Theater zum Fürchten: Von Mäusen und Menschen

November 4, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ausflug ins Land der verlorenen Seelen

Paul Basonga als Lennie, Melanie Flicker als Curleys Frau Bild: Bettina Frenzel

Paul Basonga als Lennie, Melanie Flicker als Curleys Frau
Bild: Bettina Frenzel

Der schlechte Scherz vom Staubtüchl, das man dafür wohl einstecken müsse, war zugegeben der erste Gedanke anlässlich Bruno Max‘ Ankündigung John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ auf die Bühne bringen zu wollen. Tagelöhner im kalifornischen Hinterpfuiteufel anno Tobak. Na, das interessiert einen dringend. Tut es. Der Regisseur wischt vorgefasste Meinungen aus dem Handgelenk beiseite, es ist ihm ja Programm, jede Präjudikation aus den Köpfen zu fegen.

Das Theater zum Fürchten zeigt Bruno Max‘ Bühnenfassung der 1937er-Novelle nun in der Wiener Scala. Und es ist nicht so, dass man nicht jeden Moment erwartet hätte, den Kojoten heulen zu hören. Das zusammen mit Marcus Ganser entwickelte Bühnenbild und die Kostüme von Alexandra Fitzinger sind, sagen wir, naturalistisch. Das ist schön anzuschauen, dieser Bretterverschlag vor wechselnd Sonnenauf- und -untergang überm weiten Weizenfeld, der sich flugs in ein enges Mannschaftsquartier verwandeln lässt, die erdigen Männer in Jeanslatzhosen und mit verfledderten Strohhüten, die Frau im sexygirlie Neckholderkleidchen, der Sound eine weinende Slide Gitarre, und es schreit laut: Salinas here we come. Alles einsteigen für die Zeitreise.

Aber dann ist da 2015. Und Bruno Max erzählt eine Geschichte von Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehören dürfen. Erzählt davon, wie prekäre Arbeitsverhältnisse Menschen verwildern lassen. Erzählt von einem Kampf um Selbstbestimmung in einem System moderner Sklaverei und hält gleichzeitig ein Plädoyer für Chancengleichheit. Und nicht erst, wenn Candy sagt, dass jeder einen Platz brauche, wo er leben und von niemandem mehr vertrieben werden kann, ist man angekommen. Über dem Abend liegt als Grundstimmung Grauschleier, es ist klar, dass hier nichts Gutes passieren wird, und Bruno Max dreht sachte, aber ständig an der Gewaltschraube. Das Spiel nimmt mehr und mehr Fahrt auf, bis zur befürchteten Eskalation. Im ersten Satz dieses Kammerspiels ist sein Ende festgeschrieben. Und nie zuvor kam es einem so vor, dass hier drei Mal Kain und Abel abgehandelt werden: George und Lennie, Slim und Curley, Carlson und Candy – ungleiche Brüder, die nicht mit und nicht ohne einander können. Die auf perverse Weise füreinander eben jener Platz sind, wo man hingehört. Vor allem Lennie, mit dem’s kein Leben ist, aber ohne den der Lebenswille fehlt.

Irgendwie hat man das anders in Erinnerung, vom Lesen und von Lon Chaney junior, der außer Lennie bevorzugt ein „Vom Menschen geschaffenes Monster“ (1941) und den Wolfsmensch spielte, kaltherziger, hartleibiger. In der Scala leben Arbeiter jenseits der Armutsgrenze ihren persönlichen amerikanischen Albtraum, Sehnsüchtler sind sie, die ihren Hoffnungen hinterherhinken, die sich in ihrer Einsamkeit wie zum Selbstschutz einigeln, denn wer keine Gefühle zeigt, wer Pessimist aus Passion ist, kann nicht mehr enttäuscht werden. Ein Ausflug ins Land der verlorenen Seelen.

Und dann ist da Paul Basonga. Man darf wohl jemanden, der erst dieses Jahr die Bühnenreifeprüfung ablegte, noch ein großes Talent nennen. Dieser österreichischafrikanische Bühnensturm www.paul-basonga.com ist ein überzeugender Lennie. Er geht die Figur anrührend ehrlich an; es ist immerhin kein leichtes, einen geistig Stehengebliebenen unpeinlich über die Rampe zu bringen, aber Basonga gelingt das. Die Statur stimmt, Riesenbaby mit Gigantenkraft, doch es stimmen auch Ausdruck und Sprache. Da ist einer, der keinen Ärger will, aber ständig welchen macht, und deshalb welchen kriegt. Sein Andersgeratensein flößt Lennie mindestens so viel Angst ein wie den anderen, und dennoch lässt Basonga in jeder Minute seines Spiels erkennen, dass in diesem freundlichen Kind eine Urgewalt schlummert, die es nicht beherrschen kann. Als hätte der Christengott bei seiner Geburt kurz weggeschaut. Stark die Schlussszene, in der Stephen Kings Blaze durchschimmert. In seinem einzigen lichten Moment spricht Lennie als die tote Tante Clara. Wie er in diesem Zwiegespräch das Mondgesicht zur Fratze verzerrt, da verwandelt sich „dumm“ doch noch in „verrückt“.

Philipp Stix ist dazu ein fabelhafter George, gesprächig, aber grummelig, ein besorgter Ersatzvater, und es wird auch in seiner Darstellung Basongas Qualität deutlich, weil man sich, selber schon ärgerlich, fragt, woher dieser George die Engelsgeduld mit diesem Idioten nimmt. Stix stellt glaubhaft den guten Menschen dar, dem keiner glaubt, dass er so gut sein kann. Er quält seinen George dem unvermeidlichen Stückende entgegen, und weil unlängst ein Schauspieler meinte, man solle ruhig sagen, wenn man Tränen in den Augen gehabt habe, weil Schauspieler das brauchen, weil sie von Zuschaueremotionen leben, also bitte, ja … Den Rest gibt einem dann Franz Robert Ceeh als erbarmungswürdiger Candy, die verlorenste aller Seelen, der zerbrochenste aller Träume, der mit echtem (!) Hund auftritt, wo man doch weiß, wie das ausgehen wird. Der Hund ist übrigens kein großes Talent, er wedelt erwartungsvoll dem Carlson entgegen, den Michael Werner nicht als Widerling, sondern als desillusionierten Realisten gestaltet. Roman Binder ist ein verständnisvoller Vorarbeiter Slim. Sebastian Blechinger gibt Juniorchef und Boxchampion Curley wie frisch von der Ponderosa, ein eifersüchtiger Hampelmann, und gerade deshalb so gefährlich; Blechinger könnte das „Weil vom Vater zum Sandsack degeneriert, drischt er auf die ihm Untergebenen ein“ dieses Leichtgewichts stärker auslegen. Melanie Flicker ist als Curleys Frau mehr als die namenlose nuttige Nemesis. Zwar ist klar, warum ihr blond onduliertes Pelzköpfchen zum Streicheln verführt, doch scheint sie weniger Verführerin, als wie alle anderen auf der Suche nach menschlicher Nähe und Wärme. Eine insgesamt gelungene Ensembleleistung in einer sehenswerten Inszenierung.

Bleibt die Feststellung, dass John Steinbeck, Chronist des Arbeiterelends und Gegner der Rassentrennung, zeitgemäßer gar nicht sein könnte, weil die vom Autor geschilderte Situation sich in den Zeiten wieder- und wiederholt. Bleibt ein Theatermacher wie Bruno Max, der nicht aufhört, mit dem Finger auf die eingeschränkte Lern- und Merkfähigkeit der Gesellschaft zu zeigen. Bleibt ein Theaterabend, der darauf hinweist, dass wir mitmenschliche Entwicklungen wie Sympathie für die Schwächeren und (sozial)partnerschaftliche Errungenschaften nicht plötzlich über Bord des Profitgierbootes werfen sollten. Denn die Welt hat sich seit 1937 schon gedreht, vorwärts, vorwärts, nicht zurück.

www.theaterzumfuerchten.at

www.theaterscala.at

Wien, 4. 11. 2015