Claudia Kottal im Gespräch

November 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin gern die Super-Tschuschin“

Claudia Kottal: "Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen" Bild: Bettina Frenzel

Claudia Kottal: „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“
Bild: Bettina Frenzel

Auf ORFeins ist sie jeden Dienstag als Kripo-Beamtin Leila Mikulov in „CopStories“ zu sehen, doch gerade ist Drehpause und so macht Claudia Kottal Theater. Am 10. November hat im KosmosTheater „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ Premiere. In der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks des Australiers Robert Hewett spielt sie sieben Rollen, sieben Menschen, die einander verraten, verlassen, lieben, vermissen. Denn Chrissie, blond, wird in einem Einkaufszentrum von einer Rothaarigen brutal attackiert, Rhonda, rothaarig, ist mit Graham verheiratet, Lynette, brünett, hat Graham mit einer Blonden gesehen, und alle Frauen haben ihre eigene Wahrheit dazu. Regie führt Christine Wipplinger. Claudia Kottal gründet außerdem gerade einen Theaterverein: „Migrationshintergrund am Arsch“. Warum der so heißt und, dass sie Mitwirkende für „Kottals Kapelle“ sucht, erklärt sie im Gespräch:

MM: Sie spielen am KosmosTheater „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“. Wie sind Sie zu diesem Stück gekommen?

Claudia Kottal: Ich kenne Regisseurin Christine Wipplinger schon seit Jahren, wir haben immer wieder gesagt, wir müssten was miteinander machen, aber es kam nie dazu. Christine hat einen Bruder, der in Australien lebt, und da ist sie wohl auf den Text des Autors Robert Hewitt gestoßen. Der hatte gar nie vor, dass er übersetzt wird, und wollte ihn außerdem nicht für ein so kleines Haus wie das KosmosTheater. In Australien wird sein Stück nämlich in 800-Leute-Häusern gespielt. Aber jetzt ist er ganz glücklich und kommt sogar auf eigene Kosten zur Premiere. Für mich ist das eine Riesenherausforderung, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein Ein-Personen-Stück spiele. Ich bin schon sehr aufgeregt.

MM: Das kann man sich vorstellen. Den meisten Schauspielerinnen und Schauspielern graust schon vor einem Monolog, Sie gestalten sieben.

Kottal: Der Beruf ist ja eigentlich miteinander spielen, mit einem Bühnenpartner. Ich hasse sogar die Monologe, wenn ich wo vorspreche. Und nun das!

MM: Sieben Gestalten, sieben Ausdrucksweisen, sieben Sprachen – wie sehr stehen Sie schon am Rande der Schizophrenie?

Kottal (sie lacht)Ja. Ich versuche alles zu überblicken. Ich bin zum Glück sehr gesund, aber ich verstehe, wenn Leute in unserm Job ein bisschen verrückt werden. Im Prinzip erzählen sieben verschiedene Figuren einen Unfallhergang. Ich sage das zumindest so.

MM: Ich hätte gerne, dass sich die sieben am Ende als eine entpuppen und, dass der Unfall ein Mord ist.

Kottal: Ich sage nichts mehr. Ich möchte doch nicht die Spannung ermorden. Wir lassen das eine oder andere offen, ja? Für mich ist es jedenfalls sehr spannend von so vielen verschiedenen Blickwinkeln auf eine Situation zu schauen.

MM: Entwickelt man beim Proben eine Vorliebe für eine Figur? Ich frage mich oft, wie Menschen gegen sich selber Schach spielen können ohne parteiisch für eine Farbe zu sein, jetzt frage ich, wie spielt man mit sich selbst Theater?

Kottal: Ich spiele ja mit dem Publikum, nicht mit mir selber. Beim Lesen hatte ich tatsächlich eine Lieblingsfigur, sogar zwei, aber mittlerweile sind sie’s nicht mehr. Ich hatte auch eine, die ich gehasst habe, weil ich ihre Motive nicht verstand, aber jetzt mittlerweile finde ich’s gut, dass es so viele gibt, weil ich mich abwechseln kann.

MM: Eine Frauenfrage: Wenn man sich mit den unterschiedlichsten Perücken und Haarfarben sieht, kommt man da privat auch auf eine Idee?

Kottal: Nein, um Gottes Willen. Ich wollte einmal blond sein, das hat überhaupt nicht geklappt. Das war hier gelb, dort orange. Am nächsten Tag habe ich zurückgefärbt.

MM: Theater war Ihre erste Liebe, bevor Sie mit Film und Fernsehen bekannt geworden sind. Wie kam’s zu dieser Liebe?

Kottal: Kann ich gar nicht sagen, ich wollte das immer schon machen. Aber ich war mir lange nicht sicher, ob es das Richtige für mich ist, weil ich ein sehr schüchterner Mensch bin. Ich habe schon Schultheater gespielt, ich war so ein Kind, das kenne ich auch von Freunden, das alles rausgehaut hat, dann mit 16 in der Pubertät habe ich mir gesagt: Claudia, das kannst du nicht, mach’ das ja nicht. Und dann habe ich doch am Konservatorium Wien studiert. Aber ich habe lange gebraucht, um mich freizuspielen. Die vier Jahre Studium und die ersten vier Jahre im Beruf hat mir das Spielen überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich fand mich nicht gut, und die Leute fanden mich auch nicht gut, das war ein bisschen schwierig.

MM: Sie sind aber zäh, wenn Sie trotzdem drangeblieben sind.

Kottal: Weil ich wusste, das ich das kann. Aber ich habe mich so lange nicht getraut. Ich war total verklemmt. Ich habe mir gesagt: Claudia, lass’ es. Warum was machen, was keinen Spaß macht, noch dazu, wo man am Theater kein Geld verdient? Dann habe ich mit Hans Escher bei den Wiener Wortstätten gearbeitet, „Das Stück“ hat das geheißen, da habe ich eine serbische Nutte gespielt, und der hat mir ins Gewissen geredet. Am Anfang war es furchtbar, aber dann habe ich mit Akzent gespielt – und es ging plötzlich. Mit Akzent habe ich mich getraut.

MM: Die serbische Nutte und die montenegrinische Kommissarin sind das Figuren, die Ihnen passieren? Das biber hat geschrieben, Sie seien eine „Super-Tschuschin“.

Kottal: Ja sicher, wenn die das schreiben sowieso. Ich habe kein Problem damit, ich bin gern die Super-Tschuschin. Der Beruf ist auf eine gewisse Weise äußerlich, Fernsehen noch viel mehr. Und ich kann halt sehr gut mit Sprachen und Akzenten. Ich habe allerdings keine jugoslawischen Wurzeln, sondern bin mütterlicherseits halbe Polin. Womit ich tatsächlich ein Problem habe, ist, dass sich Drehen und Theaterspielen so schwer vereinbaren lassen. Ich mache beides gern.

MM: Gedreht wird offenbar gerade nicht, weil Sie einen heißen Theaterherbst haben. Außer dem KosmosTheater sind Sie auch noch am Volkstheater als Salerl in Nestroys „Zu ebener Erde und im ersten Stock“.

Kottal: Und in der Wiederaufnahme der „Proletenpassion 2015 ff.“ im Werk X (eben erst ausgezeichnet mit dem Nestroy-Preis in der Kategorie „Beste Off-Produktion“, Anm., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411). Ja, es stimmt, wir haben „CopStories“, Staffel vier gedreht, jetzt ist Pause, also mache ich andere Sachen. Heute war erste Bühnenprobe im Volkstheater. Das ist schon was, das große Haus, der große Raum – diesbezüglich bin ich ein bisschen Anfängerin, was für mich immer schwierig ist, wieder Anfängerin zu sein. Aber die Kollegen sind alle nett und Regisseurin Susanne Lietzow sowieso, ich fühle mich also sehr gut aufgehoben. Und Anfang April mache ich dann noch „Das Spiel: Die Möwe“ mit Arturas Valudskis im TAG, da spiele ich die Mascha. Darauf freue ich mich schon sehr, weil Valudskis eine ganz besondere Art hat, Theater zu machen. Ich habe schon einige Produktionen von ihm gesehen, aber wir kennen einander noch nicht wirklich.

MM: War’s das?

Kottal: Eigentlich nicht. Soll ich noch was sagen?

MM: Bitte.

Kottal: Ich gründe gerade einen Theaterverein, der heißt „Migrationshintergrund am Arsch“. Wir machen im OFF-Theater ein Stück von István Örkény, „Familie Tót“, das ist eine Farce über einen Offizier im Zweiten Weltkrieg, der auf Urlaub zu seiner Familie ins Dorf heimfährt. Und die Familie will alles für ihn tun, damit er den Krieg gesund übersteht. Es ist wahnwitzig lustig, aber auch sehr tragisch. Regie führt der Musiker Imre Lichtenberger-Bozoki, es spielen nur Frauen, auch die Männerrollen, also ich spiele einen Mann. Mit dabei sind Julia Schranz, Suse Lichtenberger, Anna Kramer und Constanze Passin. Das Stück ist in Ungarn sehr bekannt, der Stoff ist auch ein Filmklassiker, nur in Österreich wurde es noch nie gespielt. Das ist eben das, was wir mit dem Verein tun wollen: Ich kenne so viele tolle Stücke aus Osteuropa und will noch mehr entdecken, meine Tante ist auch Schauspielerin in Polen, die will ich nach Österreich holen. Ich spreche polnisch, Imre serbisch und ungarisch, da sind wir punkto übersetzen schon ganz gut aufgestellt.

MM: Sie machen es sich gern ein bisschen schwer, oder? Sie sagen beim Theater verdient man nichts. Und kaum verdienen Sie beim Fernsehen was, pulvern Sie es in einen Theaterverein.

Kottal: Jahaha. Na ja, wie’s halt kommt. Im Sommer drehe ich hoffentlich wieder. Wir sind aber dankenswerter Weise auch vom Kulturamt der Stadt Wien subventioniert.

MM: Sie haben über sich einmal geschrieben „Jeder Muskel meines Körpers verspannt sich, wenn er beim gegenüber ein ,Du musst’ entschlüsselt. Also müssen Sie aus eigenem Antrieb?

Kottal: Klingt wie ein Problem mit Vorgesetzten, oder? Das ist der Vorteil, wenn man frei und überall zu Gast ist oder eigene Projekte macht. Dass man allein entscheiden kann, ist aber auch eine Utopie, es gibt immer einen, der einem sagt, wo’s langgeht. Früher wollte ich immer in einem fixen Ensemble sein, dort hat man ein soziales Auffangnetz, wenn was schiefgehen würde. Darüber mache ich mir schon Sorgen, keine schlaflosen Nächte, aber ich mache mir Gedanken, wie’s laufen soll, wenn es einmal nicht mehr läuft. Aber mittlerweile sage ich nichts mehr zu, was ich nicht wirklich machen will.

MM: Und mit „Migrationshintergrund am Arsch“ wollen Sie uns was sagen?

Kottal: Das ist ein Begriff, den so viele Leute hassen. Ich ja gar nicht. Ich kenne Leute, die sich aufregen, wenn sie gefragt werden, woher sie kommen; ich finde, das ist keine Beleidigung, ich finde die Vielfalt schön. Für mich soll der Name sagen, wir beschäftigen uns mit Theater aus dem Ausland, das aber eigentlich nicht aus dem Ausland ist, weil wir alle aus dem Ausland, also Migranten, sind. Falls ich das so erklären kann … Als nächstes habe ich ein serbisches, dann ein polnisches Stück im Kopf. Irgendwo muss man sich positionieren, und das ist die Position, mit der ich am besten leben kann.

MM: Zu dieser Position gehört auch, nach Traiskirchen zu fahren?

Kottal: Wir haben einfach nur Spenden vorbeigebracht. Das war Kleidung, die wir sowieso der Caritas geben wollten. Aber dann haben wir gesehen, wie viele dort frieren, also sind wir noch einmal losgefahren und haben noch mehr gebracht. Wir waren auch am Westbahnhof, weil ich gern mehr machen wollte. Die Leute in der Theaterszene sind ja sehr aktiv, und auch die „Cops“ haben einen Bus besorgt, mit dem warme Sachen hingebracht wurden. Es ist ein Wahnsinn, was da gerade in der Welt passiert …

MM: Gibt’s eigentlich schon so was wie den Kottal-Effekt? Dass die Leute, die Sie aus dem Fernsehen kennen, ins Theater Kottal-Schauen kommen?

Kottal: Das werden wir hier im KosmosTheater ja jetzt sehen. Es gab schon mit der „Laura Rudas“ in den „Staatskünstlern“ so einen Medienhype, da habe ich mir immer gesagt: Gewöhn’ dich nicht daran, gewöhn dich nicht daran … So viel mehr Rollen habe ich deswegen auch nicht bekommen, also mal sehen, wie es weitergeht. Wenn ich lese, dass eine Kollegin das oder das macht, denke ich mir, Jössas, und ich mache nichts, wenn ich nichts zu tun habe. Weil man Angst hat, die ist einfach mit dabei.

MM: Ein positives Ende? Ich mag nicht fragen, ob Sie mit Ihrem Hund polnisch sprechen und wie es Ihnen mit der Zahnlücke geht.

Kottal: Zu erstem: Ja. Zum zweiten: Meine erste Agentin wollte, dass ich sie entfernen lasse, aber ich weiß gar nicht, ob das geht, und bin mittlerweile froh, dass ich sie habe. Positiv: Eine Band wär’ cool. Ich mache gerne Musik, ich singe, und suche Musiker für eine Band. Ich habe schon einmal einen Aufruf gemacht, und niemand hat sich gemeldet.

MM: Na, dann wiederholen wir das doch!

Kottal: Ja, also bitte melden für „Kottals Kapelle“. Das hat der Wiener damals geschrieben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=g7Cud_uN1CQ

www.claudiakottal.com

www.kosmostheater.at

Wien, 6. 11. 2015