Schauspielhaus Wien: Möglicherweise gab es einen Zwischenfall

November 7, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie schnell man Anders denkt

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff im Video und an der Wand, Sophia Löffler Bild: © Matthias Heschl

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff im Video und an der Wand, Sophia Löffler
Bild: © Matthias Heschl

Da ist es passiert. Als vom „europäischen Projekt“ die Rede war und davon, es zu schützen, etwas zu bewegen und verändern zu wollen. Als man innerlich applaudierte und schon über die Sinnhaftigkeit des politischen Mordes philosophierte. Da kam der eine entlarvende Satz und – es ist Breivik. Wie schnell man Anders denkt. Wo man doch dachte, man sei gefeit gegen dieses „Ich mag ihn nicht, aber in einem hat er schon recht“, gegen dieses rausgerotzte HaaaCee – Gesundheit! Perfide, ein Publikum so in die Falle zu locken. Böse. Bravo. Das ist, ist ihm zu unterstellen, genau, was Chris Thorpe will, geht es doch auch in seinem Bühnensolo „Confirmation“, das er am 15. November im Schauspielhaus Wien performen wird, um die dünne Linie zwischen Argument und Agitation.

Der neue Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen holt den gefeierten britischen Dramatiker endlich nach Wien, die zweite Produktion am Haus war seine Premiere: „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ als deutschsprachige Erstaufführung. Passend ins Konzept, weil sich auch Thorpe dem Devised Theatre verschrieben hat, bei dem Autorschaft Gemeinschaftswerk ist. Thorpe ist so poetisch wie politisch, sein Text ausgeatmetes Statement, am Anfang war das Wort, dann Literatur. Papier werden sie noch essen auf der Bühne. Dort stehen vier, eigentlich drei und eine geteilte, Figuren nebeneinander, die ineinander monologisieren und, wie es Regisseur Marco Štorman wunderbar gelöst hat, in Dialog treten, ohne miteinander zu sprechen. Die Geste ist im Politischen bedeutsam. Jeder Blick zählt eine Stimme. Auftreten: Die Politikerin, ehemals Bürgerrechtlerin, nun Diktatorin, die sich mit einem Volksaufstand konfrontiert sieht. Der Mann, ein Geheimdienstler?, nein: Fotograf Jeff Widener, der einen Mann beobachtet, der sich mit seinen Einkaufssackerln vor die auf den Platz zurollenden Panzer stellt. Die Flüchtlingsfrau im Flugzeug. Jemand wird verhört. In einem Verschlag, versteckte Kamera.

Thorpe hat Text montiert, eine Assoziationsfläche freigeschaltet. Anders Breivik und Boko Haram, die Ceaușescus auf dem Balkon, der Al-Shabaab-Mörder Mohammed Ahmed Mohamed, der sich mit einer Burka unkenntlich machte und so Scotland Yard entkam, auch Al-Qaida und IS haben sich schon gedragt, Putin, Breschnew, Bokassa …  Der Tank Man auf dem Tian’an Men Platz. Ob er exekutiert wurde? „Er lebt noch, das ist so ein Gefühl von mir“, sagte Widener. Eine Folterversuchsanordnung mit Klebeband. Štorman erzählt zu Thorpes Story seine eigenen Bildgeschichten. Ein Film läuft ab. Der Mensch als Aufmarsch in Auflaufform. Am Ende suchen die drei Schauspieler als Forensiker in Schutzkleidung nach den Überresten des Flugzeugsabsturzes. Wie Astronauten sehen sie aus, als ließe sich das alles nur von außen begreifen. Die Flüchtlingsfrau … „… gab es einen Zwischenfall“. Lockerbie ist immer noch eine offene Wunde.

Vassilissa Reznikoff spielt diese Schutzsuchende, Steffen Link den Fotografen, dem eine Momentaufnahme des für einen Moment wichtigsten Mannes der Welt gelang, Sophia Löffler die ans Mikrophon geklammerte Politikerin. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. An Schreibtischen sitzend beginnen sie, langsam, leise, singen Thorpes verstörend melancholische Sprachmelodie. Mit der professionellen Freundlichkeit von Krankenbetreuern konterkarieren sie die Grauenhaftigkeit des Geschilderten. Doch das eskaliert, das muss explodieren. Der Text wird dichter. Intensiv erzählen sie dann von sich und den anderen, schauen sich nach Bestätigung um, geben einander Halt, Schutz suchen sie alle, die Opfer und die Täter und die um Objektivität ringenden Beobachter. Der indonesische Journalist und Menschenrechtsaktivist Seno Gumira Ajidarma hat so einen Roman über Ost-Timor geschrieben, er heißt „Jazz, Parfüm & Der Zwischenfallwww.mottingers-meinung.at/?p=15341

Wieder reingefallen, die Historie dient der Bespiegelung. Thorpe verweist auf Behauptung, verweist auf die Wahrnehmung von Ereignissen und wie diese sie wandelt. War da was? „Möglicherweise gab es einen ….“ Die Situation beklemmt, die Zeit steht. Stille. „Ich wollte eine Art Pause schaffen, um nachzudenken“, sagte Breivik. Wie ein perverser Krimi ist das, man will wissen, wie und wer und wie zusammen, und muss nicht Antworten suchen, sondern neue Fragen stellen. Das Foto wird als Instrument der Manipulation entlarvt. Die Nachricht. „Als ich die erste Zeitung schließen musste, tat ich es, weil ich an Pressefreiheit glaube.“ Berührend, beinah schön, das Schlussbild, wenn die Darsteller aus ihrer Kleidung steigen und damit und den Stühlen die Toten formen. Thorpe zeigt alle Spielarten von Terror. Um Ordnung zu erhalten, um sie zu (zer)stören. Mit Terror ist ein Staat zu machen. Thorpe erzählt von Führerwahn und Staatsstreichverblendung und schleichendem Faschismus. Sein Stück nimmt jede Sicherheit. Es dringt unterm Bewusstsein vor ins Hirn. Die Schweigespirale dreht sich. Pegida reißt das Maul auf. Simon Stephens sagt: „Nobody makes me think harder than Chris Thorpe“. Also!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0I37ltgF3d8

TIPP: Chris Thorpe spielt am 15. 11. „Confirmation“: www.youtube.com/watch?v=l4VRYMM0bKo

Auftakt im Schauspielhaus Wien, Rezension „Punk & Politik“: www.mottingers-meinung.at/?p=15730

www.schauspielhaus.at

Wien, 7. 11. 2015