Lampedusa im Winter

November 2, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Leben endet nicht, nur weil Asylwerber kommen“

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

„Hallo, wir sind auf See, unser Boot ist beschädigt. Hier sind Frauen und Kinder an Bord“, sagt eine Stimme in die Finsternis. Die Lösung wäre so einfach: Europa holt die Flüchtlinge ab, bevor sie in die seeuntüchtigen, wie nur zum Kentern gebauten Nussschalen steigen. Einfach. Menschlich. Ohne Lagermentalität, ohne bauliche Barriere, heißt: Zaun im Kopf. Mehr als 3200 Menschen kamen dieses Jahr bei ihrer gefährlichen Reise ums Leben, die meisten von ihnen Kinder. Der kleine Syrer Ailan Kurdi lag tot am Strand wie eine Puppe. Offenbar fällt es den Politikern schwer, die humanitäre Pflicht gegenüber Hilfesuchenden in Einklang zu bringen mit ihrer Wahltagspanik vor rechtspopulistischen Schreihälsen, die sich als Vox Populi an den von ihnen erfundenen „kleinen Mann“ anbiedern.

Die, die Europa erreichen, erreichen Lampedusa. Der Name längst ein Symbol, ein Synonym, eine Metapher für die Tragödie, denn wer kennt ihn schon, diesen nackten Felsen im Meer. Vom Norden, vom wohlhabenden Teil Europas aus betrachtet, scheint er wie eine Achillesferse, die Sorgen bereitet. Vom Süden aus ist er ein Tor der Hoffnung für unzählige Menschen auf der Flucht, für Verfolgte, die Rettung suchen. Man liest von Frontex und dazu die Worte suspekt und Abschottungsaktion. Man liest „mehr Flüchtlinge als Einwohner“. Bernd Liepold-Mosser hat dazu einen Theaterabend gestaltet: www.mottingers-meinung.at/?p=12669 Und noch einer hat genauer hingesehen. Der Wiener Filmemacher Jakob Brossmann. Er zeigt in seinem Film „Lampedusa im Winter“, der am 6. November in die Kinos kommt, sozusagen eine dritte Seite der Medaille, die vielen Grauschattierungen, die zwischen Schwarz und Weiß liegen, wenn Menschen zusammenleben. Brossmann hat mit großer Sensibilität beobachtet und dokumentiert, sein Blick als Regisseur ist behutsam und unaufdringlich.

„Lampedusa ist wahrscheinlich der am meisten von Migration und Flucht betroffene Ort der Welt“, sagt Brossmann im Interview. Für Tausende Flüchtlinge ist der Name ein Versprechen, für viele die Insel die Rettung, ihr erster Eindruck von Europa. Für 4500 Lampedusani aber bedeutet das ein Leben als Zeugen eines permanenten Scheitern Europas. Seit Jahren kämpfen sie mit dem Ausnahmezustand. Die winzige Insel am Rande des Kontinents ringt verzweifelt um ihre Würde – und um Verständnis für die Bootsflüchtlinge, obwohl viele sie für den Grund der andauernden Krise halten. „Ich wollte wissen, was das in einer Gemeinschaft verschiebt. Ich wollte“, so Brossmann, „diese Lebensrealität beschreiben. Ich entschied während des Winters zu arbeiten, wo die Insel in dem Zustand der ,Insularità‘ auf sich zurückgeworfen ist, wo die Touristen und die Medien verschwunden sind, und existentielle Fragen sichtbar werden. Sehr schnell stellte sich heraus, dass nicht die Flüchtlinge das Problem der Insel sind. Ich entdeckte auf Lampedusa, dass die dortige Situation nicht, wie man als europäischer Medienkonsument meinen möchte, ein Nährboden für Rassismus und Xenophobie ist. Im Gegenteil: Es findet hier eine Form von Solidarität statt – die nicht immer zum Zug kommt, aber grundsätzlich vorhanden ist. Denn die Inselbewohner sehen sich als Opfer derselben zynischen Politik wie die Flüchtlinge. Daher nimmt der Film nicht nur eine Perspektive auf Lampedusa ein, sondern zeigt vor allem eine lampedusanische Sicht der Dinge.“

Und so sieht man den friedlichen Aufstand der Fischer gegen das inkompetente Fährunternehmen, das seinen Auftrag verschlampt, die Verbindung mit dem Festland zu gewährleisten. Beobachtet das Juniorenfußballteam, das gewissenhaft trainiert, um sich auf die Saison vorzubereiten. Erhält Einblick in das Museum der Meerestragödien, eröffnet von jemandem, der mit Herzblut gefundene Habseligkeiten von Schiffsbrüchigen einsammelt, von Briefen bis zu Rettungswesten. Da ist die kämpferische Bürgermeisterin Giusi Nicolini, die sich für alle einsetzt, Einheimische wie Migranten. Einer der Kernmomente des Films ist, wie sie sich mit ausgebreiteten Armen vor 25 Flüchtlinge stellt und sich für die in Europa herrschenden Gesetze entschuldigt. Sie hat die Regeln nicht gemacht. Da ist eine Gruppe Flüchtlinge, die protestiert, weil ihr die Weiterreise nach Portugal durch Bürokratie verunmöglicht wird. Der Film gibt auch der Institution Küstenwache eine menschliche Dimension und zeigt, was die Einsätze auf dem Meer mit diesen Menschen machen und von ihnen fordern. Der Film begleitet das winterliche Leben vieler Leute, die in ihrem Dialekt, der aus der Zeit der Piraten stammt, alle Ankömmlinge einfach als „Türken“ bezeichnen. Doch dann versuchen sie, diese mit großer Wärme aufzunehmen. Die Lampedusani erleben aus nächster Nähe, wie eine kleine Gesetzesänderung plötzlich unermessliches Leid bringt und wie als „natürliche Phänomene“ Verkauftes auf politischer Ebene dazu gemacht wird. Brossmann: „Die risikoreichen Überfahrten sind ein direktes Resultat der Zäune von Ceuta und Melilla, und ähnlicher Anlagen, die man überall errichtet. Sie sind unmittelbare Auswirkungen von Gesetzestexten. Die Lampedusani haben selbst erlebt, wie ihre Insel instrumentalisiert wurde, um Bilder einer ,Invasion‘ zu erzeugen“.

„Lampedusa im Winter“ enthält abseits der Beschreibung konkreter Zustände auch eine essayistische Komponente über das Wollen im Kleinen und das Nichtkönnen(wollen?) im größeren Zusammenhang. Er ist eine Ohrfeige für Brüssel. Und den Rest einer Welt, von der nicht zuletzt unbeweglich und wenig bewegt die USA und Kanada überzeugt sind, nicht dazuzugehören und ergo mit deren Problemen nichts zu tun zu haben. Außer, in ersterem Fall, einem Konflikt kann mit Bombardements begegnet werden. Brossmann überschreitet nie die Grenze des Darstellbaren, des Fassbaren, der Pietät. Er setzt nicht auf Effekt. Wodurch er die Effekthascherei anderer durchschaubar macht. „Lampedusa im Winter“ transportiert eine klare Gegenstimme zum Diskurs, der im medialen Mainstream herrscht. Lampedusa ist klein, so klein, dass den Einwohnern das Wegschauen unmöglich gemacht ist. Sie müssen sich mit Leid und Tod und Elend auseinandersetzen, müssen selber verarbeiten, was den Flüchtlingen passiert und passiert ist, bevor sie angekommen sind. Sie erleben beinah täglich, wie sich das Glück des Geretteten in blanke Verzweiflung über das europäische Asylwesen verwandelt. Und sie leben trotzdem weiter. „Eines der Dinge, die einem Lampedusa geben kann, ist Zuversicht“, sagt Brossmann. „Die Botschaft für uns ist: Das Leben endet nicht, weil 70.000 Asylwerber nach Österreich kommen. Ich frage mich seit diesen Dreharbeiten immer wieder, wie diese Annahme überhaupt aufkommen kann“. Bleibt zu wünschen, dass dieser Film und seine Botschaft nicht nur einen eingeschworenen Kreis an Dokumentarfilm-Connaisseuren erreicht, sondern ein möglichst großes Publikum.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=drXnFXhjYSo

lampedusaimwinter.derfilm.at

Wien, 2. 11. 2015