Dominic Oley im Gespräch

November 10, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Komödie ist eine ernsthafte Sportart“

Dominic Oley als "Der Gockel", mit Michael Dangl, Susanna Wiegand, Pauline Knof, Roman Schmelzer, Siegfried Walther, Alexandra Krismer, Martin Zauner und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl

Dominic Oley als „Der Gockel“, mit Michael Dangl, Susanna Wiegand, Pauline Knof, Roman Schmelzer, Siegfried Walther, Alexandra Krismer, Martin Zauner und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl

Er ist Autor, Regisseur, Schauspieler, und als solcher ab 19. November als Feydeaus Schwerenöter Pontagnac in dessen Farce „Der Gockel“ zu sehen; über den Inhalt der turbulenten Komödie erzählt er gleich selbst. Josef E. Köpplinger führt Regie. Dominic Oley im Gespräch:

MM: Feydeaus Farce „Der Gockel“ ist der Inbegriff von KlippKlapp. Was reizt Sie daran?

Dominic Oley: Die Verknüpfung von Sprache und Tempo, die komödiantische Situation und Feydeaus exakte Figurenzeichnung. Ich bin der Sprache sehr zugeneigt, und auch der beschleunigten Sprache, da kommen also Dinge zusammen, die ich mag. Feydeau versteht sich großartig auf komödiantische Mechanik und die Jelinek tat das ihre dazu, den Text scharf und knapp zu übersetzen. Das macht große Freude. „Der Gockel“ hat einen Humor, der weniger authentisch ist, als die Sache mit einem Augenzwinkern versieht. Diese Komödie ist eine ernsthafte Sportart.

MM: Was etwas ist, dass Ihnen entgegen kommt. Ihre eigenen Texte sind ähnlich.

Oley: Genau, die ähneln dieser Temperatur und dieser Verrücktheit, der Assoziation, dass man eine psychologische Situation hat, die in irgendeiner Weise vor dem Zuschauer gerechtfertigt ist, aber, dass die Sprache selber auch auf sich aufmerksam macht und für sich selber steht. Das ist das Tollste, wenn man von sich absehen kann, weil daneben etwas anderes etwas ganz anderes macht. Der Zuschauer hat dann sozusagen die dritte Sicht darauf, einen dritten Blickwinkel, um die Irrtümer zu erkennen, die man als Spieler gerade nicht erkennt. Ich bin außerdem ein großer Freund von Humor, weil ich glaube, dass er unsere letzte Rettung ist.

MM: Welcher Art von Humor?

Oley: Kein zynischer, ein spartenübergreifender. Oft hat man im Leben damit zu tun, dass einen ein Zustand der lethargischen Reflexion überkommt, ein gewisser mühsamer Müßiggang, dann ist es immer schön, wenn man von sich selber absieht und versucht, lustige assoziative Querverweise zu schaffen, mit der Sprache spazieren zu gehen. Heißt: Wenn ich mich mit der Sprache als Subjekt ausdrücke, dass ich mich im gleichen Atemzug völlig lächerlich machen kann. Das ist eine schöne und auch befreiende Art von Erkenntnis.

MM: Apropos, Sport: Die Handlung vom „Gockel“ ist kurz kaum erklärbar, darum spiele ich den Ball an Sie weiter.

Oley: Wir befinden uns in einer bürgerlichen Gesellschaft, die in den 1960er-Jahren angesiedelt ist, weil diese Zeit das letzte Äquivalent einer bürgerlichen Ordnung ist, die mit der Zeit Feydeaus korrespondiert. Wir befinden uns also vor der sexuellen Revolution, wo man unter verborgener Hand sein sexuelles Begehren bedienen musste, wo es eine Moralvorstellung gibt, gegen die es Spaß macht, sich aufzulehnen: das katholizistische Gebot der Enthaltsamkeit, das Sakrament der Ehe. Es gibt drei Paare, die sich gegenseitig betrügen, und am Ende in die bürgerliche Mechanik zurückfallen. Denn eigentlich ist keiner seinem Begehren bis zum endgültigen Betrug nachgegangen. Es wird immer damit gehandelt, dass es so weit kommen wird, aber es ist viel Lärm um nichts. Bis auf eine Figur, meine, die nicht in den Schoß der bürgerlichen Wärme zurückfindet.

MM: Alle wollen, keiner kann.

Oley: Keiner kommt dazu. Das wird schön deutlich im zweiten Akt, wo sich im Hotel alle um das Bett, das Symbol für Sex schlechthin, rotten, ohne, dass etwas passiert. Es ist ein ständiger Interruptus, dauernd wird man von irgendeiner Figur unterbrochen, die aus irgendeinem Schrank auftaucht. Die Probleme verwickeln sich mehr und mehr, werden immer größer statt kleiner, und wo man sich anfangs noch rausreden hätte können, steht man bald vor einem unlösbaren Konstrukt. Nur meine Figur kann das noch, sich rausreden, aber es wird dann auch ihm nicht mehr gewährt.

MM: Wie ist Ihr Pontagnac? Feydeau-Figuren sind scherenschnittartig. Wie füllt man sie mit Menschlichkeit?

Oley: Indem man einen erfindet, der maßlos seiner Begehrenstechnologie unterliegt, weil er offenbar eine Profilneurose hat. Er ist möglicherweise kein guter Monogamist, für die Ehe sind ihm der Sprit und der Einfallsreichtum ausgegangen. Daher verstrickt er sich lieber in Liaisons, er ist ein Begehrens-Süchtiger, ein Ge-Triebener, der am Ende dafür die Rechnung bekommt.

MM: Ein Jäger und Sammler.

Oley: Ein charmanter, obwohl es mehr heiße Luft ist. Die Jelinek schafft es in einer Form, alle zu Jägern und Sammlern zu machen, auch die Frauen, was aus älteren Übersetzungen so nicht rauszulesen ist. Hier beteiligen sich alle an diesem Spiel, ein Begehren zu haben, es vor der Moral zu verleugnen, dann das Verbot zu übertreten, um schließlich den Schwanz einzuziehen oder durch einen äußeren Zustand gerettet zu werden.

MM: Regie führt Josef E. Köpplinger, der Ihnen am Klagenfurter Stadttheater Ihr erstes Engagement in Österreich gab, weil Regisseurin Stephanie Mohr Sie für ihre „Räuber“-Inszenierung als Spiegelberg vorschlug, für Ihre Arbeit an der Josefstadt waren Sie schon Nestroypreis-nominiert. Waren diese glücklichen Kombinationen mit ein Grund, die Rolle zu übernehmen?

Oley: Ja, ich bin sehr beschenkt und sehr erfreut, dass diese Anfrage kam. Josef ist ein praktischer, positiver Regisseur, was der Komödie sehr zu gute kommt. Da habe ich nicht lange gezögert. Wir gehen sehr vom Arrangement aus, Josef hat eine wohl überlegte „Partitur“ für die Körper geschaffen, das ist eine ernsthafte, anstrengende und schöne Arbeit, diese mit Fleisch und Herzblut zu befüllen. In der Josefstadt nimmt’s für mich gerade eine schöne Kurve, weil „Der Gockel“ wieder eine andere Art Aufgabe ist, als ich in „Der Boxer“ (nächste Vorstellung: 11. November, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581, Anm.) habe, oder in „Speed“ oder im „Fall Jägerstätter“ – alles drei ebenfalls Inszenierungen von Stephanie Mohr, die mich ans Haus mitnahm – schon hatte. Hier passiert eine ganz andere Figur in einem anderem Kontext. Ich bin ja auch in der „Off“- und „On“-Szene unterwegs, das eine befruchtet das andere in einer schönen Form. Ich hinterfrage lieber nicht, warum das so ist, damit das System sich ungefragt aufrecht erhält. Ich lebe in luxuriösen Arbeitsverhältnissen – lieber nicht dran rühren! Die darstellende Kunst ist eine Gemeinschaftsarbeit, da verbinden sich Menschen zu einem Miteinander, und je mehr man das zulässt, umso erbaulicher wird es.

MM: Sie sind auch allein miteinander. Wie geht der Autor Oley mit dem Regisseur Oley um, und, weil Sie sich ja auch selbst inszenieren, wie der Schauspieler Oley, wenn er auf einen anderen Regisseur trifft?

Oley (er lacht): Ich bin sozusagen ein selbstinszenierender Selbstinszenierer. Der Autor in mir ist verschwiegen, der sagt immer: Ja, macht doch so, das ist doch ganz klar! Er versteckt seine Motive vor dem Regisseur, was dem wiederum Schwierigkeiten bereitet, den Schauspielern in einer logischen Weise zu sagen, was sie tun sollen. Die Schauspieler sagen zu mir oft: Du erklärst uns den Oley die ganze Zeit mit dem Oley. Das ist ein lustiger Widerstand, der manchmal entsteht. Der Oley-Autor liefert, glaube ich, Gebrauchsmaterial ab …

MM: Da gehört er aber zu den menschlich großen Dramatikern, wenn er sich weder laut einmischt, noch still leidet.

Oley: … vielleicht der größte Mensch in mir. Er ist aber auch fein raus, er sitzt im stillen Kämmerlein, wenn die anderen vor den Vorhang treten. Man kann sich ja auch irren, als Autor, als Regisseur, als Schauspieler, es kann immer sein, dass einer von denen falsch liegt – und für das Publikum muss offen bleiben, wer. Das ist meine Spielmünze, meine Währung. So habe ich das auch gelernt, wenn ich mit anderen Regisseuren arbeite: Dass einerseits der Schauspieler nicht immer recht hat, andererseits der Regisseur von unten oft mehr sieht, als der Mensch oben. Beim Schauspieler ist das eigene Befinden immer das wichtigste, er argumentiert im schlimmsten Fall immer aus den Tiefen seiner Befindlichkeit heraus, und das wird unerträglich. Da muss man lernen auf eine andere Meinung zu vertrauen und dem Regisseur das Feld zu überlassen, also will sagen: Seit ich selber den Schritt nach unten getan habe, habe ich viel an Vertrauen und Verständnis für die Position des Regisseurs gewonnen. Eine Verständniserkenntnis, genau.

MM: Wenn Sie Stoffe suchen, was suchen Sie da?

Oley: Ich habe kein Suchformat. Am ehesten lässt sich sagen, ich suche das Komische, den Humor im Tragischen, den Witz im Pathetischen …

MM: Wie Ihre Stücke „Kissing Mr. Christo“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7839), „King Liar“ oder „Plotting Psycho“ belegen.

Oley: Ich will im Drama den Kontrapunkt finden, die Leichtigkeit im Schwerwiegenden. Wenn etwas nur eine Farbe hat, dann wird es schwierig mit dem Erkennen. Ich suche Dialektik. Man muss als ernsthafter Anwalt auch das Drama der Komödienfigur ernst nehmen. Denn das Publikum lacht ja über eine Situation, die für die Figur in diesem Moment gar nicht lustig ist. Ich liebe diese einschließende materialistische Vereinbarung, dass ein Zuschauer da ist, als ein Mitspieler, der die Verantwortung trägt, Bewerter und Vervollkommner zu sein, der Schiedsrichter im Spiel zu sein. Der Zuschauer ist unser entscheidenster Mitarbeiter.

MM: Was suchen Sie gerade?

Oley: Im Sinne von: was kommt? Langsam bin ich wieder bereit, etwas zu schreiben, und könnte mir auch vorstellen zu inszenieren, gerne auch Dreharbeiten zu beginnen? Aber ich bin gerade in konditioneller Aufmerksamkeit, die „Gockel“-Proben füllen mich sehr aus.

MM: Kommt das von konditioniert?

Oley: Von konditioniert und Kondition – irgendwas dazwischen. Neben den Proben bin ich den griechischen Sagen zugewandt und finde sie ein sehr erfreuliches Referenzmaterial. Diese verdammten Griechen sind verdammt humorvoll. Und sehr assoziativ. Da ist alles drin, was man braucht, Sex, göttliche Gewalt, Drogen und viel Erfindungsreichtum. Da wird es vielleicht eine Art Vereinbarung geben: Die griechische Mythologie in 90 Minuten, so etwas in der Art.

MM: Sie sind auch Musiker, nur in Wien waren Sie’s noch nicht. Ein Grund dafür?

Oley: Es hat sich noch nicht ergeben. Aber ich würde durchaus gerne Musiktheater machen. In Essen hatte ich am Theater eine zehnköpfige Band, eine Mini-Big-Band, da konnte ich die Mitspieler mit Freundschaft knechten, weil ich nichts bezahlen konnte …

MM: Das heißt: Sie suchen in Wien Knechte.

Oley: Ich will mir musikalische Freunde ranlocken! Das nötige Handgeld fehlt mir nämlich immer noch. Oder wir kriegen auf Geburtstagsfesten etc. gute Gagen.

MM: Ihr Vorbild diesbezüglich ist Frank Sinatra?

Oley: Der Gipfel der Souveränität. Man könnte sagen, er ist ein gestriger alter Herr, aber ich finde ihn großartig, die musikalische Literatur seiner Zeit, die Dekadenz. Es mag manchmal etwas machistisch daher kommen, aber es ist so schön authentisch-unauthentisch. Es ist nicht diese komische Aufforderung, alles von innen nach außen zu stülpen, die heute vorherrscht, die ich als authentisch bezeichnen würde. Wo sich jedermann permanent bis auf die DNA entäußert, mit Selfies und Postings und was weiß ich. Wir werden dauernd aufgefordert unsere innersten Bedürfnisse zu verkaufen, und durch diesen Identitätsverlust keinen Rückhalt mehr zu haben. Wir sind in dieser Verkaufsflächenzeit alle nervös, weil superoptimiert. Eine nervtötende Angewohnheit der Postmoderne. Sinatra, oder diese Art von musikalischem Interpretieren, steht beruhigend und gut und elegant gekleidet daneben als Inbegriff zurückhaltender Eleganz. Er erzählt seine Geschichte, ohne, dass er sich wie ein Verrückter auf den Boden schmeißt. Er kann eine elegante Verbindung zu seinem Herzen herstellen.

MM: Ist  Ihr Pontagnac ein wenig Sinatra?

Oley: Er rutscht in einer großen Spur auf der Souveränität aus. Die Anfangspose ist kurz mal Sinatra, aber dann hat ihm jemand Seife hingekippt und ab geht’s.

MM: Klingt, als wäre Ihre Rolle auch mit Stuntaufgaben verbunden.

Oley: Es wird mir innerhalb von sehr kurzer Zeit sehr heiß in diesem Stück. Es wird sehr rasant werden.

MM: Was wünschen Sie dem Publikum?

Oley: Eine unterhaltsame und schadenfrohe Zeit. Viele erheiternde Momente. Und, dass sie auch ein bisschen Mitleid haben mit den getriebenen Seelen da oben.

www.dominicoley.de

www.josefstadt.org

Wien, 10. 11. 2015