Beasts of No Nation

November 9, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod hat ein Kindergesicht

"Commandante" Idris Elba und seine Armee Bild: Netflix

„Commandante“ Idris Elba und seine Armee
Bild: Netflix

Es gibt dieses 15-minütige Gemetzel. Da ist Agu schon unter Drogen gesetzt und setzt die Machete ein, wie’s und wo’s geht. Köpfe fliegen und Hände, und die Röcke von Frauen bei den Vergewaltigungen. Regisseur Cary Fukunaga rechtfertigt die gezeigten Grausamkeiten mit der Feststellung, der Krieg sei grausamer als jeder Film über den Krieg. Die Message hätte dieses Gemetzel nicht gebraucht, man versteht schon. Aber die erste große Filmproduktion des Onlineanbieters Netflix will auf Hollywood machen. Irgendwo zwischen „Inglourious Basterds“ und „Gesichter des Todes“. Hier hat der Tod ein Kindergesicht. Doch subtile Analyse einer Situation geht anders. Schlimmer noch als die fortschreitende Entmenschlichung auf der Leinwand ist die des Betrachters. Beim x-ten abgehackten Irgendwas entwickelt sich gegenüber den geschändeten Plastikkörperteilen eine gewisse Abgestumpftheit. So einschleichend sollte Verrohung auch wieder nicht sein.

„Beasts of No Nation“ ist ein Film über Kindersoldaten in Afrika. Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO gibt es derzeit etwa 20.000 kämpfende Kinder im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Olara Ottuno, der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen. „Beasts of No Nation“ ist ein wichtiger Film. Er basiert auf dem 2005 erschienen Debütroman von Uzodinma Iweala mit dem Titel „Du sollst Bestie sein!“ Der erschütternde Text ist eine Zusammenfassung von Schilderungen real gewesener Kindersoldaten, die Iweala „verstehen, nicht entschuldigen“ will. Das Buch ist in bestialischem Sinne sinnlich, es reflektiert nicht, sondern zieht hinein, es macht den Leser zum unmittelbaren Teilnehmer am, statt zum Zuschauer beim Kriegsgeschehen. Vergleiche mit Erich Maria Remarque und Céline mögen bemüht sein, aber nicht allzu weit hergeholt. Dem Guardian fiel bei der Rezension auf, dass das Wort „Hoffnung“ im gesamten Text nur drei Mal vorkommt: Im Motto, einem Zitat aus Rimbauds „Une saison en enfer“, in dem der Ich-Erzähler endlich alle Hoffnung aufgegeben hat, und als Spitzname eines Buben, der bei seiner zweiten Nennung allerdings schon tot ist. Er war der beste Freund, im Wortsinn Bluts-Bruder von Agu.

Derlei anderen Zwischenton trifft der Film nicht. „True Detective“-Macher Fukunaga weiß offenbar, was die Filmwelt will: Afrika als ihre offene Wunde sehen, damit man weiter unentschlossen sein kann, ob der Schwarze an sich nun mehr Mensch oder Tier ist. In Afrika nichts Neues. Die Welt stellt sich nur einmal ein. Als „Commandante“ Idris Elba seine Entlohnung für Tötungen im Namen der NDF abholen will, muss er warten, weil vor ihm ein dicklicher Anzugtyp dran ist, der sich nervös an seinen schwarzen Koffer klammert. Ein kurzer Blickwechsel ist die Moral von der Geschichte. Warum über die Einflussnahme des Westens (und mit China auch der des Ostens) in Afrika, über die zweite Kolonisation des schwarzen Kontinents, philosophieren, wenn ums Eck vielleicht ein Oscar wartet (um sich dafür zu qualifizieren startete „Beasts of No Nation“ in den USA auch in ausgesuchten Kinos, wo er mit einem Rekordminus von nur 50.000 Dollar Einnahmen am Startwochenende aber unterging)? Warum klarmachen, dass „Beasts of No Nation“ von uns handelt, von denen die gute Grenzzäune bauen und schlechte Schiffe, um ihre „Festung Europa“ zu sichern? Ursachenuntersuchung ist ein anderer Film. Und mit dem Oscar liebäugelt das Ganze doch sehr auffällig. Etwa auch, wenn Agu-Darsteller Abraham Attah mit gebrochener Kinderstimme aus dem Off Dinge kommentiert, die sich längst erschlossen haben. Oder, wenn am Schluss der Hollywood’sche Silberstreif am Horizon auftaucht – so viel Traumfabrik muss sein! Hier setzt auch der Film an: Zu Beginn verkauft Agu einem Friedenssoldaten ein leeres Fernsehapparatgehäuse. „Das ist ein Fernseher der Vorstellungskraft“, sagt er. Der Soldat lacht und zahlt. Auch er will statt der Wirklichkeit nun sehen, was er wirklich will.

Agu, Darstellerentdeckung Abraham Attah wurde in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet, flieht in den Dschungel nachdem seine Familie abgeschlachtet wurde. Die Terrormiliz des Commandante greift ihn halbverhungert auf, Agu ergibt sich den Umständen. Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Sie suchen Schutz, hoffen, ihre Existenz zu sichern, wollen soziale Anerkennung und möglicherweise ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil ein Feind Angehörige ermordet hat. „Sie zu töten war nicht schwer“, sagte der damals 15-jährige Sylvère in weltweiten Interviews, nachdem er von der UNO aus den Fängen der burundischen Hutu-Rebellenorganisation FNL befreit wurde. „Wer hat dieses Ding hierher gebracht?“, fragt der Commandante. Und man weiß nicht, ob das „Ding“ Agu ist oder der ganze Krieg. Idris Elba spielt den Anführer mit der lässigen Eleganz eines Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine. Eine Darstellung, die wie auch immer innere Kämpfe von vornherein ausschließt.

„Beasts of No Nation“ ist ein viel diskutierter Film, allerdings wird nicht über Form und Inhalt gestritten, sondern ob Netflix den Lichtspielhäusern den Garaus macht. Das ist schade, weil er trotz Schielen auf Applaus und Auszeichnungen einen starken Eindruck hinterlässt. Wenngleich die Dramaturgie keine Überraschungen bereithält, und Farb-, Licht- und Schattenspiele einen mitunter mehr erschlagen als die bedrückende Handlung, so machen die Performances der beiden Hauptdarsteller das allemal gut. Dem Manöver Fukunagas keinen realhistorischen Konflikt zeigen zu wollen, kann man dadurch begegnen, sich die Doku „Lost Children“ von Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz über die ugandische Lord’s Resistance Army anzusehen, die das Leid der Betroffenen darstellt, ohne es zur Schau zu stellen. Oder man hört Sylvères müde Stimme im O-Ton:  „Wir hatten den Soldaten der Regierungstruppen gefangen genommen. Vier Männer hielten ihn am Boden fest. Dann drückten sie mir das Messer in die Hand und sagten: Jetzt bist du dran! Ich sagte: Ich kann das nicht! – Töte ihn, oder wir töten dich, sagten meine Männer. Sie hielten Kalaschnikows im Anschlag. Da habe ich zugestochen. Er starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an und schrie um Gnade. Aber ich rammte ihm das Messer ins Herz. Das war mein erster Toter.“

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Wien, 9. 11. 2015