ein Herr Karl, der mit der österreichischen Befindlichkeit zeitreist. Gaslicht – Hitler – Vollbeschäftigung. Mir haben ja nix g’habt 🙁 🙁 🙁 Was hamma jetzt davon? Die Körperhaltung ist von oben nach unten. Und die Geisteshaltung sowieso. Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen.

In diesem Sinne wünscht man sich mit Thomas Maurer ein freundliches Nebeneinander und die Geduld, die auszuhalten, die man nicht aushält. Man muss dankbar sein für alles, was sich friedlich ignorieren lässt, bis man’s tolerieren kann 😉 Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie dieser da. Aber in meiner großen Güte dulde ich ihn neben mir 😉 Maurer muss ungefähr Österreichs einziger Kabarettist sein, der kein Musikant ist. Er kann’s gern versuchen, so we-shall-overcome-mäßig, aber besser wär‘ bleiben lassen. Das ist jetzt nicht penetranttolerant, sondern ein Appell an die Vernunft. Diese übrigens ein Kind der Aufklärung. Zum Schluss noch einer für die Bildungswutbürger: „Laß‘ dem anderen die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, laß‘ ihm die Zeit, die Welt aus seiner Sicht zu sehen“ – Dschalal ad-Din Muhammad Rumi. Geht’s mit den Emojicons? 😉 😉 😉

www.thomasmaurer.at

www.stadtsaal.com

Wien, 13. 11. 2015