Kunsthalle Krems: Jorinde Voigt

November 9, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ihre Bilder nennt die Cellospielerin „Partituren“

Jorinde Voigt: 4 Views, Japanese Erotic Art, 17th–19th Century (30), „Scenes of Lovemaking (1680’s)“, 2012 Bild: Courtesy Jorinde Voigt © Bildrecht, Wien, 2015

Jorinde Voigt: 4 Views, Japanese Erotic Art, 17th–19th Century (30), „Scenes of Lovemaking (1680’s)“, 2012
Bild: Courtesy Jorinde Voigt © Bildrecht, Wien, 2015

Ordnung und Zufall, Akribie und Impulsivität, zeichnerischer Exzess und grafische Reduktion sind nur einige Pole, die den Charakter der komplexen, großformatigen Zeichnungen der 1977 geborenen deutschen Künstlerin Jorinde Voigt bestimmen. In der Kunsthalle Krems zeigt ab 14. November die bisher größte Einzelausstellung der Künstlerin in Österreich, wie es Jorinde Voigt mit jeder ihrer Arbeiten gelingt, eine Polyphonie unterschiedlichster Wahrnehmungsweisen der Realität zu erzeugen. In den ersten Jahren ihres künstlerischen Schaffens beschäftigte sich Voigt vorwiegend mit dem Sichtbarmachen naturwissenschaftlicher und kultureller Phänomene. In ihren aktuellen Werken geht es weniger um äußere Prozesse, als mehr um innere Bilder und Vorstellungswelten. Sie experimentiert innerhalb ihres umfangreichen Werkes mit Arbeitsweisen und Materialien, die sie kontinuierlich variiert, kombiniert und weiterentwickelt.

In den dynamischen Strichfolgen, turbulenten Linienschwüngen, diagrammatischen Strukturen, Zahlen, Wortfragmenten und collagierten Farbflächen ihrer Zeichnungen – die die passionierte Cellospielerin als „Partituren“ oder „Notationen“ bezeichnet; „meine Arbeit ist wie Musik,“ sagt sie – verdichten sich unterschiedlichste Elemente. Popsongs oder klassische Musikstücke, Temperaturverläufe, Windrichtungen und Lichtbögen werden wie akustische Impulse und Blickwinkel bis hin zu Farbwerten einzelner Pflanzen und Inhalte philosophischer Texte einer Analyse unterzogen. „Was für andere Farbe ist, ist für mich Material“, fasst die Künstlerin dieses Grundprinzip ihrer Arbeit zusammen, in der sie auf Elemente zurückgreift, die, so Voigt, „gesellschaftlichen Symbolcharakter haben oder bestimmend für die Beschreibung der Zivilisation sind“. Indem sie diese symbolträchtigen Stücke in auf Rhythmen, Bewegungen und dem Fluss der Zeit basierende Strukturen überführt, ermöglicht sie den Betrachtern einen ungeahnten Blick auf eine vielschichtige Realität. Voigt: „Ich finde es aufregend, den Betrachter aufzufordern, etwas auf eine andere Weise zu sehen, auf zehn verschiedene Weisen zu sehen“.

Gleichzeitig sind Voigts abstrakte Zeichnungen nicht nur Spiegel einer in stetiger Veränderung begriffenen Umwelt, sie geben auch Einblick in den persönlichen Denk- und Vorstellungsraum der Künstlerin. Nicht zuletzt dienen sie der Erforschung intimer zwischenmenschlicher Beziehungsgeflechte, Emotionen und Empfindungen. Dieser Aspekt ihrer Arbeit lässt sich von der frühen Serie „2 küssen sich“ (2006) bis hin zu ihren aktuellsten Werken nachverfolgen. In letzteren dienen philosophische Texte wie „Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität“ von Niklas Luhmann als Auslöser innerer Bildwelten und Assoziationsräume, welche von Voigt in eine typische subtile Matrix eingeordnet werden, was natürlich, so die Künstlerin, „alles ein Experiment ist, bei meiner Arbeit bin ich immer am Entdecken.“

Über die Künstlerin:

Jorinde Voigt  ist eine deutsche Künstlerin, die mit den Medien Zeichnung, Schrift, Malerei und Installation arbeitet. Sie ist seit 2014 Professorin für konzeptuelle Zeichnung und Malerei an der Akademie der Bildenden Künste München.  Voigt ist in zahlreichen Galerien, Museen sowie privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten. Dazu gehören das Centre Popidou Paris, das Museum of Modern Art New York, das Art Institute of Chicago, das Kupferstichkabinett Berlin oder die Hamburger Kunsthalle. 2008 wurde Jorinde Voigt mit dem Otto-Dix-Preis der Stadt Gera ausgezeichnet. 2012 erhielt sie den Daniel & Florence Guerlain Contemporary Drawing Prize.

www.kunsthalle.at

jorindevoigt.com

Wien, 10. 11. 2015