Michael Fassbender ist „Macbeth“

Oktober 27, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Soldat mit posttraumatischer Belastungsstörung

Michael Fassbender und Marion Cotillard Bild: Studiocanal/Allstar

Michael Fassbender und Marion Cotillard
Bild: Studiocanal/The Weinstein Company

Sie leben ja tatsächlich eine Albtraumehe, Lord und Lady Macbeth, aber Michael Fassbender und Marion Cotillard sind als solche ein Traumpaar. Der australische Regisseur Justin Kurzel, der mit dem Serienmord-Thriller „Snowtown“ bekannter wurde und vor seiner Kinokarriere Bühnenbildner am Theater war, machte sich daran, Shakespeares schottisches Stück zu verfilmen.

Nach Adaptionen des archaischen Dramas durch Leinwandgenies wie Orson Welles, Akira Kurasawa und Roman Polanski ein gewagtes Unterfangen und doch eine Übung, die gelungen ist. Kurzels „Macbeth“, ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen, ist der Film zur Zeit. „Shakespeare für die Game-of-Thrones-Generation“, schreiben Kollegen. Und als ausgewiesener GoT-Fan mag man das bestätigen. Die Produktion ist blutig-bildgewaltig, so rau wie die Landschaft, in der sie, und die Charaktere, mit denen sie spielt. Mit Akribie in der vom britischen Barden vorgegebenen Unzeit verhaftet und doch an einem Heute angedockt, in der gnadenlose Kriege Flüchtlingsströme vor sich her treiben.

In fahlen, fast farblosen Szenarien zeigt Kurzel drastisch und direkt, was der Dramatiker wortgewaltig schildert: Was der Krieg mit Menschen macht. Der Filmemacher traut sich eine moderne Erklärung für die plötzliche Wandlung vom treuen Vasallen zum mordlüsternen Tyrannen zu – der neue Macbeth leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ausgelöst hat die soldatische Krise die grausame Schlacht gegen Rebellenführer Macdonald. Das apokalyptische Gemetzel, aus dem Macbeth und sein Gefährte Banquo nur dank ihrer Kühnheit siegreich hervorgehen, ist wegen der nahe am Bodenmatsch angebrachten Kameras in seiner ganzen Brutalität zu erleben: Im kargen Hochland, umhüllt von Kälte und Nebel, gehen kindergesichtige Soldaten auf einander los, stechen und hauen und sterben. Brüllend und wimmernd. In slow motion. Und damit nicht genug, der Heerführer hat mit seiner Frau auch einen privaten Schmerz zu bewältigen. Wie um ein für alle mal die Frage nach ihrer Kinderlosigkeit zu erklären, betrauern die Macbeths zu Beginn des Films den Tod ihres einzigen Erben. Macbeth legt ihm Steine in die Augenhöhlen, bevor man ihn in der öden Landschaft verbrennt. Als ob sie die innerliche Leere nun antreiben würde, beschließen sie ob dieses Schicksalsschlags das Schicksal beim Schopf zu packen, die Weissagung der Hexen anzunehmen und die ruchlosen Taten umzusetzen.

Kurzel hat Shakespeare zwar textlich reduziert, doch bleibt er beim Vers. In der unbedingt sehenswerten englischen Fassung klingen die Worte dennoch ungeschliffen hingeraunt. Vorgetragen werden sie von einem erstklassigen Ensemble. Der charismatische Michael Fassbender hat sich Macbeth anverwandelt. Er spielt mit dem gedämpften Furor eines Leidenden, changiert zwischen introvertierter Verletztheit und der erschreckend plötzlich ausbrechenden Wut eines Mörders. Die größere schauspielerische Sensation ist allerdings Marion Cotillard, die die Zuschauer tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Ihre Lady wandelt, wie man sie kennt, fiebrig und schon vom Wahn gezeichnet dem Ende entgegen. Doch ihr mal verwegener, mal verwehter Blick sagt der Kamera mehr, als Sätze es könnten. Fassbender und Cotillard spielen ohne große Theatergeste, sondern mit einem beinah zwanghaften Hang zur Intimität. Dieser „Macbeth“ ist tatsächlich ein Kinofilm, nicht abgefilmte Bühne. „Das war etwas, das ich wirklich machen wollte” sagte Michael Fassbender im Interview über seine Rolle. “Das Wichtigste für mich war, dass es ein Film wird, den auch 15- oder 16-Jährige sehen wollen. Bei vielen steht Macbeth auf dem Lehrplan. Wenn man Shakespeare Wort für Wort interpretiert, schwant einem nichts Gutes. Das sorgt für eine mentale Sperre. Vielleicht reißt diese Version Jugendliche mit.”

Ganz ehrlich? Nicht nur die.

www.macbeth-film.de

Wien, 27. 10. 2015